Transsexualität: "Deutschland ist ein Paradies"

Erst Junge, jetzt Frau: Gigi Spelsberg ist transsexuell. Ein langer Prozess, doch irgendwann hatte sie alles: Geburtsurkunde, Ausweise, alle Karten. Das war so geil. Protokoll:

"Es ist, als ob man immer lügt, jede Sekunde. Stellen Sie sich das mal vor: Sie werden gezwungen, mit falschem Namen zu unterschreiben. Sie werden mit dem falschen Namen angesprochen, immer. So hab ich mich gefühlt, bevor ich offiziell meinen Namen ändern durfte. Viele Transsexuelle kommen dadurch in eine Spirale, in der sie alles abfucken. Ich zum Beispiel hab meine Post nicht mehr aufgemacht, weil da dieser falsche Name stand. Ich bin nicht zu Terminen gegangen, weil ich nicht mit "Herr Spelsberg" aufgerufen werden wollte. Einmal wurde ich am Flughafen ausgerufen: "Herr Spelsberg, bitte zu Gate 4." Und als ich da erschien, hieß es: "Ach, Sie sind das?" Ich fühlte mich wie ein Alien.

Es gibt verschiedene transitions, also Übergänge von einem Geschlecht zum anderen: die hormonelle Angleichung, die operative und die Namensänderung. Für mich war die wichtigste transition die Namensänderung. Die ersten Briefe, die ankamen mit "Frau Spelsberg", das war so toll: mit meinem Namen drauf, meiner Anrede, meinem Geschlecht. Diese Änderung geht in mehreren Schritten. Erst stellst du einen Antrag auf Namens- und Personenstandsänderung beim Gericht. Bis der Antrag durch war, hat es 14 Monate gedauert. Zwei unabhängige Psychologen müssen bestätigen, dass du nicht bipolar bist oder schizophren oder Borderliner, also dass du keine psychischen Krankheiten hast und dir deine Transsexualität nicht irgendwie einbildest.  

So, das ist jetzt alles gleich weg.
Der nette Typ im Bürgeramt

Danach hab ich alle Dokumente neu gemacht: Geburtsurkunde, Ausweise, alle Karten. Du musst alle kontaktieren: die Bank, die Versicherungen. Zuerst wollte ich mit diesen Institutionen überhaupt nicht darüber sprechen. Ich wollte ein neues Konto eröffnen bei einer anderen Bank. Aber dann dachte ich: Nee, ich schreib meiner Beraterin bei der alten Bank einfach. Die hat mir die netteste Mail zurückgeschrieben, das war meine schönste Mail des Jahres. Überhaupt hab ich von diesen Institutionen wahnsinnig nette Feedbacks bekommen. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich habe meinen alten Namen gemocht, darum hab ich für mein Leben als Frau einen ähnlichen gewählt: Früher hieß ich Gérald, jetzt heiße ich Gérsande Geraldine Gerlaine. Meinen alten Spitznamen hab ich behalten: Gigi. Ich bin in einem kleinen Bergdorf in den Hautes-Vosges Frankreichs geboren, es hat ewig gedauert, bis ich meine neue Geburtsurkunde hatte, vier oder fünf Monate. In der Urkunde werden das Geschlecht und der Name geändert. Sexe: feminin steht da jetzt und mein neuer Name. Da steht nicht mal, dass ich trans bin – und mein alter Name und mein altes Geschlecht tauchen überhaupt nicht auf. Ziemlich cool eigentlich.

Neue Papiere beantragen, Personalausweis und Reisepass, war für mich eine ultimative Hürde. Ich bin mit meiner neuen Geburtsurkunde in ein Berliner Bürgeramt und hab gesagt: "Bei mir liegt eine Namensänderung vor." Die Frau hinter dem Schalter fragte: "Haben Sie geheiratet?" Und ich: "Nee, neuer Vorname." Die Frau wurde nervös und hat ganz schnell gesagt: "Nicht falsch verstehen, ich arbeite erst seit 'ner Woche hier, ich hatte so was noch nicht, ich muss mal meinen Vorgesetzten holen." Ich dachte: "Hoffentlich ist der kein Arsch." Da kam so ein junger Typ mit türkischem Nachnamen, der ging das Ganze komplett emotionslos an, tippte in seinem Rechner rum. Ich war total nervös und hab dauernd Fragen gestellt. Dann hat er doch mal rüber geschaut und gesehen, wie sehr mich das bewegt. Und hat gefragt: "Wollen Sie das mal sehen?" Und dreht den Bildschirm zu mir rüber: "So, das ist jetzt alles gleich weg." Er drückt auf einen Knopf und alle meine amtlichen Informationen sind verschwunden. Wo ich gewohnt hab, die letzten zehn Adressen, die Punkte in Flensburg. Und dann sagt er: "So, jetzt tippen wir alles neu ein." Das war so geil.

