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Popmusik in Deutschland : Er hat sie alle infiziert

Elvis Presley ging 1958 als US-Soldat in Bremerhaven an Land und elektrisierte eine ganze Generation. Für die Arbeiterstadt war das der Beginn einer wilden Zeit. Von
Aus der Serie: Deutschland 70/30

70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Mauerfall: Wir wollen die historischen Jubiläen dieses Jahres als etwas Zusammenhängendes betrachten. Deshalb haben wir die Serie "Deutschland 70/30" gestartet. In dieser Reportage hat unser Autor in Bremerhaven nach Spuren gesucht, wie der Pop nach Deutschland kam.

Das Denkmal, das an die popkulturelle Befreiung der Deutschen erinnern soll, ist unerreichbar. Jene unscheinbare, im Boden eingelassene, Bronzetafel vis-à-vis der Weser ist bei freier Sicht nur mit dem Fernrohr von der Besuchergalerie am Bremerhavener Kreuzfahrtterminal zu sehen. Wer mag, kann so mit Glück lesen: "Hier ist am 1. Oktober 1958 Elvis Presley, der König des Rock 'n' Roll, an Land gegangen."

Die Bilder von damals zeigen: Es war nur ein kleiner Schritt, den der King hier die Gangway hinuntergeschlendert kam, aber ein prägender für die Republik. Denn Ende der Fünfziger ging im Bremerhavener Nieselregen nicht einfach nur ein Popstar an Land, sondern ein Versprechen: Ab nun, deutsche Jugend, dürft ihr euch der Zukunft und der Freiheit zuwenden! 

In Folge dieses Landgangs begann etwas, das weit über Bremerhaven hinaus von Konsequenz sein sollte – das aber eben hier seinen Anfang nahm: An der Columbuskaje, einem Ort, der immer schon ein Transitraum für große und kleine Träume vom Glück war. Von hier verließen allein zwischen 1832 und 1974 mehr als acht Millionen Auswanderer Europa auf der Suche nach einem besseren Leben. Meist zog es sie nach Amerika. Heute gehen hier Kreuzfahrttouristen an Bord, um hoch zu den Fjorden Norwegens oder in Richtung Mittelmeer und Karibik abzureisen. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg benötigten die Amerikaner einen Seehafen. Hamburg ging an die Engländer, also stationierte man sich in Bremerhaven, das nun logistischer Knotenpunkt der amerikanischen Besatzungstruppen wurde. Im Windschatten dieser Entwicklung wurde diese kleine, zum Land Bremen gehörige Stadt, die keine Sperrstunde kannte, für einige Jahre zum Labor einer neuen freiheitlichen Jugendkultur, der nach und nach auch der Rest der noch jungen BRD verfiel. 

"Elvis war nur 30 Minuten in Bremerhaven. Eine reale Bedeutung für die Stadt hatte er nicht", sagt der ehemalige Oberbürgermeister Bremerhavens, Manfred Richter, "aber seine Ankunft stand symbolisch für eine Kultur, die es vorher in Deutschland so nicht gegeben hat: für den Rock 'n' Roll." Richter, Anfang der Neunzigerjahre zeitweise parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, ist ein bodenständiger Kosmopolit – gemütlich im Gang und von scharfem Verstand, die Haare kurz und grau, die Brille randlos.

Mitte der Neunzigerjahre hatte Richter die Gedenktafel zusammen mit dem Elvis-Freund Joe Esposito am Kai zwischen Weser und Kreuzfahrterminal eingelassen. Richter wuchs in Bremerhavens Amüsierviertel zwischen Rickmersstraße, Reuterplatz und dem späteren Rotlichtbezirk in der Lessingstraße auf. Er erzählt, wie damals in diesem quirligen Szenequartier immer neue Bars öffneten, aus denen Livemusik drang. In den Straßen begegneten sich Einheimische, Seemänner und Servicepersonal von den im Hafen liegenden Frachtern und Passagierdampfern der Reederei Norddeutscher Lloyd. 

Darunter waren seit Mai 1945 auch viele amerikanische Soldaten, die noch bis zum endgültigen Abzug im Jahr 1994 in einer Truppenstärke von bis zu 4.000 in Bremerhaven stationiert waren – und dies bei einer Einwohnerzahl von rund 140.000 im Durchschnitt der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Der damalige Viersternegeneral Charles D. Palmer behauptete sogar, Bremerhaven sei "aus amerikanischer Sicht die bekannteste Stadt außerhalb der USA". 

In ihrer Freizeit fuhren die Soldaten in ihren extra eingeschifften Straßenkreuzern umher. Lange bevor man in Berlin oder Köln Halloween feierte, zogen die Kinder der GIs in Monster-, Feen- und Hexenkostümen von Tür zu Tür. Deutsch-amerikanische Volksfeste mit Barbecue und Livemusik wurden regelmäßig auf dem Phillips Field im Stadtteil Lehe gefeiert. Die Bremerhavener erlebten wohl als Erste in Deutschland den American Way of Life mit all seinen Verführungen. 

Manfred Richter wuchs in Bremerhavens Amüsierviertel auf – da, wo damals immer mehr Clubs und Bars eröffneten. © von privat

Für die überwiegend jungen US-Soldaten, die den Krieg nur aus Erzählungen kannten, bedeutete die Stadt eine unglaubliche Freiheit. Einen Dollar konnte man während der Sechzigerjahre gegen rund vier Deutsche Mark tauschen. "Die Seeleute und selbst die einfachen Soldaten lebten hier wie die Fürsten, sie konnten sich alles leisten", sagt Manfred Richter. 

Richter erinnert sich, dass der Zeitgeist damals in Bremerhaven sehr international war, auch kulinarisch. Während in deutschen Wohnzimmern sonntags schwere Kost aufgetischt wurde, eröffnete in Richters Kiez schon in den Sechzigern ein chinesisches Restaurant. "Wir waren es gewohnt, dass Menschen aus der ganzen Welt, mit verschiedenstem Aussehen und Hautfarben, in Uniform oder auch in Zivil, bei uns vor der Tür entlangliefen. Für mich war das sogenannte Fremde nie irritierend", sagt er. Bremerhaven wurde so für eine bestimmte Zeit ein Labor für kleine und größere Utopien des Zusammenlebens, der Toleranz und der kulturellen Vielfalt.

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