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Arabischer Friseur Integration beginnt am Kopf

Auf dem Erfurter Domplatz hielt Björn Höcke seine Reden gegen Flüchtlingspolitik. In der Nähe hat sich ein arabischer Barbershop etabliert. Er rasiert viele Vorurteile. Von

Vier Friseure stehen vor einer großen Spiegelwand und schneiden sich schwungvoll durch ihren Tag. Sie kommen aus dem Irak, aus Syrien, aus Algerien. Sie reden und flachsen miteinander, mit ihren Kunden, mal auf Deutsch, mal auf Arabisch. Der schüchterne Jüngling, der gerade durch die Tür tritt, wird mit einem lässigen Handschlag begrüßt, setzt sich auf das goldene Sofa und wartet. Jemand serviert Tee in tulpenförmigen Gläsern. Melismenverzierte Liebeslieder schmachten aus den Boxen. Nach ein paar Minuten winkt Toni, der Besitzer des Ladens, den Jüngling auf seinen Stuhl: "Bruder, was geht? Was soll ich dir machen?" Der antwortet: "Also an den Seiten zwei Millimeter, im Nacken ein Millimeter." – "Und oben Glatze?", scherzt Toni. Der Jüngling schmunzelt: "Nein, oben … das überlege ich mir noch."

Eine Szene aus der Sonnenallee in Neukölln? Nein, wir befinden uns in Erfurt, Ausländeranteil bei 8,5 Prozent. Nicht viel für eine Landeshauptstadt, zum Vergleich: Düsseldorf zählte 2018 über 23 Prozent. In den letzten drei Jahren haben hier einige orientalische Barbershops eröffnet, zunächst vor allem in den kleinen Seitengassen rings um den Bahnhof. Delal ist der erste Laden, der sich im Sommer 2017 mitten ins Zentrum gewagt hat. Er liegt vis-à-vis der Thüringer Staatskanzlei und nur ein paar Hundert Meter vom Domplatz entfernt, wo Björn Höcke bei den großen AfD-Demonstrationen im Jahr 2015 seine "Merkel muss weg"-Reden hielt. Umfragen für die Landtagswahl im Oktober sehen die AfD bei satten 22 Prozent.

Umso erstaunlicher auf den ersten Blick, wie schnell sich Delal zu einem besonderen Ort der Integration entwickelt hat: Der Laden ist heute nicht nur bei jungen Männern aus Nordafrika und dem Nahen Osten beliebt, sondern auch bei einer wachsenden Schar alteingesessener Erfurter. Die kommen oft wegen der günstigen Preise: zehn Euro für einen Herrenhaarschnitt, 23 für Waschen/Schneiden/Bart, 30 für ein Komplettpaket mit Kopfmassage. Doch sie bleiben wegen des Tempos, der Spontanität der Bedienung, des handwerklichen Könnens, der Vielfalt des Angebots. Hier werden nicht nur Haare geschnitten, sondern auch Bärte formatiert, Schönheitsmasken aufgetragen, Nasenhaare gewachst, Augenbrauen mit einem rhythmisch gezogenen Faden gezupft und Ohren ausgeflämmt. Klingt gefährlich, geht aber immer gut aus! Gerade steht eine Mutter neben ihrem siebenjährigen Sohn und schaut etwas beklommen zu, wie die Seiten seines Schopfes rasiert und oben eine kunstvolle kleine Kuppel aus Haar errichtet wird. Toni sagt, das sei der neuste Trend: der Boxerschnitt.

"Der Name Delal bedeutet Schönheit, schön und gepflegt sein", erklärt Toni. "Ganz wichtig, dass der Kunde zufrieden geht. Und dass er sich fühlt wie zu Hause", sagt er. Und er ist fest überzeugt, dass die deutschen Friseure nur auf das Haupthaar schauen, während ihre orientalischen Kollegen die ganze Büste im Blick haben, Haupthaar, Haut, Gesicht, bei den erwachsenen Männern auch: den Bart. Und bei allen Kundinnen und Kunden, klar: die Seele.

