Living Room: Hütten in Palästen

Als Jana Sophia Nolle nach San Francisco kam, war sie schockiert über die enorme Zahl von Obdachlosen. Ein UN-Report aus dem Jahr 2018 hat San Francisco in dieser Hinsicht mit Mumbai verglichen. Trotz der bedrückenden Zustände war die Fotografin fasziniert von den Konstruktionen, mit denen die homeless people versuchen, sich und ihre Sachen zu schützen. Sie begann, sich mit Obdachlosen zu unterhalten, sie nach Aufbau und Logik ihrer "Hütten" zu fragen.

Zugleich sah die 1986 in Deutschland geborene Künstlerin eine sehr reiche Stadt, der die Tech-Industrie in den vergangenen Jahren großen Wohlstand gebracht hat. Für eine Einzimmerwohnung kann man dort mit 3.000 Dollar rechnen. Die "Techies", wie die Mitarbeiter von Google, Facebook oder Amazon genannt werden, können solche Preise zahlen, die meisten anderen nicht.

So kam Nolle die Idee, die beiden Seiten der Stadt, die arme und die reiche, in einem Kunstprojekt, "Living Room", zusammenzubringen. Sie fragte Obdachlose, ob sie deren Hütten in den Wohnzimmern reicher Leute nachbauen dürfe. Sie durfte. Schwieriger war die andere Seite. Nolle stellte wohlhabenden Bekannten ihr Projekt vor und bat sie, bei Freunden dafür Werbung zu machen – unzählige Briefe hat sie verschickt. Am Ende waren es 15 "Millionäre", wie Nolle sagt, die sie in ihr Wohnzimmer ließen.

Kennengelernt haben sich Obdachlose und Hausbesitzer nicht – aber schon der Aufbau der shelters in den Häusern sei ein performativer Akt gewesen, sagt die Fotografin. Die Hausbesitzer hätten sich nach den Hüttenbesitzern erkundigt, einige hätten Geld an soziale Einrichtungen gespendet. Einmal sei sie Zeugin eines Streits zwischen Eheleuten geworden, erzählt Nolle. Sie stand mit ihrer Ausrüstung schon in der Tür, als der Mann beklagte, gar nicht informiert worden zu sein. Am Ende durfte Nolle auch in seinem Haus fotografieren. Zu den Techies fand sie jedoch keinen Zugang. "Ich habe nur bei Menschen fotografiert, die ihr Vermögen schon vor 30 Jahren gemacht haben."

 

 

 

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