Libidoverlust: Ist Sex über 50 nur noch eine Schmusedecke?

Schneller, höher, weiter? In sehr langen Beziehungen wird aus wildem Sex irgendwann eine Verabredung zum Kuscheln. Wie kann man die erotische Sehnsucht neu stimulieren? Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern. 

© Susanne Lencinas

Marta, 54 Jahre: Mein Lebenspartner und ich sind seit zehn Jahren ein Paar, leben aber nicht zusammen. Sex spielte zwar nie die Hauptrolle, war aber doch wichtig für uns beide. Dann wurde ich krank. Das brachte uns aus dem Rhythmus. Er hat das alles mitgetragen, wofür ich sehr dankbar war und bin. Obgleich es mir wieder viel besser geht, haben wir den Einstieg nicht mehr so richtig gefunden. Ich kann ihn zwar noch stimulieren, habe aber darüber hinaus inzwischen wechseljahresbedingte Probleme mit vaginaler Trockenheit und Schmerzen beim Sex (trotz Feuchtigkeitssalben). Hinzu kommt, dass ich zu anderen Zeiten Lust empfinde als er (z.B. ich Samstag abends, dann ist er müde). Wir sehen uns am Wochenende, es kommt nicht zum Sex, und ich bin verunsichert und frage mich, ob die Beziehung noch in Ordnung ist? Man muss dazu wissen, dass meinen Partner Sex nicht (mehr) sonderlich interessiert. Er macht sich deutlich weniger Gedanken um dieses Thema als ich. Ihm ist wichtig, dass wir zusammen sind und uns auch mal ohne viel Worte gut verstehen, es geht ihm um die Beständigkeit und Zuverlässigkeit der Beziehung. Mir ist unsere Zärtlichkeit wichtig, ich liebe es, zu kuscheln, ich fühle mich dann entspannt und geborgen. Es macht mir auch nichts aus, mich in seinem Arm zu stimulieren, wenn er mit mir kuschelt und ich dann Lust verspüre. Ich fühle mich ihm dabei sehr vertraut. Und eigentlich könnte das auch so okay sein – wenn ich mir nicht öfter Gedanken machen würde, ob die Beziehung so in Ordnung ist und wir nicht viel öfter kopulieren müssten? Ich gebe zu, vielleicht auch durch Artikel in Zeitschriften/Zeitungen beeinflusst zu werden, wenn Frauen meines Alters erzählen, wie wichtig ihnen Sex ist und überhaupt, was man alles tun könnte und müsste, um Sexualität in längeren Beziehungen und/oder im Alter zu erhalten. Das verursacht Druck bei mir.

Es war einmal eine Frau in den Fünfzigern. Sie lebte zufrieden mit ihrem Partner. In schwierigen Zeiten hielten sie zusammen. Gelegentlich hatten sie Sex, einige Jahre mit Penetration, ab einem gewissen Zeitpunkt ohne, im Lauf der Zeit seltener als zuvor. Sie wurden immer zärtlicher zueinander. Manchmal, wenn die Frau oder der Mann oder beide Lust dazu hatten, stimulierte sie ihn oder sich selbst, während er sie liebevoll umfing. Er selbst hatte geringere sexuelle Bedürfnisse. Es war ein ruhiges, liebevolles und sinnliches Miteinander. Die Zeitschriften echauffierten sich über dieses Thema: "Ja, ist das denn die Möglichkeit! Jetzt sind sie erst Mitte 50 und kopulieren nicht mehr! Da können sie sich ja gleich begraben lassen!" Wann immer die Frau eine Frauenzeitschrift zur Hand nahm, plapperte es ihr so entgegen. Eines Tages fasste sie einen folgenschweren Entschluss: Sie kaufte sich nie wieder eine. Stattdessen lächelte sie am Frühstückstisch ihrem Partner zu, der gerade genüsslich ein Ei pellte und ebenfalls die Zeitung zur Seite legte, um sich erst angeregt mit ihr zu unterhalten und dann einvernehmlich mit ihr zu schweigen. So lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende.

