© Karsten Petrat für ZEIT ONLINE

Lebensqualität: Liebe, Licht, Akku – was brauchen wir wirklich?

Unsere Autorin gibt Seminare zum guten Leben. Jedes Mal fragt sie sich und ihr Publikum: Was braucht der Mensch? Die Geschichte einer immer neuen Suche. Von

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Das gute Leben" aus unserem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Seit einiger Zeit bin ich mit Ideen unterwegs, um mit dem Publikum zu überlegen, was das gute Leben wohl sein kann. In städtischen Sälen, Akademien, universitären Seminarräumen, in Workshops auf dem Land, mit Studierenden, mit ZEIT-Lesern. Wir fragen uns, wie überhaupt zu fragen wäre: ob nach dem Guten oder nach Gütern, immer im Durchgang durch die Vorschläge, Entwürfe der Philosophie- und Ideengeschichte. Worauf kommt es an? Was zählt? Was kann weg? Welches Gut, welche Güter halten den Crashtests der Gegenwart stand?

Ich werfe dann gern das Bild einer Pyramide an die Wand. Es sorgt im Saal verlässlich für Heiterkeit. Wie ein Trost im Universum der Unsicherheiten, die jeder irgendwie zu ordnen versucht: Ganz unten, als Fundament der Pyramide, hat ein Witzbold die Basics in Bunt hinzugekritzelt: WLAN. Darunter, noch fundamentaler: AKKU. Die zwei braucht man. Ohne die geht gar nichts. Darüber türmt sich in der klassischen Skizze die Pyramide der Bedürfnisse, die im Jahr 1943 der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow aufgeschichtet hat.

So sieht diesem Klassiker zufolge hierarchisch aus, was der Mensch braucht, von grundlegend wichtig wie Wasser und Luft über mittelwichtig wie Freunde und Familie bis obendrauf sahnehäubchenwichtig: Selbstverwirklichung. Und zwischen unten und oben skaliert sich aufwärts, was in westlichen Gesellschaften, seit 75 Jahren, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur immer üblicheren Ausstattung eines guten Lebens geworden ist, auch die Zuversicht zählte dazu. Zum Fressen, das zuerst kommt, kommt obendrauf die Moral, mithin Werte wie die Anerkennung und die besondere Freiheit, als tätiger Mensch man selbst sein zu dürfen. Schnell käme man heute in Bürgerbefragungen überein: Je mehr man von all diesen Gütern in Reichweite hat, desto besser das gute Leben.

© Karsten Petrat für ZEIT ONLINE

WLAN und Akku. Die Grundfragen des Menschlichen, die in den gegenwärtigen Knappheitskrisen neu für Unruhe sorgen, haben auch ihre Komik. Kaum hatte Abraham Maslow die Frage, was der Mensch braucht, ordentlich beantwortet und alle Funde schön nach Prioritäten geschichtet, kam etwas dazwischen: Weil etwas neu erfunden wurde, das nun weltweit vielleicht jeder noch dringender braucht als Wasser und die Luft zum Atmen. Also steht nie etwas fest, also ginge das Nachdenken immer wieder von vorn los: Was braucht der Mensch? Welcher genau? Wenn einer es braucht, gilt das für alle? Acht Milliarden? In Bottrop wie in Nairobi? Steckdosen, Netze, Speicher, Akkus? Und die Lithiumvorräte in Bolivien, ohne die keine Batterien entstehen, wer braucht die, und wer gewährt ihren Schutz?

Das Publikum fängt wie ich beim Fragen gern vorn an, die Frage ist nur, wo vorn ist. Alle Weisheitslehren und alle Wissenschaften fragen seit Urzeiten, was zum guten Leben eines Menschen gehört, und am wirksamsten sind im sogenannten Abendland wahrscheinlich diese zwei der zahlreichen Antworten geworden: Der Mensch lebe nicht vom Brot allein, so teilt es der fastende Jesus in der Wüste dem Teufel mit, der ihm alle Reichtümer der Welt anbietet, wenn er Gott abschwöre. Das kam für den Mann aus Nazareth nicht infrage, und im Übrigen lebte er ziemlich bedürfnislos.

Das Gute und die Güter

Die andere Auskunft stammt im 4. Jahrhundert vor Christus von Aristoteles in dessen Nikomachischer Ethik: Ein gutes Leben bedeute, unter Freunden selbstgenügsam tätig zu sein, mit dem Ziel der Eudämonia, des Glücks. Selbstverständlich vorausgesetzt aber war für den aristotelischen Bürger der Polis, und nur für ihn: ein gewisser Wohlstand. In Maßen. 