Heute ist ein normaler Tag, ein Dienstag. Vormittags kommen vor allem die Thüringer Sparfüchse. Der eine erzählt von seinem Urlaub in Antalya. "Ein Hotel neben dem anderen. Vom Originalleben in Arabien bekommt man gar nichts mit." – "Schade", sagt Toni neutral, während er vorsichtig den Kinnbart stutzt. "Ein besseres Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis finden Sie nicht in ganz Erfurt", behauptet ein pensionierter Beamter. Und Frau Link, 73, früher Köchin in einer Großkantine, findet: "Der Chef ist höflich, schneidet akkurat und sauber. Meine Tochter sagt, für das, was man hier bekommt, muss man in München das Dreifache bezahlen."

Die Hose des Mannes, der nun in den Salon schlurft, hängt zu tief. Auf die Frage nach seiner Arbeit möchte er nicht antworten. Aber dann fasst er doch Zutrauen und erzählt, dass er schick sein muss, weil er morgen Geburtstag hat. "Sechs Leute habe ich eingeladen, und alle kommen." Er lässt sich seinen Schnauzer färben und ist ganz erleichtert, dass er nur sechs Euro zahlen muss. Die Münzen kramt er einzeln aus der Tasche.

Dann kommt der vornehm wirkende Achmed in den Laden. Mit 13 Jahren ist er aus Afghanistan nach Italien gewandert, allein. Sein Vater habe noch gefragt: "Was willst du da?" Achmed sagt, er wisse auch nicht, was damals in ihn gefahren sei. Bis zur neunten Klasse ist Achmed in eine italienische Schule gegangen, dann hat er in verschiedenen Restaurants gearbeitet und gelernt, wie man Pizza bäckt. Seit zwei Jahren ist er Pizzabäcker bei Da Roberto am Erfurter Domplatz. Achmed kommt aus einer sogenannten guten Familie, seine Brüder studieren in Afghanistan. Er spricht Italienisch, Englisch und ein flüssiges Deutsch. Wie er das gelernt hat, wenn die Arbeit ihm keine Zeit lässt, zum Sprachkurs zu gehen? "Durch YouTube", sagt er mit dem Anflug eines Lächelns. Überlegt er manchmal, zurückzugehen? "Nein", sagt er und blickt zu Boden. Er will es hier schaffen, vielleicht irgendwann eine eigene Pizzeria eröffnen.

Bis zwölf Uhr herrscht reger Betrieb bei Delal, dann gibt es eine Mittagsflaute. Zeit für einen genaueren Blick auf die vier Friseure und ihre Lebenswege: Der 31-jährige Banki Malla Hamed und der 38-jährige Emad Albarazi sind 2015 aus Syrien geflohen. Der 44-jährige Loumi M'hammed stammt aus Algerien und ist der lustigste Kerl der Truppe. Aber es ist die Lustigkeit eines Seiltänzers, der über dem Abgrund balanciert. Denn aus seinen kurzen Sätzen dringt viel Traurigkeit: ein geschlagenes Kind, ein junger Mann, der vor dem Militärdienst nach Gotha flieht. Eine Abschiebung, zwei gescheiterte Ehen in Algerien, zwei kleine Kinder, die er nur in den Ferien sieht. Trotzdem ist es Loumi, der seine Kunden ständig zum Lachen bringt, ihnen die Berührungsangst nimmt.

Und dann ist da eben noch der Chef, der diesen Laden beseelt. Der 37-jährige Toni heißt mit vollem Namen Maher Ravio Roksi und ist in Bagdad aufgewachsen. Als Sohn eines wohlhabenden Vaters, der ein Café besaß, einen Nachtclub und einen Friseursalon, in dem Toni schon als kleiner Junge mitmischte, wie er jetzt erzählt. Dann kam der Dritte Golfkrieg, und eines Morgens wurde der Vater abgeholt und ins Gefängnis geworfen. Ein Bekannter, der neidisch war auf seinen wachsenden Reichtum, hatte ihn angeschwärzt und behauptet, er hätte das Regime kritisiert.

Aus dem Gefängnis schrieb der Vater einen Brief an seine Familie, in dem er seine neun Kinder aufforderte, unverzüglich das Land zu verlassen. "Familie hat gelesen. Alle haben geheult, ich auch, wir wussten nicht, was zu tun ohne Vater. Der Vater war wie ein Präsident, der ein Land regiert, so ist der Vater bei uns. Ich war mit 21 der Erste, der weggegangen ist, dann einer nach dem anderen. Zwei Geschwister sind im Nordirak, die anderen über die ganze Welt verteilt. Aber in der Hauptstadt ist keiner mehr. Wir hatten nur Klamotten und sonst nichts. Denn unser Laden ist gesperrt, unser Haus, unser Konto, alles hatte die Regierung gesperrt. Das war ganz schwer. Wenn du alles hast und auf einmal hast du nichts – dann darfst du nichts, kannst du nichts. Und was vorher war, das war wie ein Traum." Toni wollte eigentlich nach Kanada auswandern. Aber auf der Durchreise wurde er in Frankfurt um seine Fingerabdrücke gebeten und musste wider Willen in Deutschland bleiben. So erzählt er es.