Unser ganzes Leben lang haben wir damit zu tun, äußere Erwartungen mit unserem inneren Erleben abzugleichen und für uns je nach Lebensphase stimmige Haltungen zu finden. Psychologische Theorien des Älterwerdens sehen im Senken von Erwartungen und im Setzen auf verbleibende Möglichkeiten ohne Hadern eine entscheidende Entwicklungskompetenz. Viele langjährige Paare gehen ähnlich wie Sie zu ruhigen sexuellen Praktiken über, die den aktuellen Bedürfnissen nach Intimität und angenehmer Stimulation entsprechen. Wann der Punkt erreicht ist, an dem wir von "schneller, höher, weiter" zu resignativer Reife übergehen, ist individuell. Mit dem Sex ist es tückisch – so viele Suggestionen überall, wie er zu sein hätte. Das Wichtigste ist, dass Sie einen Weg finden, die Soll-Werte von Ihren ureigenen Bedürfnissen zu unterscheiden.

Es war einmal eine Frau, die war glücklich mit ihrem Partner. Ihre medial befeuerten Zweifel, ob der Beziehung angesichts ihres ruhigen Sexlebens etwas Wesentliches fehle, begegnete sie mit entschiedener Zurückweisung. Von außen wollte sie sich nicht messen lassen. Damit ging es ihr so gut, dass sie auf einmal Lust bekam, zu ergründen, ob nicht doch etwas fehlte. Sie merkte, dass sie gut so weiterleben könnte, sich aber doch etwas mehr erotische Lebendigkeit wünschte. Sie wünschte sich, dass ihr Partner sie verführen möge und sich auch verführen ließe. Außerdem merkte sie, dass sie durchaus gern mal wieder einen Penis in sich hätte, aber einfach wegen der Trockenheit Abstand genommen hatte. Sie massierte ihre Vulva und Vagina von da an täglich mit feinen Ölen, um sie geschmeidig zu halten und experimentierte mit östrogenhaltigen Cremes. Außerdem suchte sie aktiv danach, was sie so antörnen könnte, dass sie davon immer noch feucht werden könnte. Sie erzählte ihrem Partner davon und ging das frivole Risiko ein, ihn zu fragen, ob er für ein kleines erotisches Projekt auf seine alten Tage noch mal zu haben sei: a) Er war dafür zu haben. b) Er war nicht dafür zu haben. So lebten sie bis zur nächsten Biegung des Lebens mehr oder weniger glücklich.

Sex ist immer ein Bedeutungsraum. Entscheidend ist, welche Bedeutungen Sie persönlich dort verorten. Für mich ist entscheidend, ob Sie persönlich die Bedeutung der Sexualität herunterrechnen, weil Sie im tiefsten Inneren entmutigt sind ob der Begrenzungen, die Sie spüren. Oder ob Sie, wenn Sie mit Ihrem Partner zusammen sind, ein Gefühl der Passung und Stimmigkeit haben, auf das Sie sich intuitiv verlassen. In welchen Momenten der Körperlichkeit fühlen Sie sich besonders gut? In welchen spüren Sie konkret einen Mangel? Hören Sie einfach immer wieder genauer in sich hinein. Woran würden Sie merken, dass Sie faktisch nicht glücklich sind mit dem, was ist? Woran machen Sie fest, dass Sie es doch sind, von Moment zu Moment? Wenn Sie dabei auf Sehnsüchte nach Begehrtwerden oder körperlich-seelischer Vereinigung stoßen, nehmen Sie sie ernst. Aber nicht, weil es in der Zeitschrift steht.

Ich verstehe, dass die Stabilität der Beziehung etwas sehr Wertvolles für Sie beide bedeutet. Stabilität ist aber nicht unbedingt statisch. Gestatten Sie daher eine letzte Frage: Wieso möchten Sie denn überhaupt mit dem Thema zur Ruhe kommen? Bleiben Sie lieber neugierig auf sich selbst. Dann können Sie vielleicht manchmal Ihre Zufriedenheit spüren und manchmal einen leisen Stachel. Über Ihre erotische Zufriedenheit gibt es keinen endgültigen Befund. Im Leben ist sowieso nichts eindeutig, und die Vorstellung nach dauerhafter Zufriedenheit halte ich für wenig nützlich. Wieso sollten wir ohne Mangel leben? Wieso sollten wir mit dem Mangel weniger gut leben? Sie dürfen sich die Freiheit nehmen, beides zu sein: die zufriedene Frau und die Frau, die mehr will. 

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