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Veganismus Seid mal nicht so penetrant vegan

Das Leben ohne tierische Produkte hat seine Tücken: kein Ei in der Pfanne, dafür streitbare Fleischesser an der Backe. Am meisten nerven aber die anderen Veganer. Von

Ich bin Ausnahmeveganerin. Ich ernähre mich vegan – mit Ausnahmen. Bei Mamas Tollhouse-Cookies zum Beispiel werde ich schwach. Nach rund zehn Jahren ist man da nicht mehr so. Ich zumindest bin es nicht mehr. Bloß keine Dogmen. Und vor allem: Bloß kein Missionieren. Veganismus ist toll, und ich bin dafür, aber es ist nichts Neues. Gab es schon in der Steinzeit, da hieß es nur einfach "nichts gefangen".

Umso nerviger, wenn hier in Berlin die Hipster damit aus ihren Dinkelspelzkissen gekrochen kommen und glauben, sie müssten möglichst penetrant die frohe Botschaft verbreiten. Inzwischen poppen ja nicht mehr nur in Schicki-Micki-Prenzlberg vegane Fressbuden auf, sondern auch im Wedding und in meinem Schöneberger Heimatkiez, zwischen Shisha-Bars, Casinos und Ein-Euro-Läden.

Da kann man dann "Vöner" und "Vurst" kaufen. Fleischimitat aus Sägemehl? Bratlinge aus Algenknete? Wer weiß, klingt jedenfalls eklig. Aber da hängen jede Menge Leute rum. Sie tragen bunte Sneakers, sagen "mega" und "awesome" in papierdünne Mobiltelefone und reden permanent über veganes Essen: wie man es zubereitet, wo man es kaufen und wo man es essen kann. Was sie alles "entdeckt" haben. "Goldene Milch" höre ich, "Quinoa", und natürlich "Möhre-Ingwer". Die regen mich auf. Gerade mal seit drei Tagen von Camembert auf Cashewkäse umgestiegen, und jetzt gibt es kein anderes Thema mehr. So jung und schon so ätzend.

Steht eine Mittzwanzigerin mit ungekämmten Haaren – pardon, undone! vor mir in der Bioinsel und fragt, ob man "das Hummus" wie Streichkäse verwenden kann. Mein Impuls? Komm, Eule, ich zeig dir, wo "das Hummus" wächst!

Was soll überhaupt dieser Ersatzwahn? Ich brauche keine Würstchen und keine Scheibletten, ob aus Kalb, Käse oder Karotte. Steck deine Sojahäcksel-Bolognese weg, du Freak, meinetwegen in deine senfgelbe Kunststudentenhose oder deinen Jutebeutel, und erzähl mir nichts von Hefeschmelz! Den kannst du dir in deine hässliche Beatlesfrisur schmieren.

Bei mir gibt es Reis, Baby. Ja okay, mit Gemüse. Welches? Was heute billig ist.

Skeptisch wird das vegane Fertigcurry vor der Biokühltruhe hin- und hergedreht. Denn eins dämpft die neu gewonnene Begeisterung: das ach so komplizierte vegane Kochen! Ja, wenn man vorher schon zu blöd war, ein Ei zu braten, dann wird einem wohl auch die Tomate anbrennen!

Nein danke, ich koche selbst

Diese Leute tun mir nicht leid. Sollen sie doch ihr ganzes Geld findigen Kochbuchschreibern in den Rachen schmeißen, die in Kochbuchklassikern mal eben "Ei" durch "Ei-Ersatz" ersetzen. Wer sich dermaßen für blöd verkaufen lässt, der kann von mir aus auch bei Stulle mit Brot bleiben.

An der Kasse kann ich ein Heftchen mit "winterlichen Wurzelgemüse-Rezepten" mitnehmen. "Nein danke", möchte ich dem Ökoburschi entgegenkeifen, "ich koche selbst!" Ich möchte keine Handreichungen lesen, in denen ich erfahre, wie ich Paprika kleinschneide und Zwiebeln dünste. Oh, mit pflanzlichem Öl statt Butter? Wie verblüffend! Und ich kann es mit Gewürzen abschmecken? Nach Gusto? Das ist ja großartig, und so überraschend einfach! Wer weiß, vielleicht gelingen mir eines Tages auch Nudeln? Verächtlich verlasse ich die Bioinsel.

Ich trage meine Sojamilch nach Hause und fantasiere mich in Rage, kann es mir so richtig vorstellen, wie bei denen, die so was anspricht, zu Hause nach der Lektüre irgendeines Wellness- oder Fitness-oder-sonstwas-hochglanzblättchens beschlossen wird: "Oh, vegaaan, das probier' ich jetzt auch mal aus!" Und dann ist es wochenlang Thema im Büro, beim Sport und auf dem Elternabend. Es gäbe da "sooo leckere Rezepte", man hätte es ja nie gedacht.

Jetzt mal Tacheles, Freunde: Wer sich für vegane Ernährung entscheidet, sollte es aus seinem Selbstverständnis heraus tun, und nicht aufgrund einer hysterischen Profilneurose. Ja, ich bin dafür, dass wir alle aufhören, Tiere zu quälen und zu fressen, als hinge unser Leben davon ab. Und damit unseren Planeten zerstören. Ja genau, ich will die Welt retten, in echt. Aber das hier ist eine Mode, ist einfach der letzte Schrei in Sachen Lifestyle. Ich kaufe den Leuten die Show nicht ab. Es ist mir zu oberflächlich, zu "angesagt". Das macht mich wütend.

Moment. Ein Geistesblitz durchfährt mich. Was ist hier los? Was habe ich gerade gedacht? Ach ja: "Ich will die Welt retten." Hoppla. Wie bescheiden! Den Gedanken hatte bestimmt vor mir noch keiner. Aber zugegeben, Welt retten könnte eine Aufgabe für mehrere sein.

Ich muss kurz stehenbleiben, um nachzudenken, zwei nach Axe riechende Jünglinge laufen vorbei, auf dem Weg vom Fitnessstudio: "Wir müssen Masse aufbauen", sagt der eine zum anderen. Wie genau kam ich noch mal auf die Idee, dass man seine Ziele erreicht, indem man die angreift, die das gleiche wollen? Falls sie es wollen?

Ey, Hummus-Hannah! Vöner-Vincent! Wollt ihr das Gleiche? Wollt ihr nur auf der nächsten WG-Party mitreden können, oder wollt ihr etwa auch die Welt retten?

Na gut – eure Chance. Mal gucken, wie lange ihr das durchzieht!

Aber macht nach außen nicht so ein Riesending daraus, das nervt. Und dreht mir bloß keine Rezepte an!

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