CDU-Chefin Einfach mal sitzen bleiben

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In der Karnevalszeit werden die Witze nicht besser, sondern schlimmer. Nun hat sich Annegret Kramp-Karrenbauer am Thema Intersexualität verhoben. Würdeloser geht es kaum. Ein Kommentar von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

In ihrer Fastnachtsrede am Bodensee hat sich die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer aus sicherer Entfernung über Berlin lustig gemacht, was eine gewisse Tradition in ihrer Partei hat. Auch bei ihr wird die Hauptstadt, in der jeder und jede so progressiv leben kann, wie es beliebt, zum Zerrbild, zum Refugium der Verweichlichten und Verwirrten. Berlin ist da, wo der gender trouble zu Hause ist.

"Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen", rief Kramp-Karrenbauer beim Stockacher Narrengericht in die Menge. Das geht gegen Männer, die Kinderwagen schieben, deren Detox nicht dem Karnevalskater gilt, sondern der weitverbreiteten toxischen Männlichkeit ihrer Vätergeneration. Und die sich ernsthaft hinsetzen beim Pinkeln, was Kramp-Karrenbauer besonders bemerkenswert zu finden scheint. Wer nicht wisse, ob er noch stehen dürfe oder schon sitzen müsse, für den gebe es nun eben eine weitere Option. So macht man aus Identitätspolitik, aus individuellen Traumata und Lebenswegen, ganz beiläufig Hipsterkram.

Kramp-Karrenbauer hatte sich zuvor schon beim Saarländischen Narrengericht, in ihrer Rolle als Putzfrau Gretel, als diejenige empfohlen, die die Dinge anpackt, beim Namen nennt. In dieser weithin kritisierten Fastnachtsrede zeigte sich aber nun endgültig ein Weltbild, das ganz einfach funktioniert: da die Verrückten mit ihren verweiblichten Befindlichkeitsdiskursen, hier, am Biertisch schunkelnd, die ehrlichen Menschen, die Fleißigen mit dem Eigenheim.

Man kann das mit Humor nehmen, muss man aber nicht, und schon gar nicht nur, weil Karneval ist. Denn was sich daran zeigt, ist doch: Die Kultur des Mittelstandes ist zum Problem geworden – abgekoppelt einerseits von den Nöten und Verwundungen der sogenannten kleinen Leute, feindselig bis ignorant andererseits gegenüber gesellschaftlichen Eliten, seien diese nun ökonomisch oder kulturell. Was, wenn die eigentliche Problemzone viel näher liegt, im Zentrum unserer Gesellschaft? Hier mögen Ressentiments und Misogynie viel subtiler wirken. Entgrenzung findet nur selten statt, etwa an einem bierseligen Abend zur Fastnacht. Am Tag drauf wird wieder geschafft.

Der an dieser Stelle immer gern in Anspruch genommene gesunde Menschenverstand, der leitet, wenn sich über Fahrverbote für Diesel aufgeregt und über Minderheitendiskurse wie jene der Transsexualität und Intersexualität lächerlich gemacht wird, ist ein denkbar schlechter Ratgeber. Er gibt sich reflektiert und ist doch nur ein tumber Reflex. Er reagiert auf Schwäche und Zweifel ebenso hämisch wie auf komplexere Wirklichkeitsmodelle wie jenem bipolaren von Mann und Frau.

Der state of mind dieser Mitte unserer Republik muss zu denken geben. Auch die Vorsitzende der CDU lässt das Gespenst des ehrlichen Bürgers umgehen, der meint, sich mit vollem Recht über alles lustig machen zu können, was nicht seinen Werten und Normen entspricht. Überall, wo er nicht ist, ist Darkroom. Und bei Annegret Kramp-Karrenbauer sind dann, ihrer Rede zufolge, auch noch die Frauen schuld, dass die Männer angeblich so verweichlicht sind und beim Pinkeln sitzen müssen. Alle Frauen? Oder war es umgekehrt, und die schlaffen Männer haben dafür gesorgt, dass die Frauen noch selbstständiger geworden sind? Alle Männer? Immerhin hat sie in ihrer Rede so auch Witze auf ihre Kosten gemacht. Das war nicht progressiv, sondern ein Versehen.

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