Seither darf man sich fragen, und jedes Seminar, jedes Publikum fragt es lebhaft: nach welchem Maß denn bitte in Maßen? Schon der griechische Philosoph Epikur hielt trocken fest, es sei ja ohnehin nichts genug für einen Menschen, dem genug immer zu wenig ist.

Das Nachdenken darüber, was der Mensch für ein gutes Leben braucht, gabelt sich seit den Anfängen, grob gesprochen, in zwei Wege von Gedanken auf – je nachdem, ob man mehr auf die messbaren Güter achtet (auf Ressourcen, die es mal mehr, mal weniger zu verteilen gilt und die einen also zwingen, zu vergleichen und Kriterien der Vergleichbarkeit zu entwickeln, wer was bekommt) oder mehr auf das nicht messbare und kaum vergleichbare Gute wie die Freundschaft, die Liebe, die Tätigkeit, die Beziehung zur Welt, ein religiöser Zusammenhang, die sich nicht nach Kilo oder Euro verteilen lassen und denen man mit Gerechtigkeitsüberlegungen nicht so leicht beikommt.

Das Gute und die Güter, ein paar Buchstaben Unterschied nur, und dennoch könnte Ähnliches grundverschiedener nicht sein. Ein guter Morgen mag angenehm sein, erfreulich und schön, unmessbar jedenfalls in Minuten, Metern oder Watt; und ohne Tauschwert ist seine Güte für jeden, der ihn erlebt. Für Geld ist er nicht zu haben, und doch lässt er sich kaum genießen, wenn nicht die materiellen Grundgüter gewährleistet sind. Wer indes solche dingfesten Güter in die Waagschale legt, ob Brot oder Geld, Wohnraum, Heizung oder Trinkwasser, ob Medikamente oder ein Buch, ein Smartphone, einen Akku, der wird zwar auf eine nachvollziehbare Weise angeben können, was die Messeinheiten darüber sagen, wer wie viel bekommt. Nur ob diese Güter auch guttun, bleibt selbst bei den sorgfältigsten Berechnungen offen.

Ein ganzer Kosmos, der zwischen dem Guten und den Gütern liegt, kommt in der Frage nach dem guten Leben noch hinzu: das Recht samt den Normen und gar die Menschenrechte, die jeder nach dem Versprechen von 1948 angeblich genießt.

Man kann sich darauf verlassen, dass irgendjemand im Raum sich als ihr Anwalt meldet: letzte verbleibende Kompromisslinie Menschenrechte, die neue Zivilreligion.

Als wäre all dies nicht unlösbar genug: Seit ein paar Jahrzehnten erst mischt sich in der Abwägung von Gütern und Gutem angesichts der ökologischen Knappheiten eine drängende Rückfrage ein. Was soll aus der Erde werden, wenn der Mensch bekommt, was er braucht? Was, wenn er in der Gegenwart mit Recht satt und zufrieden ist, wie es zurzeit der Intellektuelle Steven Pinker in seinem Werk Aufklärung jetzt! feiert, aber dadurch die Erde in ihren Ressourcen so erschöpft, dass an ein gutes Leben für die kommenden Generationen nicht mehr zu denken ist? Was hieße Lebensqualität in einer Moderne, die gerade auf dem besten Wege ist, sich selbst aufzufressen? Gut also für wen und wann? Heute? 2075?

Was John Rawls sagt, kann so wohltuend einfach klingen

Es sorgt im Raum beim Publikum oft für eine gewisse Gelassenheit, wenn ich für solche Überlegungen und Abwägungen John Rawls aufschlage, den US-amerikanischen Theoretiker der Gerechtigkeit, der mit seiner Theory of Justice 1971 ein neues Fundament gelegt hat, das bis heute ein Bezugspunkt des Denkens ist. Was der Kantianer Rawls sagt, kann so wohltuend einfach klingen. So vernünftig. Grundgüter, heißt es in seinem Hauptwerk, hätten ihren philosophischen Ort in der Frage, was gut sei, und die handle von dem Gedanken, "dass sich das Wohl des Menschen bestimmt als der für ihn vernünftigste Lebensplan unter einigermaßen günstigen Umständen". Nun, klar, gewiss. Grundgüter seien dann "Dinge, von denen man annimmt, dass sie ein vernünftiger Mensch haben möchte, was auch immer er sonst haben möchte", dazu zählt John Rawls "Rechte, Freiheiten, Chancen sowie Einkommen und Vermögen", und übrigens außerdem das "Selbstwertgefühl". 

