Verhütungsmittel: Soll uns ein Algorithmus sagen, wann wir Sex haben dürfen?

Zyklus-Apps setzen ein ruhiges Leben mit festem Partner voraus. Wenn die Technik den Eisprung falsch vorhersagt, wird die Frau halt schwanger. Da waren wir mal weiter. Eine Analyse von

Können Geschlechtsteile modisch sein? Also in, und damit logischerweise irgendwann auch wieder out? Wenn das so ist, dann haben Frauen gerade definitiv die Nase vorn. Die Vulva liegt voll im Trend: Überall auf Instagram sieht man anspielungsreiche Bilder von aufgeschnittenen Grapefruits und Orangen. Influencerinnen bloggen über ihre Periode, Aktivistinnen beklagen, dass Frauen viel zu wenig über ihren Körper, über Vulva und Vagina wüssten.

Das ist keine neue Erkenntnis. In den Siebzigerjahren fanden mit Handspiegeln bewaffnete Neugierige in konspirativen Zirkeln zusammen und ermutigten sich gegenseitig, einen beherzten Blick auf das unbekannte Terrain zu riskieren. Heute sollen Fotos von halbierten Südfrüchten im Netz denselben Zweck erfüllen. Diese Anatomiekunde ist eigentlich genauso ungelenk wie damals.

Mit dem neuen digitalen Körperbewusstsein geht ein neuer Verhütungstrend einher, der ebenfalls uralt ist: In den App-Stores finden sich Dutzende Angebote, die Frauen versprechen, auf ganz natürliche Weise verhüten und nebenbei noch die Wunder des eigenen Reproduktionsapparats näher kennenlernen zu können.

Nutzerinnen messen und registrieren jeden Morgen ihre Temperatur, um fruchtbare von unfruchtbaren Tagen zu scheiden; kurz vor dem Eisprung steigt die Körpertemperatur an. Wie gesagt, die Idee ist nicht neu: Generationen von Frauen sind schon morgens mit Thermometer, Bleistift und Notizbuch auf der Toilette verschwunden. Neu ist lediglich, dass die Zeitfenster für unbeschwerten Sex jetzt von einem Algorithmus berechnet werden.

Waren wir nicht schon mal weiter? Es gab eine Zeit, in der Frauen einfach nur Sex haben wollten, ohne dabei schwanger zu werden. Mit den Apps sind spontane Geschlechtsakte riskant, denn in der Praxis erwiesen sie sich als äußerst unzuverlässig. 2017 vergab die Stiftung Warentest für 18 von 23 getesteten Anbietern die Note "mangelhaft". Trotzdem finden sich auf der Social-Media-Plattform Instagram haufenweise Beiträge, die mit flockigen Hashtags wie #yourcyclematters und #wakeupmeasuregetup suggerieren, dass diese Verhütungsmethode nicht nur ganz easy anzuwenden, sondern auch sicher sei. Über die Konsequenzen einer ungewollten Schwangerschaft schweigt man sich aus. Und falls es doch mal passieren sollte, kann man demnächst eben niedliche Babyfotos posten.

Muss eine Frau wie ein Computer funktionieren?

Problematisch ist auch, dass die neuen Zyklus-Apps gleich mit einem ganzen Katalog an Wohlverhaltensmaßregeln daherkommen. Die britische Autorin Olivia Sudjic beklagte in einem Artikel für The Guardian, dass diese Verhütungsmethode auf einen idealen Frauentyp hin konzipiert wäre: Sie dürfte nie krank oder verkatert sein, müsste in einer stabilen Beziehung leben, jeden Tag um die gleiche Zeit aufstehen und immer ein Thermometer sowie ein aufgeladenes Handy griffbereit auf dem Nachtkästchen liegen haben.

Die digitale Kaffeesatzleserei hält Frauen aber nicht nur dazu an, ihre Körperfunktionen fleißbienenhaft zu protokollieren. Sie lässt sie sich auch noch schuldig fühlen, wenn sie nicht so zuverlässig funktionieren wie ein Computer.

Im letzten Jahr geriet besonders das schwedische Start-up Natural Cycles in die Kritik, nachdem Dutzende Frauen trotz empfehlungsgemäßer Anwendung der App schwanger geworden waren. Sie legten Beschwerde bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA ein, die die App als Verhütungsmittel zugelassen hatte. Die bekannte schwedische Modebloggerin Isabella Löwengrip, die Werbung für Natural Cycles gemacht und selbst Geld in das Projekt investiert hatte, veröffentlichte daraufhin auf ihrer Website den Hinweis, dass erfolgreiche natürliche Verhütung eben eine "tägliche Routine" erfordern würde. Anders formuliert: Wer mit der App nicht zurechtkommt, lebt wohl nicht im ausreichend harmonischen Einklang mit dem eigenen Zyklus und hat daher Pech gehabt.

Das klingt so, als wäre Verhütung mit moderner Technik wieder Glückssache, eher magisches Denken als Medizin. So wie im 15. Jahrhundert, da wurde Frauen empfohlen, vor dem Sex rasch den Huf einer Mauleselin zu verbrennen und die Asche mit Wein gemischt zu trinken.

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