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"Polizeiruf 110" Magdeburg Die Legende von Paul und Pauline

Gesellschaftspolitische Impulse aus Magdeburg – wer hätte das vom "Polizeiruf" erwartet. Aber entpuppt sich dieser Fall um Transsexualität am Ende als alte Dramaqueen?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Eigentlich ist das ganz normaler Krimistoff: Ein Mordopfer wird an den Füßen gefesselt vorgefunden, es gibt einen vergleichbaren früheren Fall – und eine Person, die zu beiden Toten eine Verbindung hatte. Die steht dann, natürlich, unter Serientatverdacht. Aber ist das in diesem Magdeburger Polizeiruf überhaupt ein und dieselbe Person? Immerhin hieß sie zum Zeitpunkt der ersten Tat noch Paul und zum Zeitpunkt der zweiten Pauline. Sofort schließen sich weitere Fragen an: Ist Transsexualität ein gutes Thema für einen Primetime-Krimi? Sollte die transsexuelle Rolle auch von einer transsexuellen Person gespielt werden (statt von Alessija Lause)? Und wie schlagen sich eigentlich Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und ihr Kollege Dirk Köhler (Matthias Matschke) in ihrem fünften gemeinsamen Fall? Wenn dann noch ein zweiter Tatverdächtiger hinzukommt, der das eine Opfer nachweislich misshandelt hat, steht einem angemessen komplexen und unterhaltsamen Fernsehabend doch nichts mehr im Weg. Oder?

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über Transsexualität – ein Thema, das bislang kaum im Sonntagskrimi vorgekommen ist (von einem sehr guten Münchner Polizeiruf abgesehen).

Lars-Christian Daniels: Über eine Frau im falschen Körper, zehn rote Rosen und Sex mit hundertjährigen Hunden.

Matthias Dell: Über den Wartburg, den Freise (Sven Schelker) fährt – lange nicht gesehen.

Kirstin Lopau: Darüber, ob wir nicht eine neue große Frage der Liebe für die ZEIT gefunden haben: Musste oder müsste der Polizeipsychologe nicht Frau Brasch sagen, dass er eine Tochter hat? Und darüber, ob sie ihren Schatten noch erkennen können.

2. Was haben Sie aus diesem "Polizeiruf" gelernt?

Christian Buß: Magdeburg hat ja doch Potenzial. Ausgerechnet jenes Polizeiruf-Revier, das bislang am wenigsten durch gesellschaftspolitische Impulse aufgefallen ist, treibt die Krimireihe in Richtung Identitätspolitik.

Lars-Christian Daniels: Wenn ein alter Freund eines Ermittlers nach langer Zeit wiederauftaucht und auffallend viel Zeit vor der Kamera verbringen darf – dann ist das nicht nur im Tatort, sondern auch im Polizeiruf immer ein guter Grund für den Zuschauer, misstrauisch zu werden.

Matthias Dell: Dass nach Köln und Saarbrücken schon wieder ein ARD-Sonntagabendkrimi auf großes Drama am Schluss machen muss, statt einfach zu verhaften.

Kirstin Lopau: Vieles: "Manchmal soll es nicht sein." Oder auch: "Immer auf den Opa achten." Aber vor allem: "Koffein aktiviert Reserven, die man so gar nicht mehr hat. Da oben wird's dann immer leerer und leerer."

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Werden der spießige Sparkassen-Heini und die transsexuelle Blumenverkäuferin doch noch ein Paar?

Lars-Christian Daniels: "Kennen Sie irgendein schönes Wort für das weibliche Geschlecht?"

Matthias Dell: Was wird aus der Finca auf Lanzarote, die Ulf Meyer (André Jung) doch schon gekauft hatte?

Kirstin Lopau: Mussten diese wunderschönen Rosen wirklich von Hand zu Hand wandern, um dann jämmerlich in Plaste zu verdorren?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Obwohl es bei diesem Polizeiruf im Vorfeld schwierige Abwägungen zur Besetzung gab – darf eine nicht transsexuelle Schauspielerin eine transsexuelle Frau darstellen? –, ist er über weite Strecken glaubhaft und anrührend gespielt.

Lars-Christian Daniels: Keine – alle wichtigen Rollen sind überzeugend besetzt.

Matthias Dell: Keine. Wobei man sich natürlich fragen kann, ob es keine Trans-Schauspielerinnen gibt, die Pauline Schilling hätten verkörpern können.

Kirstin Lopau: Sven Schelker spielt den Jan Freise sehr überspitzt. Etwas weniger irre wäre mir lieber gewesen.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Keine Szene, aber von Lou Reeds brüchiger, aufwühlender Ballade Caroline Says II, die hier gespielt wird, während es in einer Kneipe zu Handgreiflichkeiten kommt.

Lars-Christian Daniels: Vom schmierigen Handwerker Jan Freise (Sven Schelker), der buchstäblich die Hand für seinen Rottweiler ins Feuer legt.

Matthias Dell: Die auf der Brücke, bei der Brasch (Claudia Michaelsen) und Köhler (Matthias Matschke) Chef Lemp (Felix Vörtler) zum Dienstjubiläum gratulieren – mit einer Erinnerungstafel.

Kirstin Lopau: Von den verwelkten Rosen – was für eine Schande!

6. Von 0 (superspannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Polizeiruf 110"?

Christian Buß: Zwei Schlafmützen. 😴 😴

Lars-Christian Daniels: Zwei Schlafmützen. 😴 😴

Matthias Dell: Fünf Schlafmützen. 😴 😴 😴 😴 😴

Kirstin Lopau: Drei Schlafmützen. 😴 😴 😴

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