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Vivian Gornick: "Meine Mutter hat ein Leben gelebt, das sie nicht wollte"

Wie wohl alle Töchter wollte auch die Autorin Vivian Gornick nicht wie ihre Mutter werden. Es dauerte, bis sie sich voneinander emanzipierten – und sich wiederfanden. Interview:

Wann lernt eine Frau, ihre Mutter zu verstehen, wann hören Mütter auf, falsche Erwartungen auf ihre Töchter zu projizieren? Das sind, nicht nur am Muttertag, die großen Fragen in dieser sehr besonderen Beziehung. Vivian Gornick hat darüber offen und sehr ehrlich geschrieben; in den USA gilt ihr Roman Fierce Attachments als Klassiker der US-amerikanischen Frauenliteratur. Darin erzählt die Autorin von der sehr schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter und dem Kampf der Tochter um ihre Unabhängigkeit. Bis zum Tod der Mutter hatten Gornick und sie einen Streitpunkt, der die beiden Frauen auf unterschiedliche Weise geprägt hat: das Frausein. Jetzt, 30 Jahre später, ist "Ich und meine Mutter" erstmals auch in deutscher Übersetzung erschienen.

ZEIT ONLINE: Hat Ihre Mutter Fierce Attachments jemals gelesen?

Vivian Gornick: Natürlich! Aber wie sie darauf reagiert hat, hing immer stark von ihrer Gefühlslage ab. An einem Tag sagte sie: Da hast du wirklich die Wahrheit aufgeschrieben. Und am nächsten hieß es wieder: Du machst mich lächerlich, und jetzt weiß auch noch die ganze Welt Bescheid, wie sehr du mich hasst!

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben Ihre Mutter auch in Ihrem Buch als eine sehr widersprüchliche Person.

Gornick: Ja, einerseits war sie gefühlig, nervös und selbstmitleidig, andererseits stark und intelligent. Wir lebten in der Bronx, und die Familien in unserer Nachbarschaft waren größtenteils wie wir jüdische Immigrantinnen und Immigranten aus Europa, und zwar aus der working class. Die Frauen blieben traditionell alle zu Hause. Aber meiner Mutter war ihr Dasein als Hausfrau ein Graus. Deswegen hatte sie zwei Pläne für mich: Ich sollte erstens heiraten und zweitens Lehrerin werden. Ihr Gedanke dahinter war, dass eine Frau sich absichern müsse, falls ihr Ehemann stirbt. Das ist ihr selbst passiert. Als mein Vater starb, war ich zwölf und sie 46. Geld hatten wir keines. Also hat sie sich einen Job in Downtown gesucht.

ZEIT ONLINE: Was für einen Job?

Gornick: Sie arbeitete als Büroangestellte für 28 Dollar die Woche. Das fiel ihr leicht, denn ihr Kopf war eine einzige Rechenmaschine. Einen besseren Job hätte sie ohne Ausbildung auch nicht bekommen. Obwohl sie sich das sehr gewünscht hätte. Für mich wollte sie etwas Besseres. In der Nachbarschaft war sie die einzige Frau, die Ambitionen für ihre Tochter hatte. Alle Mädchen, mit denen ich zur Highschool gegangen bin, waren mit 21 verheiratet und Sekretärinnen. Ich wurde aufs College geschickt, damit ich Geld für den Notfall verdienen könnte. Dass es auch mein Wunsch war, selbstständig zu arbeiten, ist ihr nie in den Sinn gekommen.

ZEIT ONLINE: Sie hat sich auf ihre Art um Sie gekümmert.

Gornick: Ja. Je älter ich wurde, desto besser habe ich ihre Nervosität, ihr Temperament und ihr Selbstmitleid verstanden. Sie hat ein Leben gelebt, das sie nicht wollte. Ich fing erst als Feministin an, das zu verstehen. In den Siebzigerjahren war die Beziehung zu unseren Müttern ein großes Thema für uns junge Frauen. Wir haben dann erst verstanden, wieso uns unsere Mütter so erziehen, wie sie es tun. Sie wollten uns auf dasselbe Leben von Hausfrauen und Müttern vorbereiten, das auch sie gelebt haben. Das sollten die wichtigsten Dinge im Leben einer Frau sein – nicht die Arbeit. In meiner Generation strebten wir aber mehr und mehr nach Bildung. Und je mehr wir davon bekamen, desto weniger haben wir uns für die Ehe interessiert.

ZEIT ONLINE: Dennoch haben Sie in Ihren Zwanzigern geheiratet. Wie ging das zusammen?

Gornick: Das war kein Leben, das ich mir freiwillig ausgesucht hatte, sondern eins, das mir von Anfang an so auferlegt wurde. Darüber musste ich mir erst einmal klar werden. Wir Feministinnen mussten damals überhaupt erst herausfinden, wieso es uns so unglücklich macht, diese Art von Leben zu leben. Deswegen habe ich über mein Verhältnis zu meiner Mutter so intensiv nachgedacht. Das Ergebnis ist dieses Buch. Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, war ich 40 und meine Mutter 70.

ZEIT ONLINE: Sie sind mit Ihrer Mutter nicht zimperlich umgegangen und werfen ihr vor, dass ihre Trauer um den verstorbenen Ehemann für sie zur Berufung, Identität und Persona wurde – und dass Sie als Kind darunter unfreiwillig sehr zu leiden hatten.