Tonis Asylantrag wurde abgelehnt, sein Widerruf auch. "Dann kam Duldung, und ich wusste, irgendwann werde ich wieder zurückgeschoben. Aber im Irak hatte ich alles verloren." Doch in dieser Zeit lernte Toni auch eine junge Deutsche kennen, die heute in einem Kindergarten arbeitet. "Bei uns sagt man, Liebe kommt nach dem fünften Kind automatisch. Das war alles neu für mich: Muss ich sie kennenlernen, muss sie mich kennenlernen, muss ich sie lieben, muss sie mich lieben. Wir waren ungefähr ein Jahr zusammen, dann habe ich sie gefragt, ob sie mich richtig will. Sie hat sofort ja gesagt. Ich habe mich sehr gefreut." Nach der Hochzeit konnte Toni anfangen, Schritt für Schritt sein Leben aufzubauen. Er hat seinen Hauptschulabschluss nachgeholt, eine Friseurlehre gemacht und dabei auch gelernt, wie man Frauen frisiert, mit Farben umgeht, Sachen, die männliche Friseure in Bagdad nicht machen. Das sei aber kein Problem gewesen für ihn, nur etwas anderes war hart: "Wieder von vorne anzufangen. Aber ich bin Kämpfer. Ich gebe niemals auf."

Inzwischen hat das Ehepaar Ravio Roksi drei Kinder und Toni seinen eigenen Salon, den er seit 2018 allein betreibt. In diesem Salon können auch Frauen, obschon immer noch deutlich in der Minderzahl, von der Tönung bis zur Hochzeitsfrisur alles haben, was das Herz fürs Haar begehrt. Ende gut, alles gut? "Ja", sagt Toni. "Alles delal."

Hochbetrieb am Nachmittag: Toni, Loumi (von links nach rechts) und Emad (ganz hinten im Spiegel) frisieren im Akkord. © Thomas Victor für ZEITmagazin ONLINE

Gegen 14 Uhr beginnt die tägliche Hochsaison. Bis zum Abend schneiden die Friseure im Akkord. "Wie diese Männer sich bewegen, das ist fast wie ein Tanz", sagt Silvia, eine Berufsschullehrerin aus Suhl. Hand in Hand kommen Simon und Sabine durch die Tür. Sabine geht mit Toni zum Haarewaschen, während Simon auf Loumi wartet: "Das ist mein Friseur. An meine Haare kommt nur er!" Der gebürtige Erfurter arbeitet als Fensterputzer. Zu anderen Salons geht er schon lange nicht mehr. "Hier ist alles besser: Preis, Qualität und Stimmung. Außerdem", grinsend klopft er auf das goldene Sofa, "très chic, dieser Laden, oder?"

Der Nächste, bitte! "Mein Spezialkunde", sagt Emad stolz. Und Christian, der als Designer in der Verpackungsindustrie arbeitet, fängt gleich an zu philosophieren: "Nach 1968 hatten die Männer lange Haare. Herrenfrisuren waren out, Bärte irgendwann unmöglich. Man wollte androgyn sein wie David Bowie. Aber wenn ein Handwerk lange nicht nachgefragt wird, geht es verloren. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass in Deutschland die Renaissance der Herrenfrisuren im Jahr 2015 begann, als aus dem Nahen Osten Männer kamen, die dieses Handwerk noch beherrschen."