Alles in allem ist es wiederum einfach: "Das Gute ist die Befriedigung vernünftiger Bedürfnisse." Nach welchem Maß? Das regelt die Vernunft. Denn Menschen sind schließlich vernünftig. Sie teilen sich nämlich, meint Rawls, die Grundgüter "nach dem Grundsatz, dass einige mehr haben dürfen, wenn das die Lage derer, die weniger haben verbessert".

Wie viel ist im Kapitalismus genug?

Irgendein Rascheln ist nach einer Weile zu hören. Unkonzentriertheit. Wenn ich beim Entfalten der Frage nach dem guten Leben an dieser Stelle angelangt bin, macht sich oft ein Anflug von Unachtsamkeit bemerkbar, jemand steht auf, muss mal raus, und gefragt, warum: Diese Ideen wirkten doch alt, die gute Vernunft hat nun mal nicht gebracht, was Rawls verspricht – sonst würde die Erde nicht dauernd wärmer, und in der Hecke würden morgens noch mehr Sperlinge singen. Freundliche Rückfrage des Unkonzentrierten: Ließe sich denn nicht von einem Denken berichten, das die Gegenwart lebhafter anspricht? Ob ich vielleicht ein Set an aktuelleren Vorschlägen, an die Wand geworfen, unterbreiten könne?

Um des Experiments willen biete ich dem Publikum neuerdings ein Panorama von Menschen und ihren Ideenwelten an, damit wir während der Diskussion zusammen entscheiden können, wovon das Seminar denn am besten weiterhin handeln möge, es wird abgestimmt. 

Manche dieser Denker fragen gegenwärtig, welche Grundgüter im ungebremsten Kapitalismus zum guten Leben gehören, zum Beispiel Vater und Sohn Skidelsky, der Alte ein Wirtschaftshistoriker und Mitglied des House of Lords, der Junge ein Parttime-Akademiker-Philosoph mit kleinen Kindern, beide tief besorgt um die Eskalation des ewigen kapitalistischen "Mehr, mehr, mehr", dem politisch bisher kein Einhalt zu gebieten ist. Wie viel ist genug? Wovon?

Vater und Sohn haben unter allen Basisgütern eine Auswahl getroffen, die sich unsystematisch mit dem Guten zu einer materiell-moralischen Mixtur verwirrt: Auf beiden Listen der Skidelskys stehen die Sicherheit, der Respekt, die Freundschaft, die Muße, die Gesundheit, die Persönlichkeit und die Harmonie mit der Natur. Daneben an der Wand der Vorschläge taucht deren Lehrmeister John Maynard Keynes auf, der in den Dreißigerjahren, als die britische Demokratie zuletzt wackelte, nach den künftigen Möglichkeiten seiner Enkelkinder fragte, ein gutes Leben zu führen, und sicher war, dass die Menschen um das Jahr 2030 endlich jenseits von Neid und Gier leben könnten. Oder wiederum daneben an der Wand, als ein Vorschlag zur Güte, die Soziologin Eva Illouz, die in ihrem Werk zwar nicht nach dem guten Leben fragt, wohl aber nach jener Grundsubstanz, ohne die vermeintlich alles nichts ist, weil sie das selbstwertsteigernde Gefühl von Einzigartigkeit zu bieten hat: die Liebe. Es liegt nahe, zu fragen, ob es ein gutes Leben ohne das Gut gibt, nach dem so viele sich sehnen: lieben, geliebt werden. 

Bemerkenswerterweise biegt das Publikum, wenn es wählen kann, hier eher ab: Basisgüter, britische Enkelkinder, Liebe – interessant, ja, aber sie stehen nicht ganz oben auf der Liste des Interessanten. Zu europäisch? Ein Hauch von gestern?

