Christopher Street Day : "Wir sind weit entfernt von irgendeiner Form von Freiheit"

In New York haben Hunderttausende den World Pride gefeiert. Wir haben elf von ihnen gefragt, was sie bewegt und wogegen die LGBTQ-Bewegung immer noch kämpfen muss.

Am Sonntag haben Hunderttausende in New York mit der wohl größten LGBTQ-Parade den Christopher Street Day gefeiert. Der World Pride sollte an den 50. Jahrestag der Unruhen erinnern, aus denen weltweit der Christopher Street Day hervorgegangen ist. Am 28. Juni 1969 war das Stonewall Inn, eine Bar für Homosexuelle in der Christopher Street im Stadtteil Greenwich, von Polizisten gestürmt worden. Die Gäste widersetzten sich, weil es auch in anderen Bars mit schwulem Publikum zuvor immer wieder zu Verhaftungen und Anklagen wegen "anstößigen Verhaltens" gekommen war. Fünf Tage dauerten die Proteste damals an und gelten als Startpunkt der Bewegung für die Rechte Homosexueller in den USA. 

Auch wenn die LGBTQ-Bewegung heute schon einiges erreicht hat, gibt es für viele noch Grund genug, auf die Straße zu gehen. Wir haben elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer des New Yorker CSD gefragt, wo zwischen Hedonismus und Aktionismus sie selbst sich am besten aufgehoben fühlen. Und was sich verändert hat seit der Nacht im Stonewall Inn.

Lise Colbert, 18, Studentin

Lise Colbert

Das hier ist so etwas wie mein zweites Coming-out. Ich bin hier, um mich endlich vollends akzeptiert fühlen zu können. Es gibt in meiner Familie ein paar Leute, die Schwierigkeiten mit meiner sexuellen Identität haben. Ich bin non-binary, das heißt, ich möchte mich nicht dadurch definieren lassen, wie mein Körper von außen aussieht: Dass ich in einem weiblichen Körper geboren wurde, zählt für mich nicht. Es zählt, was innen ist.


Ted Porter, 60, Architekt

Ted Porter

Man muss einfach mal sagen: Dank der riots hier am Stonewall Inn 1969 und allem, was folgte, bin ich in der Lage, ein sehr freies Leben zu führen. Ich kann sein, wer ich möchte, kann einen Beruf ausüben, ohne meine Sexualität verleugnen zu müssen. Ich bin deswegen heute ein glücklicher Mann.


Paisley Rowland, 27, arbeitet bei einem Technologieunternehmen

Paisley Rowland

Ich bin mit dem Zug aus einer kleinen Stadt in Massachusetts angereist – für meine Verlobte. Es ist mein erster Gay-Pride-March, und ich will hiermit unsere Beziehung feiern. Vieles hat sich in 50 Jahren seit der Polizeirazzia im Stonewall Inn geändert. Aber unsere Bewegung ist gespaltener denn je. Auf der einen Seite die Hedonisten, auf der anderen die Aktivisten. Je mehr Leute sehen, dass und wie wir als LGBTQ-Community existieren, desto stärker werden wir – das hoffe ich zumindest. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich lesbisch bin und Frauen mag, als ich zwölf war. Bisher hatte ich Glück. Ich bin noch nicht belästigt worden, weder bei der Arbeit noch in der Öffentlichkeit. Es mag klischeehaft klingen, das ist mir klar, aber ich wünsche mir für die Zukunft, dass man Menschen einfach sie selbst sein lässt.


Michael Sugarman, 22, Grafikdesigner

Michael Sugarman

Ich bin hier, weil ich so gay bin. Und ich will nirgendwo anders auf der Welt sein als für immer hier.


Diana Viglucci, 26, arbeitet für das Brooklyn Community Pride Center

Diana Viglucci

Sexualität wurde bei uns zu Hause totgeschwiegen. Ich bin nach dem Studium nach New York gezogen und habe hier einen Job angenommen, bei dem es meine Aufgabe ist, die Rechte von LGBTQ-Menschen zu stärken. Das hier ist mein erster öffentlicher Auftritt. Gay pride bedeutet für mich nichts weniger, als hier und heute ohne Scham oder Angst mitlaufen zu können. Und ehrlich gesagt fühle ich mich großartig dabei.

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