Gornick: Meine Mutter hat nach dem Tod ihres Mannes nie aufgehört, über ihr Leiden zu klagen. Daran ist sie kaputtgegangen. Für mich als Kind sah es so aus, als wollte sie ein einziges Drama aus ihrem Leben machen. Deswegen habe ich sie nicht respektiert und mir vorgenommen, mich auf keinen Fall jemals so zu verlieben wie sie. Auf gewisse Weise war ich ein grausames Kind. Ich hatte Angst vor ihren Emotionen, habe mich von ihr kontrolliert gefühlt und wollte so schnell wie möglich weg von zu Hause. Gleichzeitig dachte ich immer, in ihrer Obhut könne mir nichts Schlimmes passieren.

ZEIT ONLINE: Aber es gab doch im Haus Ihrer Kindheit auch Nettie, die eine der engsten Vertrauten Ihrer Mutter war und in Sachen Sex und Ehe ihr komplettes Gegenteil gewesen sein muss. In einem Interview haben Sie Nettie zumindest mal als "Whore of Babylon" beschrieben.

Es war grausam, herauszufinden, wie sehr wir einander liebten und brauchten.

Gornick: Nettie war das andere Extrem. Sie hat mir beigebracht, ich soll so viele Männer wie möglich dazu kriegen, mich zu lieben. Meine Mutter hingegen wollte die perfekte fromme Hausfrau sein. Beide Frauen habe ich als Kind als unabhängig wahrgenommen, weil sie ohne Männer lebten. Bis ich irgendwann verstanden habe, dass ich mich getäuscht habe. Denn auch wenn keine Männer da waren, drehte sich im Leben der beiden Frauen alles um ihre Lover oder Ehemänner. Sie waren nicht unabhängig, sondern wollten gerettet werden. Darunter haben beide sehr gelitten, auf ihre jeweils sehr eigene Weise.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Ihrer Mutter je gesagt, dass Sie Feministin sind?

Gornick: Natürlich! Ihre Antwort war: Damit musst du sofort wieder aufhören, sonst heiratet dich nie jemand.

ZEIT ONLINE: Eine Aussage, die Teil des Problems sein dürfte?

Gornick: Das stimmt! Im Alter hat meine Mutter ihre Meinung dazu aber noch mal geändert. Generell hatte ich den Eindruck, dass sie ihr Leben nie richtig verstehen konnte. Dabei habe ich lange mit ihr darüber geredet, dass das Frausein sie mehr festgeschrieben hat als alles andere. Am Ende hat sie verstanden, was ich damit meine. Sie ist mit 94 Jahren gestorben, zu dem Zeitpunkt war sie selbst Feministin.

ZEIT ONLINE: Wie war es für Sie, Ihre Mutter sterben zu sehen?

Gornick: Es war ein sehr trauriger Prozess. Drei Wochen lang lag sie im Sterben, das waren die längsten meines Lebens. Es war grausam, herauszufinden, wie sehr wir einander liebten und brauchten. Das wurde mir erst in dieser Zeit bewusst.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das Verhältnis zu Ihrer Mutter nach Veröffentlichung des Buches verändert?

Gornick: Unsere Gespräche waren ehrlicher als je zuvor. Ein großartiger Zug an meiner Mutter war, dass sie sehr direkt auf Fragen geantwortet hat. Einmal habe ich sie gefragt, wie ihr Sexleben mit meinem Vater war. In den ersten Jahren nicht gut, hat sie geantwortet. Im Alter hätte sie es erst genießen können. Egal welche Frage man ihr stellte, sie war immer ehrlich. Dafür habe ich sie bewundert.

ZEIT ONLINE: Und hatte sie auch Fragen an Sie?

Gornick: Sie hat mich oft nach meinem Sexleben gefragt. Es war ihr ein Anliegen, dass ich Jungfrau bin, wenn ich heirate. Jahrelang habe ich sie deswegen angelogen. Aber im Alter wollte ich ihr darauf ehrlich antworten. Irgendwann habe ich ihr also gebeichtet, dass ich mit ein paar Männern geschlafen habe. Für meine Mutter war das ein Schock, für mich eine große Befreiung.

ZEIT ONLINE: Ihre Mutter muss sich irgendwann auch von ihrem Denken befreit haben: Im hohen Alter ist sie durch Manhattan gestreift, um wildfremden Personen Ihr Buch zu signieren.

Gornick: Das stimmt! Ich habe meiner Mutter damals gesagt: Das kannst du doch nicht machen, du hast es doch gar nicht geschrieben. Und sie hat mir geantwortet: Na ja, ohne mich hättest du ja gar kein Buch. Mit der Zeit war sie doch stolz darauf.

Kommentare

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Ich habe mich auch über den Satz gewundert. Wäre ich wie meine Mutter, hätte ich vieles leichter gehabt, z.B. Beruflich bin ich sogar teilweise und gern in ihre Fußstapfen getreten. Ist das so selten? Ich glaube nicht. Das Problem scheint mir eher zu sein, dass man selten über seinen Schatten springen kann und als Kind eben nicht das genetische Abbild der Mutter ist und logischeweise auch andere Erfahrungen macht. Mütter und Töchter, die einander respektieren in ihren Lebensentwürfen, das wäre für jede wünschenswert, oder etwa nicht?