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Frank Trentmann: "Die Leute sollten ein wenig den Fuß vom Gas nehmen"

Können wir mit Optimierungen im Alltag zu einem guten Leben gelangen? Der Historiker Frank Trentmann sagt: Wir sollten endlich aufhören, unserem Ich hinterherzujagen. Interview: und

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Das gute Leben" aus unserem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Ein Café in Berlin-Mitte. Frank Trentmann ist einer jener Wissenschaftler, die sofort auf eine ganze Bibliothek in ihrem Kopf zugreifen können, wenn man sie zu ihrem Fachgebiet befragt. Aus dem Kopf zitiert er Erhebungen zum Freizeitverhalten der Briten in den Fünfzigerjahren und zur Hundehaltung im China der Ming-Ära. All diese Studien hat Trentmann in einem Buch gebündelt: "Die Herrschaft der Dinge", das bisher umfassendste Werk darüber, was Menschen in der Geschichte konsumiert haben. Die Idee für ein Gespräch: Ob und wie wir als Teil einer Konsumgesellschaft durch Konsum zu einem besseren Leben gelangen können. Trentmann hat zwei Stunden Zeit, danach will er in einem Berliner Musikgeschäftseinem liebsten Hobby nachgehen: Klavier spielen. 

ZEIT ONLINE: Herr Trentmann, kennen Sie Marie Kondo?

Frank Trentmann: Ja, ihr Buch ist als The Magic of Tidying in den USA ein halbes Jahr vor meinem erschienen. Warum fragen Sie?

ZEIT ONLINE: Weil wir mit Ihnen über das gute Leben sprechen wollen. Und weil uns scheint, dass Marie Kondo vielen Menschen gerade wie eine Heilsbringerin vorkommt, die uns mit ihren Aufräummethoden zu einem guten Leben verhelfen kann.

Trentmann: Ja, eine schöne Illusion, oder? Mich erinnert das an Diätbücher, die eine neue Proteinkur oder dergleichen versprechen. Beide Arten von Ratgebern suggerieren ihren Lesern etwas Ähnliches: Dass wir mit einfachen, alltäglichen, auf die eigene Psyche angelegten Veränderungen nicht nur glücklicher werden können, sondern in der Lage sind, ganze Konsumgewohnheiten umzukrempeln. Das mögen viele Menschen glauben, es ist aber offenkundig falsch. 

ZEIT ONLINE: Warum? 

Trentmann: Weil unser Konsum – anders als diese Ratgeber nahelegen – mehrheitlich eben nicht auf individuellen Wahlmöglichkeiten beruht. Im Gegenteil: Wir konsumieren zum großen Teil auf eine Weise, die gesellschaftlich vorgegebenen Mustern folgt. Die ganzen Sachen, die Marie Kondo aufräumt, sind ja nicht ohne Grund in den Schränken, selbst wenn wir sie als gegeben oder normal wahrnehmen. Sie sind dort, weil gesellschaftliche Normen und Umstände regieren, die zum Teil noch jungen Datums sind und unser Handeln leiten.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Trentmann: Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Es mag aus heutiger Sicht merkwürdig klingen, aber in den Siebzigerjahren wechselten viele Deutsche ihre Unterwäsche nur alle drei oder vier Tage. Folglich war es nicht notwendig, viel Unterbekleidung im Schrank zu haben. Heute duschen manche Menschen mehrmals am Tag, in fast jedem Haushalt steht eine Waschmaschine. Anders als früher kommen heute Kleidungsstücke sofort in die Trommel, nachdem sie einmal kurz getragen worden sind, egal ob sie Flecken haben oder nicht. Unsere Hygienenormen sind sehr viel intensiver geworden, zum Leid vieler Hautärzte. Gleichzeitig hat sich die Textilproduktion globalisiert und in Entwicklungsländer verlagert, wodurch Blusen, Strümpfe, T-Shirts erheblich billiger wurden. Das alles sind gesellschaftliche Veränderungen, die zu der exponentiell wachsenden Menge an Kleidung in unseren Schränken geführt haben, über die wir so erschrocken sind. Keine dieser Entwicklungen kann ein Einzelner von uns allein kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Wir sind als Konsumenten machtloser als wir denken? 

Trentmann: Wir sind abhängiger. Denken Sie an andere Lebensbereiche, an Ihre Wohnung zum Beispiel. Dort stehen lauter Dinge, die Sie vermutlich ganz normal finden. Da gibt es Sofas, Stühle, auf dem Boden liegen Teppiche. Im Schlafzimmer steht ein Bett, für das Sie Bettzeug gekauft haben. In den Regalen reihen sich Porzellantassen, weil Sie keine Lust haben, Ihren Tee aus Steinkrügen zu trinken. Das alles ist nicht dort, weil Sie sich das ausgedacht haben, sondern weil es zu unserer Vorstellung von Wohnkomfort gehört. Wir werden groß und plötzlich sind wir in einer Welt, in der täglich geduscht wird und Tee aus Tassen getrunken wird. Deshalb kaufen wir tägliche Wechselwäsche und deshalb besitzen wir Teetassen. 

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