© Andrea Zuccari

Apnoetauchen "Adrenalin ist unser Antichrist"

Anna von Boetticher ist Apnoetaucherin. Sie geht ohne Sauerstoffflasche in extreme Tiefe, nur mit ihrem eigenen Atem. Und sagt: Luft anhalten kann doch jeder Mensch. Interview:

Wie ist es, wenn man bei minus 28 Grad unter Wasser die Luft anhält? Was geht einem durch den Kopf, kurz bevor man 130 Meter in die Tiefe gezogen wird? Apnoetaucher brauchen unter Wasser keine Sauerstoffflasche – sie tauchen nur mit ihrem eigenen Atem. Das können alle Menschen, meint Anna von Boetticher, die Spaß daran hat, Körper und Geist immer weiter herauszufordern. Aber was macht man eigentlich, wenn man tief unter Wasser plötzlich ohnmächtig wird?

ZEITmagazin ONLINE: Sie sind die erfolgreichste Apnoetaucherin Deutschlands. Tauchen mit einem einzigen Atemzug, ohne zwischendurch Luft holen zu können – warum tut man sich das an?

Anna von Boetticher: Es liegt in der Natur des Menschen, unsere Grenzen auszuprobieren. Genauso wie auszuprobieren, wie schnell man rennen, wie hoch man springen oder wie hoch auf einen Baum man klettern kann. Den Tauchreflex teilen wir mit allen Meeressäugern, aber auch mit allen Säugetieren und Vögeln. Der ist in Neugeborenen noch sehr stark, aber geht dann über die Zeit verloren. Wenn man Apnoe trainiert, wird der wieder stärker. Der Mensch ist ein Anpassungswunder. Man kann sich an alles anpassen. Auch an Kälte. Die Leute, die am Polarkreis praktisch barfuß Marathon machen, haben ihren Körper da Stück für Stück dran gewöhnt.

"Adrenalin ist unser Antichrist." © Daan Verhoeven

ZEITmagazin ONLINE: Ist Apnoetauchen nur was für Extremsportler?

Von Boetticher: Nein, jeder kann es lernen. Wir werden oft zu den Adrenalinjunkie-Sportarten gezählt, aber Adrenalin ist für uns die komplette Katastrophe, es ist der Antichrist. Die Herzfrequenz geht hoch, die Gefäße erweitern sich, das Gegenteil von dem, was mir hilft, tief zu tauchen. Wir brauchen die absolute Ruhe. Das Entdeckenwollen der Umwelt und auch des Selbst ist eine treibende Kraft der Menschheit, etwas, das in unserer Natur liegt. Beim Apnoetauchen geht es nicht darum, die Natur zu bezwingen, sondern darum, sich anzupassen. Auch jeder Bergsteiger lernt immer wieder, wie klein er ist. Der Gewalt der Natur kann man nichts entgegensetzen, man kann nur versuchen, mit ihr umzugehen. Ich war gerade in Grönland bei minus 27 Grad tauchen. Und ja, es war wirklich sehr kalt und an der Grenze von dem, was machbar war.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie keine Angst gehabt?

Von Boetticher: Unter Wasser habe ich nie Angst. Die hatte ich auch schon als Kind nicht. Ich hebe mir die Angst für später auf, denn dafür habe ich jetzt keine Zeit. Ich denke dann lieber darüber nach, was ich in diesem Moment als nächstes machen muss. Und dann handle ich. Ich bin beschäftigt mit dem Handeln. Die Angst kommt später.

ZEITmagazin ONLINE: Können Sie beschreiben, was Sie in der Tiefe gesucht haben? Sie hätten ja auch in die Höhe gekonnt.

Von Boetticher: Ja, das stimmt. Ich liebe die Berge. Klettern hat viele Parallelen zum Apnoetauchen. Ähnliche Konzentration, sich auf den Partner verlassen, sich der Natur aussetzen. Aber das Tauchen hat mich schon als Kind angezogen. Diese Welt unter Wasser, in die der Mensch eigentlich nicht gehört, in der man noch nicht einmal Atmen kann. Das hat mich fasziniert. Tauchen ist das Nächste am Weltall, was man haben kann. Es ist so unerforscht und so endlos. Man hat das Gefühl, man setzt sich in diesem Moment dem Universum aus. Für mich kommt noch dazu, dass ich beim Tauchen allein bin. Dieses Alleinsein in der Tiefe mit diesem unfassbaren Universum um mich herum ist ein spezielles Erlebnis.

ZEITmagazin ONLINE: Wäre es nicht schöner mit Flasche? Da kann man dann in Ruhe die Umgebung genießen.

Von Boetticher: Ja, das habe ich auch sehr gern gemacht. Das Apnoetauchen ist zu dem Erlebnis unter Wasser aber zusätzlich noch eine Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen Körper. Und das absolute Reduzieren auf das letzte Minimum ohne Atmung ist schon etwas sehr Besonderes.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es ein Alter, in dem ich kein Apnoe mehr machen kann?

Von Boetticher: Nein, ich kenne jemanden, der 76 Jahre alt ist und 80 Meter tief taucht.

"Man hat das Gefühl, man setzt sich in diesem Moment dem Universum aus." © Daan Verhoeven

ZEITmagazin ONLINE: Beim Yoga sagen einem die Yogis immer, dass es nicht darum geht, den Kopfstand zu können. Aber dann geht's immer darum, den Kopfstand zu können. Sie sagen, dass es beim Apnoetauchen nicht um Leistung geht. Aber dann kommen doch die Rekorde und die Meter. Wie geht das zusammen?

Von Boetticher: Es ist eine Mischung aus beidem. Apnoetauchen ist für mich auch Sport – und der ist auch Wettkampf. Schaffe ich das? Bin ich stark genug? Sport ist Herausforderung. Für mich darf es aber nie rein um Leistung gehen. Ich habe mal den Weltrekord in 130 Metern in der Disziplin variables Gewicht versucht und hatte bei dem Versuch einen Unfall. Dann wollte ich es noch mal versuchen und meine Mutter hatte einen Unfall, dann habe ich es noch mal versucht und musste es wieder absagen, weil das Wetter so schlecht war. Bekannte haben dann gesagt: Oh, du Arme, jetzt war alles umsonst, das ganze Geld, die Zeit und das Training. Ich habe dann nur erwidert: Ihr seid doch verrückt, nichts ist umsonst, weil ich es liebe, zu tauchen. Der Rekord ist ein Ziel, das mich motiviert. Aber das andere muss auch ohne den Rekord schön und wichtig und spannend sein.

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