© bastisteiner/​plainpicture

Zimmerpflanzen: "Pflanzen interessiert es nicht, ob es Menschen gibt"

Macht sich gut auf Instagram, so eine Monstera: Pflanzen sind heute Designobjekte, sagt die Leiterin des Botanischen Museums – aber auch eine Übung in Fürsorglichkeit. Interview:

Eine Forellenbegonie mit getüpfelten Blättern, der Topf dazu sorgfältig ausgewählt: So werden Pflanzen heute präsentiert, sorgsam kuratiert, in boutiqueähnlichen Läden erworben – und sie sind auf Instagram so allgegenwärtig, dass wir es nun auch mit dem Berufsbild des Plantfluencers zu tun bekommen. Doch hinter der neuen Begeisterung für die alte Zimmerpflanze steckt mehr, nämlich die Sehnsucht nach einem Stück Heimat bei einer Generation, die sich als mobil sieht und sich mit der Monstera in der Ecke dann doch verorten will. Manche Menschen geben ihren Pflanzen sogar Namen, sagt Patricia Rahemipour, die das Botanische Museum im Botanischen Garten Berlin leitet.

ZEITmagazin ONLINE: Frau Rahemipour, meine erste Frage könnte sehr kurz ausfallen: Warum jetzt? Beziehungsweise: Jahrzehntelang galten Zimmerpflanzen als ungeheuer spießig, heute scheinen sie es in alle Wohnzimmer geschafft zu haben, nachdem die Hipster der Großstädte sie wiederentdeckt haben. Wie konnte es so weit kommen?

Patricia Rahemipour: Es gibt nur wenig kulturhistorische Publikationen über Zimmerpflanzen. Deswegen ist es schwer zu bestimmen, wann bestimmte Phänomene anfangen und weshalb. Auf die Frage, warum es die Hipster erreicht hat, kann man aber sagen: Es gibt einen Bedeutungswechsel. Die üppigen Pflanzen, die es im Biedermeier und in der Kaiserzeit gab und dann wieder in den Zwanzigerjahren, wurden aus Prestigegründen angeschafft. In den Siebzigern gab es das Blumenfenster – da ging es einfach nur um etwas Grünes im Zimmer, und zwar um möglichst viel davon. Heute sind Pflanzen Designobjekte. Sie müssen zum Stuhl passen, neben dem Schrank gut aussehen. Deswegen gibt es auch Erfindungen wie die, Pflanzen in umgekehrten Töpfen, wie eine Lampe, über den Esszimmertisch zu hängen. Eine Monstera passt mit ihrer Form und ihren dramatischen Blättern einfach sehr, sehr gut in eine schön designte Wohnung in Neukölln und anderswo.

ZEITmagazin ONLINE: Also geht es nur um die Optik?

© Bernd Wannemacher/​FU Berlin

Rahemipour: Nicht ausschließlich, aber das ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum Zimmerpflanzen heute so eine Renaissance erleben. So werden sie auch in Blogs besprochen – als dekorativ. Das Grün wird sehr intensiv beschrieben, blühende Pflanzen spielen kaum eine Rolle. Aber Sukkulenten, Kakteen und Monstera haben jene Grüntöne, die zusammen auf Instagram gut aussehen. Auf Instagram gibt es einen Account, der Plants On Pink heißt. Da werden nur Grünpflanzen vor einem Hintergrund in Pink fotografiert – total schön anzusehen.

ZEITmagazin ONLINE: Ist die Pflanze nicht auch so etwas wie das neue Tamagotchi des Großstädters? Die Trendsetter unter den Pflanzenliebhaberinnen und -liebhabern sind überwiegend aus der jüngeren Generation, die sich eher damit abzuquälen scheint, Verantwortung zu übernehmen, sich zu sorgen, sich zu kümmern. Kann es sein, dass sie anhand von Pflanzen ihre Fürsorglichkeit austesten?

Rahemipour: Auch das muss man mit einbeziehen. Pflanzen sind ein Stück Heimat, das ich mir irgendwohin mitnehme. Wenn ich in eine neue Wohnung einziehe, dann habe ich damit etwas Lebendes dabei – und kann damit zugleich eine Beziehung zu den Möbelstücken herstellen, in die ich so viel investiert habe. Für eine unserer Ausstellungen haben wir mal Menschen gebeten, uns etwas über ihre Lieblingspflanzen zu erzählen, dabei hat sich herausgestellt, dass viele ihre Pflanzen schon jahrzehntelang besitzen und manche ihnen sogar Namen gegeben haben.

ZEITmagazin ONLINE: Das sind also quasi die Mitbewohnerinnen?

Rahemipour: Ja. Wenn wir über diese Beziehung reden, sollten wir aber an eins denken: Pflanzen sind eigentlich unabhängig von uns. Es interessiert sie nicht, ob es Menschen gibt. Das ist denen völlig egal, aber nur in der freien Natur. In dem Moment, in dem wir sie zur Topfpflanze machen, ändert sich das radikal. Wir machen sie abhängig von uns.

ZEITmagazin ONLINE: Wie lange geht das denn schon so, historisch gesehen?

Rahemipour: Im Mittelalter gab es Zimmerpflanzen der Wohlgerüche wegen, um zum Beispiel den Latrinengeruch zu übertünchen. Der erste identifizierbare Hype aber fand in viktorianischer Zeit statt, mit einer Vorliebe für Farne und andere Gewächse, die man in den Wohnungen halten konnte. Man darf nicht vergessen, dass früher die Zimmer sehr viel kälter waren als heute. Es wurden ganz andere Pflanzen kultiviert, als es heute der Fall ist. Heute stammen eigentlich alle Pflanzen von der Südhalbkugel, früher waren es eher Pflanzen, die tatsächlich kälteliebend sind wie die Hortensie oder das Alpenveilchen. Die sind bei uns irgendwann ins Schlafzimmer gewandert, während sie im Biedermeier noch am Wohnzimmerfenster standen. Im Biedermeier ging es darum, zeigen zu können, dass man sich bestimmte Pflanzen leisten kann.

ZEITmagazin ONLINE: Spielt das Prestige nicht auch heute wieder eine Rolle? Eine Monstera hat jeder und jede zu Hause, deswegen werben Pflanzenboutiquen – man muss diese kuratierten Läden ja so nennen – eher mit einer neuen Lieferung an Forellenbegonien. Mit etwas Ausgesuchtem also.

Rahemipour: Klar, das fängt jetzt wieder an. Die Zimmerpflanzen haben sich in der Allgemeinheit etabliert, deswegen möchte man sich wieder ein bisschen von der Masse abheben – und nicht die Pflanze haben, die alle haben. Sondern etwas Exotisches.

Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren