Sexsucht: Kann es sein, dass ich sexsüchtig bin?

Wenn die Sehnsucht nach Sex bei der einen groß ist und bei dem anderen klein, wird es schwierig in der Beziehung. Gibt es ein Normalmaß sexuellen Begehrens? Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern. 

© Susanne Lencinas

Greta S., 29: Mich würde die Frage interessieren, ab wann man als "sexsüchtig" gilt. Ich komme darauf wegen meiner letzten Beziehung: Mein damaliger Freund und ich hatten offensichtlich eine unterschiedliche Libido bzw. ein unterschiedliches Verlangen nach Sex. Zu der Zeit unserer Beziehung war er sehr eingespannt und stand vor einer wichtigen Examensprüfung. Durch den kontinuierlichen Stress hatte er oft keine Lust auf Sex oder hat schlichtweg nicht daran gedacht. Ich auf der anderen Seite hatte im Vergleich zu ihm sehr oft Lust. Je länger unsere Beziehung lief, desto frustrierter wurde ich. Ich habe einige Male versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber das fiel ihm sehr schwer. Meistens war ich diejenige, die geredet hat, er blieb der passive, zuhörende Teil, der seine Meinung zu dem Thema nicht klar formulierte. Irgendwann ließ er den Begriff der "Sexsucht" fallen. Das kränkte mich sehr und beschäftigt mich auch im Nachhinein, obwohl ich mittlerweile in einer Beziehung bin, in der mein Partner und ich sehr ähnliche Vorstellungen von Sex haben. Wir schlafen regelmäßig miteinander und reden sehr offen und ehrlich über das Thema. So ein gutes Sexualleben hatte ich noch nie. Was also bedeutet es, sexsüchtig zu sein? Sind Teile von mir tatsächlich sexsüchtig und habe ich lediglich einen sexsüchtigen Partner gefunden, mit dem ich meine Sucht ausleben kann? Oder hat mein Ex mich etwas vorschnell als sexsüchtig diagnostiziert – vielleicht, weil er mich nicht befriedigen konnte?

"Nymphoman ist jemand, der mehr Sex will als man selbst" – so hat der Sexualforscher Alfred Kinsey die Schwierigkeit benannt, ein Normalmaß sexuellen Begehrens festzulegen. Eine Definition ist schlicht unmöglich. Das bedeutet allerdings nicht, dass nicht jede Menge Leute sich dennoch daran versuchen.

Im wissenschaftlichen und klinischen Feld finden sich zum Thema sexuelle Sucht unterschiedliche Positionen. Die einen gehen fest davon aus, dass es so etwas gibt. Für sie liegt es nahe, an sexuelles Verhalten ähnliche Kriterien anzulegen wie an substanzgebundene Süchte und andere Verhaltenssüchte. Auch dabei berichten Klienten manchmal, immer höhere Dosen (stärkere Pornos, häufigere Masturbation, häufigere sexuelle Begegnungen) zu benötigen, um sich noch sexuell entladen zu können. Sie berichten, dass sie dranghaft masturbieren, aber emotional nie befriedigt sind, dass ihr Pornokonsum zeitlich überhandnehme und nicht mehr kontrollierbar erscheine. Partnerschaften und Arbeitsplätze gehen verloren.

Diese Beschreibungen legen den Suchtbegriff nahe. Andere hinterfragen dieses Label allerdings und unterstreichen, dass sexuelles Verhalten komplexer sei und auch hirnphysiologisch anders ablaufe, sodass keineswegs einfache Parallelen zu klassischen Süchten gezogen werden könnten. Wenn jemand dranghaft sexuell aktiv ist, kann dieses Verhalten auch im Zusammenhang mit psychischen Störungen, etwa im Rahmen einer bipolaren Störung auftreten. Es kann eventuell sinnvoller als Zwangshandlung oder als Ausdruck mangelnder Impulskontrolle beschrieben werden. Von manchen Experten wird daher der weiter gefasste Begriff der Hypersexualität vorgeschlagen. Das führt uns aber wieder zu Kinsey und zur unbeantworteten Frage zurück: Wann ist viel zu viel?

Zu viel ist letztlich, wenn die betroffene Person selbst leidet und andere Lebensbereiche dauerhaft durch ihre Fokussierung auf die Sexualität in Mitleidenschaft gezogen werden. Das heißt aber noch immer nicht, dass es sich um eine Sucht handelt. Neulich bezeichnete sich ein Mann als sexsüchtig, der angab, zweimal monatlich zu masturbieren, obwohl er versuche, sich zu beherrschen. Er erlebte einen Kontrollverlust in Bezug auf seine persönliche Norm, weil er sich Sexualität aufgrund internalisierter Verbote einfach nicht gestatten wollte. Allerdings kommen auch Personen zu mir, deren Leben tatsächlich fast nur noch aus Pornos besteht.

In meiner klinischen Arbeit gehe ich mit diagnostischen Labels generell vorsichtig um. Ich nehme allerdings die Person und ihr Leiden sehr ernst und erkundige mich, wie sie und ihre Angehörigen das Verhalten beschreiben und bewerten. Entscheidend ist das Ausmaß an Kontrolle, das er oder sie über das eigene sexuelle Verhalten erlebt, welche Funktion es hat, wer am meisten darunter leidet, welche emotionalen Bedürfnisse sexuell aufgeladen werden. Wenn es Sinn ergibt, schauen wir dann parallel, wie das Verhalten losgelassen werden kann und wie die Person mit ihren Zuständen anders als bisher umgehen kann.

Bei Paaren gibt es sehr oft kleine oder große Unterschiede im sexuellen Verlangen. Ihr Ex-Freund hätte sagen können: "Deine sexuellen Wünsche überfordern mich, und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll." Oder: "Ich will halt selten, du öfter – was machen wir draus?" Vielleicht hatte er den Spielraum dafür nicht. Sie waren innerhalb der von ihm definierten Norm eine Abweichlerin, er in Ordnung. Genützt hat diese Lesart Ihnen als Paar offenbar nichts.

Ich mache es kurz und beziehe mich dabei auf die Informationen aus Ihrem Anschreiben: Wie ich herauslese, leidet in Ihrer neuen Beziehung aktuell niemand, sondern das Gegenteil ist der Fall – beiden geht es erotisch offenbar blendend! Ein herrlicher Glücksfall, den Sie am besten feiern und weiter fördern. Freuen Sie sich ohne Sorgen an der aktuellen sexuellen Passung mit Ihrem Liebsten. Obwohl: Nach so etwas Wunderbarem könnte man glatt süchtig werden!

Kommentare

72 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren