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Pflege Angehöriger "Wollt ihr sie nicht lieber weggeben?"

Was tun, wenn Mutter und Oma plötzlich beide nicht mehr können? Vier Geschwister erzählen, wie sie die Pflege in den eigenen vier Wänden organisiert haben. Bis zum Tod. Interview:

Mehr als 3,5 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Auf ZEIT ONLINE widmen wir uns ihnen und ihren Angehörigen im Schwerpunkt "Sprechen wir über Pflege". Zwei Drittel der Pflegebedürftigen leben zu Hause, viele werden versorgt von Familienmitgliedern.

Da sind zum Beispiel die Bielfeldts aus Schleswig-Holstein: Vier Geschwister, deren Mutter Mitte Dezember nach kurzer schwerer Krankheit verstorben ist, nun pflegen sie weiterhin die Großmutter. Markus, der jüngste Bruder, lebt mit ihr an dem Ort, an dem auch die Mutter ihre letzten Tage verbracht hat, die anderen im Umkreis von circa 200 Kilometern.

ZEITmagazin ONLINE: Ihre Mutter hat sich bis September um die Großmutter gekümmert, dann ging das plötzlich nicht mehr. Gibt es einen Moment, wo sie explizit um Hilfe gebeten hat?

Markus: Es gab eine kurze WhatsApp-Nachricht von ihr in die Familiengruppe, dass sie Krebs hat, mehr nicht. Auf die hin haben wir uns natürlich bei ihr gemeldet. Und dann gab es einfach diese wahnsinnig schnelle Entwicklung. In den ersten vier Wochen hat sie stationär alle Behandlungsschritte durchlaufen, Anamnese, Erstbehandlung mit Chemo und so weiter. Und als diese vier Wochen rum waren, hat man schon gemerkt: Okay, jetzt kriegst du es halt nicht mehr hin! Du fitte Frau, die vor vier Wochen noch selbstständig in Haus und Garten gearbeitet hat, musst in den Rollstuhl und wir schieben dich durch die Gegend. Und da war eigentlich auch klar: Das geht nie wieder so, wie es bisher immer gegangen ist.

ZEITmagazin ONLINE: Wussten Sie zu dem Zeitpunkt, wie genau es um Ihre Mutter steht? Wie viel Zeit noch bleibt?

Markus: Meine Mutter selbst wollte nie wissen, wie schwer ihre Krankheit ist. Wir haben dann die Ärzte gefragt. Und als die sagten, wir behandeln rein palliativ, war uns klar: Jetzt geht’s ans Eingemachte!

ZEITmagazin ONLINE: Gab es irgendwelche Zweifel, ob Sie die Mutter zu Hause pflegen können und wollen?

Michaela: Niemals. Wir sind so aufgewachsen, dass wirklich immer jemand für uns dagewesen ist. Wenn sie da jetzt liegt und Hilfe braucht, dann kriegt sie Hilfe.

ZEITmagazin ONLINE: Hatten Sie eine behütete Kindheit?

Michaela: Schon. Und man kann sagen: Wir haben Familie gelernt. Wir haben ja einen ziemlich großen Altersunterschied, dementsprechend haben wir auch gar nicht allzu lange alle zusammengelebt. Ich zum Beispiel bin ausgezogen, als Markus in die zweite Klasse gekommen ist. Aber als es noch so war, gab es immer ein großes Miteinander.

ZEITmagazin ONLINE: Die anderen nicken sehr bestimmt. Können Sie noch mehr dazu sagen, wie genau das ausgesehen hat?

Meike: Zum Beispiel haben die, die noch zusammen zu Hause gewohnt haben, immer versucht, eine gemeinsame Mahlzeit einzunehmen, meistens das Abendbrot.

Michaela: Unsere Eltern hatten lange ein Taxiunternehmen, waren selbstständig, beide Vollzeit, dazu die vier Kinder unterschiedlichen Alters, das ist gar nicht so einfach gewesen.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Rolle haben die Großeltern damals gespielt?

Michaela: Na, die wohnten ja auch nicht allzu weit weg – unser Elternhaus ist nur 15 Kilometer vom Haus der Großeltern entfernt. In den Ferien waren wir ständig bei denen. Und auch sonst: Es gab ja Feste, Treffen, das alles.