Ein paar Wochen später konnte ich meinen neuen Ausweis abholen. Und ab dem Moment habe ich mich komplett richtig gefühlt. Flüge buchen! Arztbesuche! Amtsgänge! Alles kein Problem mehr.

In sechs EU-Staaten müssen sich Transmenschen vor der Änderung ihres Geschlechtseintrags sterilisieren lassen. Die EU würde das gerne ändern, darf es aber nicht.
Die Freiheiten sind noch frisch und zart.

Deutschland ist ein Paradies. Mit ein paar anderen Ländern, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern etwa, ist das Land eine Art Pionier, was die rechtliche Lage für Transsexuelle betrifft. In den meisten Nationen gibt es keine Therapien für Transgender, in Deutschland werden 18 Monate Therapie von den Kassen bezahlt und ein großer Teil der geschlechtsangleichenden Operationen. Welch Privileg! Die Freiheiten, die wir hier haben, sind noch ganz frisch und zart und noch nicht verankert in der Gesellschaft. Bis 2009 galt Transsexualität hierzulande noch als psychisch krank. Das ist noch nicht lange her. Seit 2012 müssen Transsexuelle die Geschlechtsangleichung nicht mehr vor der Namensänderung machen. Vorher hieß es: Erst die Angleichung, dann Namen und Personenstand ändern. Das führte dazu, dass sich wahnsinnig viele Leute nur haben operieren lassen, um ihren Namen zu ändern. Viele waren danach total unglücklich und hätten gern wieder ihren Penis oder ihre Vulva zurückgehabt.

Ich bin politisch, das muss ich mit meiner Identität auch sein. Allein, dass ich rausgehe, ist ein politischer Akt. Dass ich mit meiner Umwelt täglich auf meine Weise über meine Identität in den Dialog trete, mich nicht verstecke – das ist für mich politisch. Viele Transsexuelle verstecken sich noch immer, haben Doppelleben, können sich nicht äußern. Und ohne Coming-out bist du politisch eingegrenzt.

Wenn rechte Parteien an die Macht kommen, dann bin ich eine der Ersten, denen sie den Kopf abhacken. Dann können alle meine Privilegien auf einen Schlag weg sein. Ich fühle mich wie ein Seismograf für die Erosion von Recht und Freiheit. Wenn Rechtspopulisten ein bisschen mehr Macht bekommen, können viele einpacken. Auch Cis-Frauen, also Frauen, die mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, können dann einpacken, die werden dann in ein rückständiges Frauenbild gezwungen. Und Leute aus dem Kulturbetrieb, deren Etats gekürzt werden und die in ihrem Ausdruck eingeschränkt werden. Jeder, der kein weißer Mann ist, jeder, der ein bisschen anders denkt, wird es schwerer haben.

Auch so etwas wie die gleichgeschlechtliche Ehe kann leicht wieder rückgängig gemacht werden. Ich will nicht pathetisch klingen, aber noch zu Beginn des Dritten Reichs haben viele Leute gedacht: "Ach, wird schon nicht passieren." Und dann ist es doch passiert. Dafür müssen Gruppierungen wie die AfD nicht gleich die Kanzlerin stellen, das reicht schon, wenn sie in Parlamenten sitzen. Die können einfach alles verlangsamen, Veto einlegen, Gesetze blockieren. Ich bin davon überzeugt, dass ein Großteil der AfD-Wähler gar nicht weiß, dass Menschen wie ich existieren. Wenn ich mit denen ins Gespräch kommen würde, könnte ich vielleicht sogar einige zurückgewinnen.

Keiner von denen ist Celebrity, keine ist eine Caitlyn Jenner.

Die Angst vor dem Unbekannten schürt Vorurteile und Hass. Darum finde ich Instagram-Accounts wie Where love is illegal so wichtig. Dort wird täglich von weltweiten Schicksalen berichtet aus Ländern, in denen die Rechte für Transgender und Homosexuelle, die wir hier als selbstverständlich empfinden, nicht selbstverständlich sind. Sie zeigen Porträts aus Ländern, in denen diese Menschen für ihre sexuelle Identität verfolgt werden, bespuckt, sogar in Gefahr sind, umgebracht zu werden. Vielen wird das Leben zur Hölle gemacht. Das sind für mich die echten Che Guevaras: diese Leute, die in Ländern ihr Coming-out haben, in denen sie dafür verfolgt oder umgebracht werden können. 

Der Account bildet ein breites gesellschaftliches Spektrum an Transgender ab. Keiner von denen ist Celebrity, keine ist eine Caitlyn Jenner, die in Beverly Hills lebt und Multimillionärin ist. Transsexuelle sind so divers wie Gesellschaft. Es sollten viele Gesichter dieser Schicksale und Persönlichkeiten sichtbar sein, damit kein neues Klischeedenken entsteht.

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