Spricht die Bartmode für die Sehnsucht nach einer neuen Männlichkeit? "Ja", sagt Christian, der sich auch daran erinnert, wie ihm Bärte als modische Möglichkeit wieder ins Bewusstsein kamen. "Ich weiß noch, wie ich vor ein paar Jahren eine Men's Health in der Hand hatte. Mit Fotos von amerikanischen Soldaten, die sich zur Tarnung hatten Bärte wachsen lassen. Und die dann mit diesen Bärten aus Afghanistan in ihre Heimat zurückgekehrt sind." Emad ist fast fertig mit seiner Haarskulptur. Klatschend verteilt er schwarzes Wachs zwischen seinen Händen und fährt damit noch ein kräftiges letztes Mal durch die Strähnen. Christian dreht den Kopf zur Seite und betrachtet seine neue Silhouette. "Du bist mein Künstler, Emad!" Der bietet ihm die Hand an und Christian schlägt ein. "Naiman, sagen wir auf Arabisch: Gut gemacht!"

Die Seiten und den Nacken kurz, und oben etwas Kunst: Toni ist mit seinem Stammkunden Jamie noch nicht fertig. © Thomas Victor für ZEITmagazin ONLINE

Christian ist seinem Friseur schon durch vier orientalische Salons gefolgt. Anfangs bekam Emad nur einen Hungerlohn, erzählt er jetzt, so als Analphabet, der kein Wort Deutsch verstand. In Damaskus will er drei eigene Salons besessen haben. Der eine wurde im Krieg von einer Bombe zerstört. Seitdem er bei Delal arbeitet, geht es ihm gut, sagt er. Seitdem auch Frau und Töchter in Erfurt leben. Christian und sein Sohn haben der syrischen Familie geholfen, eine Wohnung und gute Schulen zu finden. And by the way: So hat auch Christians Sohn seine Berufung gefunden. "Er hatte nämlich Religionswissenschaften studiert. So etwas, was niemand braucht", sagt der Vater flapsig. "Inzwischen arbeitet er in einer Beratungsstelle für Flüchtlinge."

Christian verlässt den Laden, das Wort Beratungsstelle bleibt im Raum. Eigentlich beschreibt es genau, was Delal neben der Haararbeit noch bietet, vor allem für jene Kunden, die neu im Land sind: Auch hier werden Informationen gehandelt, wie man Wohnungen, Sprachkurse und Übersetzer findet, mit den rätselhaften Ritualen der deutschen Behörden umgeht. Und vielleicht ist Delal sogar eine subkutane Therapie gegen Ausländerfeindlichkeit. Es wurde ja oft betont, dass es in den neuen Bundesländern wenig wirklichen Kontakt gab. Jetzt, wo ein Thüringer Teenager hingebungsvoll die Augen schließt, während seine Schönheitsmaske einwirkt, kann man sehen, hören und fühlen: Ach, diese Jungs bei Delal, die sind lustig, fleißig und nett, die tun mir gut!

Das mag auch daran liegen, dass sie sich gegenseitig guttun. "Ich bin nicht Chef, sondern Chef ist, wer seine Arbeit gut macht." Sagt Toni. "Wir sind wie Brüder!" Sagt Emad. Tatsächlich hat man das Gefühl, dass bei Delal vier talentierte Persönlichkeiten nebeneinanderstehen und ihr Tagwerk verrichten: Emad als der Virtuose mit dem Haarspray, Banki als stiller und kluger Beobachter, Loumi als Comedian, und Toni als das soziale Genie, das sofort spürt, was die Menschen brauchen.

Alles "delal"? Ja, alles schön! Von links nach rechts: Loumi, Toni, Emad und Banki © Thomas Victor für ZEITmagazin ONLINE

Gegen 19 Uhr ziehen die Friseure ihre Anoraks an und gehen nach Hause. Nur Banki bleibt noch bis halb acht und bedient die letzten Kunden. Er fegt die Haare am Boden zusammen, putzt den Spiegel und erzählt, dass er in der achten Etage eines Hochhauses wohnt. Seine alte Mutter wohnt in der zweiten Etage, und wenn er Glück hat, hat sie heute gekocht, syrische Reispfanne mit Hühnchen.

Der Rest ist Kopfkino: Loumi, wie er die Tür zu seiner leeren Wohnung aufschließt, sich hinsetzt und eine Zigarette raucht. Und Achmed, wie er vor einem glühenden Holzkohleofen steht und eine fertige Pizza herauszieht. Was die Friseure und viele ihrer Kunden, die ähnliche Fluchtgeschichten haben, zu verbinden scheint, ist dieser Wille, sich nicht brechen zu lassen und irgendwo in der Fremde einen hellen Ort zu schaffen. Für sich und für die anderen.

Alles delal? Ja, alles delal.

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