Matthias: Zwischendurch kamen Oma und Opa auch ständig zu uns. Die gehörten dazu.

ZEITmagazin ONLINE: Zurück ins letzte Jahr: Jetzt kommt die Mutter nach Hause und ist pflegebedürftig. Haben Sie, Markus, sofort einen Notruf an Ihre Geschwister abgesetzt?

Markus: Zu dem Zeitpunkt war das noch gar nicht so dramatisch. Meine Mutter kam noch halbwegs gut zurecht und Oma war nach einem Krankenhausaufenthalt wieder zu Fuß im Haus unterwegs, konnte sich selber verpflegen, auf Toilette, das war da alles okay. Bis sie im Oktober gestürzt ist und sich den Oberschenkelhals gebrochen und durch unsauberes Arbeiten während der OP einen Keimeintrag in die Wunde erlitten hat. Die Wunde hat sich infiziert – und diese Infektion wird auch nicht mehr rausgehen. Daraufhin ist meine Oma jetzt bettlägerig, ist von Pflegegrad 2 auf Pflegegrad 5 hoch.

Markus Bielfeldt: "Wir wussten, dass das die letzten Wünsche von Oma und Mama sind, das haben sie wirklich immer wieder gesagt: zu Hause zu bleiben, nicht ins Heim zu müssen, nicht mehr ins Krankenhaus zu müssen und zu Hause zu sterben." © Paula Markert für ZEITmagazin ONLINE

ZEITmagazin ONLINE: Mussten Sie kurzfristig Ihr Leben umstrukturieren? Im Job reduzieren?

Markus: Ende November war klar, dass meine Mutter wirklich nichts mehr konnte und sogar Unterstützung brauchte, um auf Toilette zu gehen. Ich habe dann morgens noch Brote geschmiert, aber meine Mutter hat auch noch Hund und Katz, und dementsprechend früh bin ich aufgestanden, weil ich ja um sechs Uhr bei der Arbeit sein musste. Vormittags hat sich meine Frau gekümmert, aber irgendwann kam eine Nachricht: Ich schaff das nicht – und wir haben auch noch ein Baby und unseren Hund, das wird mir alles zu viel! Als dann noch die Oma aus dem Krankenhaus entlassen wurde, bin ich zu meinem Chef und habe gesagt: Hör zu, ich muss jetzt demnächst in Pflegezeit gehen. Ich habe das dann alles recherchiert und ihm dann noch mal gesagt: In 14 Tagen höre ich auf und melde mich ein halbes Jahr ab, so lange bin ich noch da. Dann war die Entwicklung aber so dramatisch, dass ich am nächsten Tag gesagt habe: Weißte was, ich höre heute auf, heute ist mein letzter Tag. Und obwohl darauf die Aussage kam, dass sie mir meinen Arbeitsplatz nach einem halben Jahr wohl nicht zurückgeben können, was in einem kleinen Betrieb auch völlig legal und in Ordnung ist, war das in dem Moment auch egal. Wir wussten, dass das die letzten Wünsche von Oma und Mama sind, das haben sie wirklich immer wieder gesagt: zu Hause zu bleiben, nicht ins Heim zu müssen, nicht mehr ins Krankenhaus zu müssen und zu Hause zu sterben.

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Mein Vater ist im Juli 2018 zu Hause gestürzt, kam dann erst auf die neurologische Station, dann in die geriartrische Reha, dann ins Pflegeheim. In der Reha hat uns niemand von der Möglichkeit eines ambulanten Hospizdienstes informiert. Mein Vater ist dann nach drei Wochen im Pflegeheim gestorben. Eine Nachbarin, die zum Sterben nach Hause entlassen worden war, hat sich mit Hilfe eines ambulanten Hospizdienstes so weit erholt, dass sie jetzt wieder mit Rollator laufen kann. Hätten wir - meine Mutter und ich - von einem ambulanten Hospizdienst gewusst, hätten wir meinen Vater nach Hause geholt. Leider bekamen wir keinen Hinweis darauf.