Beziehungsverträge: Jetzt fehlt nur noch deine Unterschrift

Eine andere Sichtweise vertritt die Soziologin und Bestsellerautorin Eva Illouz. Die Expertin für die Fallstricke der Liebe im Internetzeitalter hat 2018 mit Warum Liebe endet ihr letztes und abschließendes Werk zum zersetzenden Einfluss des Konsumkapitalismus auf die Romantik vorgelegt.

Dem Thema Beziehungsverträge hat sie darin ein eigenes Kapitel gewidmet. Um es kurz zu machen: Illouz hält nicht viel davon. In der vorgeblichen Egalität solcher Regelungen sieht sie reine Augenwischerei. Auch der bestgemeinte Vertrag ändere schließlich nichts an der strukturellen Ungleichheit heterosexueller Beziehungen, als deren Verliererinnen Illouz die modernen Frauen sieht. Ihnen unterstellt sie grundsätzlich eine größere Sehnsucht nach Verbindlichkeit in Liebesdingen, während sie Männer als von einem fast schon pathologischen Fluchtzwang getrieben sieht.

Liebesverträge würden die Qualität romantischer Beziehungen nicht verbessern. Im Gegenteil: Letztendlich seien solche Verträge nur ein weiterer Vorstoß des unternehmerischen Denkens und des Gebots der Selbstoptimierung im intimsten Winkel der Privatsphäre.

Das Übertragen von Denk- und Handlungsschemata aus Recht und Wirtschaft auf das Zwischenmenschliche ist laut Illouz ein Beleg dafür, dass Liebesbeziehungen zunehmend als "Bündel von Nutzwerten" begriffen werden. Ist ein Partner mit diesem nicht mehr zufrieden oder erblickt anderswo größeres Potenzial, ist die Beziehung futsch, und man kann sich alle mühsam ausdiskutierten Verhaltensvorschriften in die Haare schmieren.

Im Trennungs- oder Todesfall gelten nicht verheiratete Paare rechtlich immer noch als Fremde, auch mündliche Vereinbarungen sind hinfällig.

Beziehung und Arbeit ist ein Begriffspaar, das unangenehme Assoziationen auslöst: Man denkt etwa an im Kreis arrangierte Sitzkissen und Sprechhölzer, die weitergereicht werden müssen. Aber es kann sich böse rächen, wenn die Regelung des gemeinsamen Lebens nur auf Annahmen oder Gewohnheitsrecht basiert. Während individuell ausgestaltete Klauseln, etwa zur Häufigkeit des Liebesaktes, rechtlich nicht durchsetzbar sind – sie gelten als sittenwidrig –, kann ein mit kühlem Kopf gemeinsam gestalteter und notariell beglaubigter Partnervertrag im Ernstfall vieles vereinfachen.

Im Trennungs- oder Todesfall gelten nicht verheiratete Paare rechtlich immer noch als Fremde, auch mündliche Vereinbarungen sind hinfällig. Besonders für Frauen kann das unangenehme Konsequenzen haben: Aktuelle Studien zeigen nicht nur, dass sie in Beziehungen immer noch routinemäßig den Löwenanteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit übernehmen, sondern auch am stärksten vom Risiko der Altersarmut betroffen sind.

Vielleicht ist es weniger der Glaube an die Romantik als die Furcht vor dem unausweichlichen Ende der Liebe, die uns den Nutzen von Beziehungsverträgen verleidet. Und wahrscheinlich hat Eva Illouz zumindest in dem Punkt recht, dass junge Paare wie Mandy Len Catron und ihr Freund Beziehungen nicht länger als schicksalhafte, auf die Ewigkeit angelegte Verbindungen begreifen, sondern als temporäre Zweckgemeinschaften.
Eine Trennung wird dann auch nicht mehr als Scheitern gewertet, sondern lediglich als die Suche nach neuen sexuellen Herausforderungen.

Ganz egal ob postmodern-ironisch, neoliberal oder streng zweckmäßig verfasst – am Ende sind Liebesverträge schon allein deshalb ein sinnvolles Projekt, weil sie etwas voraussetzen, das für das Gelingen jeder Beziehung essenziell ist: einfach mal miteinander reden.

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