© Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Jugend Häh?

Klare Aussagen über die Jugend von heute treffen? Kann man vergessen. In der Gegenwart sind Teenager immer genau so, wie man es nicht erwartet. Und das mit gutem Grund. Von

Jugendliche sind immer online, körperlich frühreif und neuerdings politisch aktiv? Wir fragen, was es für junge Menschen bedeutet, sich heutzutage einen Platz in der Welt zu suchen, und blicken in einem Schwerpunkt auf die wahrscheinlich emotionalste Zeit des Lebens: die Pubertät.

Am 22. November 2018 twitterte Donald Trump mal wieder über den Klimawandel. "Brutale und umfassende Kälteexplosion könnte ALLE REKORDE zerschmettern – was ist bloß mit der globalen Erwärmung passiert?" Diesmal aber war es nicht Trumps fatale Ironie, die danach die Schlagzeilen bestimmte, sondern eine der Replys. "Ich bin 54 Jahre jünger als Sie", schrieb die Inderin Astha Sarmah, die sich in ihrer Twitter-Biografie als "Just another 18 year old" vorstellt. "Ich habe gerade die Highschool mit mittelmäßigen Noten abgeschlossen. Aber sogar ich kann Ihnen erzählen, dass WETTER NICHT KLIMA IST." Und maliziös fuhr sie fort: "Ich kann Ihnen mein Lexikon aus der zweiten Klasse leihen. Darin sind Bilder und alles."

Speziell für die digitalskeptische deutsche Öffentlichkeit, in der die Heranwachsenden der Zehnerjahre gerne als abgestumpfte Smartphone-Opfer karikiert wurden, die bei YouTube und Instagram irgendwelchen Influencern hinterherhecheln und dann mit 16 pornosüchtig auf der Therapeutencouch liegen, ist dieser Austausch auf mehreren Ebenen interessant. Zum einen war hier eine mediennutzende 18-Jährige besser informiert als ein US-Präsident, zum anderen wusste sie ihr Wissen in geschliffener Polemik zu übermitteln.

Kein halbes Jahr später wäre diese Astha Sarmah allerdings kaum mehr als die Randnotiz einer größeren Beobachtung, so grundlegend wandelt sich das Bild von Jugend gerade. Das massiv gewachsene Interesse an Greta Thunberg und den Fridays for Future, die Demonstrationen gegen die Urheberrechtsnovelle der EU: Plötzlich ist da eine junge Generation im öffentlichen Bewusstsein, die Interessen hat und sie bis hierhin nachhaltig vertritt. Wie passt das zum Bild einer Jugend, die doch eben noch ganz anders war, hedonistisch, inkonsequent, wankelmütig, und vor allem: brutal desinteressiert am großen Ganzen?

Man kann es sich nun einfach machen, indem man in allem Gegenwärtigen genau das erkennt, was man schon immer wusste. Betrachten wir zum Beispiel die Fridays for Future aus der Warte eines SUV-Fahrers, Ende vierzig, mit geringem Verständnis für Klima-Aktivismus. Dann erkennen wir schnell, dass sie nur getragen sind von Wichtigtuerei und Bock auf Unterrichtsausfall. Die Organisatorinnen fliegen durch die Gegend, essen Brot aus Plastikfolie und gehen den Erwachsenen zugleich mit überzogenen ökomoralischen Ansprüchen auf die Nerven. So bringen die natürlich nichts ins Wanken, und schon gar nicht unser vorgefasstes Bild der Jugend. Oder?

Minimal aufwendiger ist es, das Engagement als aufrichtig anzuerkennen, ihm aber zugleich fehlende Weit- und Rundumsicht zu attestieren. Artikel-13-Gegnerinnen übersehen die Interessen der Urheber, jungen Klimaschützern fehlt es am ökonomischen Verständnis für Automobilindustrie und Braunkohleregionen. So ist sie doch, die Jugend: putzig, aber so unprofessionell wie der 18-jährige Christian Lindner mit Kuhkrawatte und Businessflausen.

Richtig kompliziert wird es, wenn man sich ernsthaft fragt, wie das alles zusammenpasst: die überdrehten Influencer hier und die gravitätischen Klimaretterinnen da, das Fliegen und der Umweltschutz, die Parteinahme für das große Ganze der Weltrettung bei gleichzeitigem Hinfortwischen des Einwands, dass sich eine radikale Klimapolitik, wenn sie die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich aufbringt, demokratisch selbst zerstört.

Vielleicht fügen sich diese Widersprüche nur in jener gewissen Ignoranz zusammen, die jeder Jugend eigen ist. Das im radikalen Umbau befindliche Gehirn ist – das bestätigt die naturwissenschaftliche Forschung – besonders bereit, Erfahrungen zu machen, also intensiv, emotional und unmittelbar auf Ereignisse zu reagieren. Dementsprechend wollen Heranwachsende vor allem eins: selbst erleben. Das erworbene Wissen der Eltern und Lehrerinnen, alles, was mit Überlieferung, Bildung und Lebenserfahrung zu tun hat, betrifft sie erst einmal nachrangig. Schon Sokrates sagte zwar nicht (wie allgemein angenommen), die Jugend habe "schlechte Manieren" und "keinen Respekt mehr", er beklagte aber laut platonischer Überlieferung sehr wohl, dass Schüler ihren Lehrern "über die Nase fahren".

Das steht nur scheinbar in Gegensatz zur Allianz zwischen jungen Aktivistinnen und alten Wissenschaftlern in der Klimafrage. Denn am Anfang des Protests stand just eine Unmittelbarkeit und eine starke Emotion. Es war Greta Thunbergs brennendes Haus, das eine globale Klimabewegung startete, nicht das ewige Mahnen der Profis.

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