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Beziehungsverträge: Jetzt fehlt nur noch deine Unterschrift

Machen Beziehungsverträge die Liebe gerechter oder wird so selbst das Privatleben zur Ware? Tatsächlich können Paare davon profitieren – materiell, aber auch emotional. Von

Die typische Liebesbiografie besteht heute aus einer lockeren Aneinanderreihung zeitlich begrenzter Bindungen, die ohne Einvernehmen und ohne Konsequenzen jederzeit von einer der beteiligten Personen beendet werden können.

Aber auch in stabilen Beziehungen läuft es häufig so: Auf eine Phase magischer Verliebtheit folgt Ernüchterung. Irgendwann reicht es einfach nicht mehr aus, dem geliebten Wesen in die Augen zu schauen, um selig durch den Tag zu schweben. Spätestens dann muss geklärt werden, wer den Müll runterbringt, die Spülmaschine ausräumt oder den Hund Gassi führt. Weiterhin ob es fair ist, wenn jeder gleich viel für den Wocheneinkauf bezahlt, oder ob dieser anteilig nach Einkommen aufzuteilen sei und ob man dabei der Umwelt zuliebe nach dem Recyclingtoilettenpapier greift oder doch der hinternschmeichelnden Vierlagenvariante den Vorzug gibt.

Klingt unromantisch? Willkommen in der Realität. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 sind die Top-Streitthemen deutscher Paare die Aufgabenverteilung im Haushalt, die Regelung der Finanzen, die Kindererziehung, die Freizeitgestaltung und das Sexleben. Also praktisch alles, was den gemeinsamen Alltag ausmacht.

Schadensbegrenzung verspricht ein neuer Trend aus den USA: Anstatt eine traditionelle Ehe einzugehen, entscheiden junge Paare sich immer häufiger dafür, sogenannte love contracts aufzusetzen.

Anders als klassische Eheverträge, die häufig finanzielle und sorgerechtliche Regelungen für den Fall der Trennung festsetzen, enthalten solche Liebesverträge vor allem Punkte, die das Verhalten der Partner während der Beziehung regulieren.

Auf den ersten Blick ist es nicht besonders schwierig, sich darüber lustig zu machen. Liebesbeziehungen basieren schließlich auf Freiwilligkeit – und wer es nötig findet, jedes Detail vertraglich festzuhalten, der sollte sich statt eines Partners aus Fleisch und Blut lieber eine Zimmerpflanze anschaffen.

In der Sitcom The Big Bang Theory legte der zwanghafte Nerd Sheldon Cooper seiner Freundin Amy ein 31-seitiges Dokument zur Unterschrift vor, dass beider Rechte und Pflichten in jeder möglichen sowie unmöglichen Situation, inklusive einer Zombie-Invasion, akribisch regelte. Ihre Reaktion? "Wie romantisch!"

Auch in der Klatschpresse wird gerne über den Inhalt der Liebesverträge von Promipärchen spekuliert: So soll der zwischen Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Priscilla Chan eine Klausel darüber enthalten, wie viele Minuten das Paar pro Woche gemeinsam verbringen muss, und Justin Timberlake und Jessica Biel sollen sich darauf geeinigt haben, dass im Falle körperlicher Untreue eine Vertragsstrafe in Höhe von 500.000 US-Dollar fällig wird.

Vor ein paar Monaten ging außerdem ein Foto des Twitter-User kkeyes96 viral, das einen 22 Punkte umfassenden Beziehungsvertrag zeigte, den er zufällig gefunden hatte. Offensichtlich von einer Frau aufgesetzt, wurde darin unter anderem festgelegt, dass ihr Freund jeden Tag mindestens einmal "Ich liebe dich" sagen und sein Handy jederzeit zur Kontrolle vorlegen musste.

Der Tweet würde in kürzester Zeit Tausende Male kommentiert. Männer empfahlen dem armen Tropf meistens, sich sofort von dieser Verrückten zu trennen. Frauen neigten dagegen dazu, den Zettel im Kontext einer imaginären Vorgeschichte zu interpretieren. Sie nahmen etwa an, der Mann sei fremdgegangen und der Vertrag deshalb das Resultat der darauffolgenden Bleibeverhandlungen mit seiner Freundin. Diese Reaktionen sind ein guter Gradmesser dafür, wie weit männliche und weibliche Vorstellungen der idealen Beziehung häufig auseinanderklaffen.

Sind Liebesverträge also wirklich nur etwas für Superreiche, Erbsenzähler und Kontrollsüchtige? Definitiv nein, findet Mandy Len Catron. Die Kolumnistin der New York Times hat mit einem Artikel über die Vertragsverhandlungen mit ihrem Freund eine neue Diskussion über Sinn und Unsinn solcher Abkommen entfacht.

Sie erzählt, dass sie in früheren Beziehungen dazu tendiert habe, ihre Bedürfnisse denen des Partners unterzuordnen. Irgendwann habe sie dann gar nicht mehr gewusst, wer sie sei oder was sie wolle. Gemeinsam mit ihrem Freund über ihre Wünsche, Vorlieben und Pläne zu sprechen und diese dann schriftlich zu fixieren, gebe ihr Sicherheit und Selbstvertrauen. Der Vertrag zwischen den beiden besitzt für jeweils zwölf Monate Gültigkeit, dann werde neu verhandelt.

Letztendlich hätten Beziehungen immer einen Vertragscharakter – sie und ihr Partner würden lediglich offener mit den Bedingungen umgehen. Die Liebe sei eben keine Himmelsmacht, die einem einfach widerfahre, sondern etwas, dass zwei Menschen gemeinsam gestalten sollten. Beziehungsverträge stellen für Catron daher keine Einschränkung der persönlichen Freiheit dar, sondern einen vernünftigen Weg zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

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