Unvergleichlich mehr Zuspruch im Saal hat da eine Philosophin, die fragt, was jedem einzelnen Menschen auf der Welt an Gaben eigen sei und also für möglichst jedes Leben politisch zu bestärken wäre: Martha Nussbaum hat mit ihrem Capabilities Approach aufgeführt, was als Fähigkeiten eines jeden menschlichen Lebens in Würde zu achten sei. Sie zählt die Lust zu spielen ebenso dazu wie die Urteilskraft, die künstlerische Fantasie, das Bedürfnis nach politischer Teilhabe und das Recht, Liebe ohne Gewalt zu erfahren. Was mag es sein, das ihr Denken so einladend macht? Vieles daran ist nicht primär eine Frage des Geldes. Und vielleicht ist es ihre Angstlosigkeit vor der Angst, die sie ernst nimmt. Nussbaum fragt nicht nur nach den menschlichen Fähigkeiten, die in einem guten Leben gedeihen können, sondern auch nach Praktiken der Hoffnung, die konstitutiv sind für ein demokratisches Leben jenseits der Angst, sie fragt nach der Kunst, der Philosophie und dem Glauben. Die Universalität mit lokaler Färbung, das Politische und die Zuversicht also: Daraus scheint der magische Mix zu bestehen, der dieses Denken im Publikum immer wieder an die Spitze der Liste setzt.

Die Güte als Widerpart des selbstverliebten Lebens

Inzwischen sind allerdings auch ein paar ganz andere Ideenwege neu hinzugekommen, weil das Publikum darüber diskutieren will, wie man denn nun selbst ein gutes Leben führt, eine ganze Biografie entlang, über die Zeit hinweg: wie man's macht, in der Praxis. Und wenn man so fragt, dann treten andere Akteure der Ideengeschichte auf, der 88-jährige kanadische Philosoph Charles Taylor etwa, der in seinem Aufsatz Leading a life darüber nachdenkt, wie sich unvergleichliche Güter überhaupt vergleichen lassen, wenn es doch oft Konflikte zwischen dem Wohlergehen anderer und der eigenen Zufriedenheit gibt. Und der es deshalb besonders wichtig findet, wie sich ein Gut in das je eigene Leben einfügt oder eine Entscheidung zur Biografie eines Menschen passt.

Nicht minder anziehend wirkt die Resonanztheorie des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa. Sein Denken der Weltbeziehung kehrt sich ab vom eskalierenden Wettrennen um Ressourcen und will vielmehr wissen, was es in einem Leben eigentlich ist, das uns etwas sagt und bedeutet, das uns berührt und uns auf ein Gegenüber antworten lässt. Und ebenso einladend sind die Gedanken des vor wenigen Jahren verstorbenen französischen Philosophen Paul Ricœur, der fragt, was das Leben des handelnden und leidenden Menschen denn überhaupt sei. Er meint, es komme für das Gelingen eines Lebens darauf an, dass sich ein Mensch "bis zum letzten Atemzug" selbst als einen Zusammenhang verstehen könne, der in der Begegnung mit einem Gegenüber Antworten findet. In nichts drückt sich deshalb für Ricœur das Leben so sehr aus wie in der Güte, dem Widerpart des selbstverliebten Lebens. Taylor, Rosa, Ricœur: Mit diesen dreien vergeht oft der Abend.

Arm, aber in Würde frei

Nur ist die Begegnung mit den Werken der Ideengeschichte vielen im Publikum eben längst nicht mehr Praxis genug. Wie denn nun? Konkreter! Oft und öfter landen die Seminare zum guten Leben deshalb zuletzt auf dem Boden. 

Bei einem uralten Bauern in der Ardèche zum Beispiel, Pierre Rabhi, dem runzeligen Alten, der sich auf Bildern mit der Erde in den Händen zeigt. Er hat ein Leben lang mit seiner Idee vom guten Leben geduldig Ernst gemacht, indem er ein Stück Boden bearbeitet hat, das ihm gehört, als freier Mensch und Staatsbürger. Lange hat er in den fünf Jahrzehnten dieses Wegs ohne Strom, ohne fließend Wasser gelebt und dennoch fünf Kinder großgezogen – arm, aber in Würde frei, wie er erzählt. Dem städtischen Sparkassenangestellten, der ihm dereinst keinen Kredit bewilligen wollte, um das Stück Land zu kaufen, hat Pierre Rabhi erklärt, was ihm das bedeute: die Schönheit, das Licht, die Stille des Lands. Etwas Eigentum. Und die Weigerung, sich anderen Menschen zu unterwerfen. Irgendwann hat er den Kredit bekommen.

Danach, ob dieser Pierre Rabhi auch Bücher geschrieben habe, werde ich, wenn der Abend um ist, gegenwärtig immer wieder gefragt.

_

Dieser Artikel ist Teil des ZEIT-ONLINE-Schwerpunktes "Das gute Leben" aus unserem Ressort X. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte finden Sie hier.

Text: Elisabeth von Thadden
Redigatur: David Hugendick

Bildredaktion: Michael Pfister, Andreas Prost

Artdirektion: Christoph Rauscher

Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren