© Wolfgang Kaehler/​AFP/​Getty Images

Bahnfahren: Auf einen Piccolo gegen den Weltschmerz

Während draußen das Bergpanorama vorbeizieht, fällt im Speisewagen der Bahn der Wohlstandsstress von einem ab. Eine Reise im letzten Retreat der Leistungsgesellschaft Von

Meine Freundin und ich sind unserem Sommerurlaub die Strecke von Berlin nach Verona mit dem Zug gefahren, insgesamt gut 1.000 Kilometer durch Europa. Zugfahren ist durch Fridays for Future und Greta Thunberg ja gerade sehr populär. Ich wünschte, auch ich könnte meine Sorge um das Klima für diese Reise vorschieben, aber das wäre scheinheilig. Wir fuhren Zug, weil unser Hund zu dick für die Flugzeugkabine ist, er passt in keine normierte Tragetasche. Auch könnte dieser Hund nie in den Gepäckraum gesperrt werden, dafür ist er zu zart besaitet. Und weder meine Freundin noch ich besitzen einen Führerschein. So blieb nur die Reise auf den Schienen.

Die Fahrt ging von Berlin über die Stationen Leipzig, München, Innsbruck und Bozen. Wir sahen die Weiten Brandenburgs, die Wälder Bayerns, die österreichischen Alpen und die eisfarbenen Wildbäche von Südtirol vorbeiziehen. Nach etwa zwölf Stunden Fahrzeit erreichten wir unser Ziel: ausgeruht, beschwingt und glücklich wie Reisende des 19. Jahrhunderts.

Was daran lag, dass es in Zügen einen der wohl großartigsten Orte gibt, an dem man als wohlstandsgestresster Mensch im Spätkapitalismus noch schön Zeit totschlagen kann: den Speisewagen. Ein geschützter Mikrokosmos, an dem man während der Reise aus dem Fenster schauen, ein kühles Glas Weißwein genießen und in einer Zeitung blättern kann. Dieser Wagen ist in jedem Land unterschiedlich. Ob nun in Deutschland, Österreich oder Italien, immer spiegelt er das nationale Stil- und Geschmacksempfinden – mit dem Design ändert sich auch das Angebot der Speisen und selbst der Ton der Angestellten, in dem man begrüßt und bedient wird.

Das Bordrestaurant der Deutschen Bahn ist ein exzentrischer Stilmix aus Art-Deco-Elementen und einer hellbraunen Plastikverschalung. In diesem Ambiente sitzen einsame Männer über ihrem zweiten Weizen und seufzen leise. Im Juni und Juli verspricht das "Aktionsangebot" Bratwurstbaguette und Fusilli mit Bolognese, der Aufschnitt Wurst zum Frühstück ist für 2,60 Euro zu haben. Die weißen Tischdecken sind gestärkt, wirken aber selten ganz sauber. Die Kellner sprechen Dialekt, das Bier vom Fass wirkt etwas schal und auch der Café schmeckt so lala. Man findet es hier gemeinhin etwas miefig und überteuert. Und fühlt sich erinnert an ein Deutschland, dass es so gar nicht mehr gibt – an eine Zeit, als auf der Terrasse nur Kaffee im Kännchen serviert wurde und Kolleginnen sich mit "Sie, Frau Müller" ansprachen.

Dies ist auch das Problem der Deutschen mit ihrem Speisewagen: An was sie nicht so gern erinnert werden, das ist ihr Deutschsein. Und kaum etwas ist nun mal deutscher als so ein deutscher Speisewagen. Uns machte das nichts aus. Dieser Ort hat etwas Tröstliches – so, als würde man nach Hause kommen. Der Hund versteckte sich währenddessen auf Höhe Nürnberg routiniert unter dem Tisch vor dem Schaffner. Auch er schien sich hier wohl zu fühlen.

Wann kann man schon mal bei schlechtem Handyempfang aus dem Fenster schauen, nichts tun und dennoch zielstrebig dem Urlaubsziel entgegenfahren?

In München angekommen stiegen wir nach einem Weißbier-Intermezzo im Restaurant des Alten Botanischen Gartens in einen österreichischen Zug. Man sitzt dort auf breiten, kunstlederbezogenen Sesseln im Speisewagen, der in Grau- und Weißtönen überraschend minimal gestaltete Raum ist durch die Panoramascheiben lichtdurchflutet. Gegenüber von uns saßen ein paar saturiert wirkende amerikanische Touristen und freuten sich über die Speisekarte. Darauf zu finden waren ein Fenchel-Risotto mit Zitronenzesten (!), das Kaiser Frühstück mit Kräuter Boja und ein Backhendlsalat. Natürlich haben die Österreicher die Fähigkeit, auch banalen Dingen einen klangvollen Namen zu geben. Aber über die blasse Länge meines Sacherwürstl mit Senf und Kren sowie nach ein paar lokalen, österreichischen Bieren stellte sich hier ein außerordentliches Gefühl von innerem Frieden ein. Klar, das waren "nur" die Alpen da draußen. Aber immerhin! Hier lernten wir: Der deutsche Speisewagenkellner verhält sich zu seinem österreichischen Kollegen wie ein Kleinstadtkneipier zum livrierten Diener aus einem Wiener Caféhaus. Das muss man nicht mögen, es ist aber natürlich fantastisch, so herzlich von einem Mann in gebügelter Schürze angeschmäht zu werden. Draußen zog unterdessen das Tal von Bozen vorbei und der Eisack floss in die Etsch. Wir schauten aus dem Fenster und schwiegen. Deutschland schien verdammt weit weg. 

Auf der Höhe von Trient in Norditalien passierte auf dem Rückweg dann noch Folgendes: Ich wanderte von Wagon zu Wagon, bis ich die etwas verlebte, aber elegante 1. Klasse erreichte. Dahinter trat man ein in einen holzbeschlagenen, aber ansonsten völlig leeren Wagon. Hier saß ein Mann in einer schönen Uniform auf dem Boden, hörte über Internetradio Schlager und bereitete mir in einem DeLonghi-Automaten einen ziemlich leckeren Espresso zu. Ein Moment wie aus einem Wes-Anderson-Film. Ich schaute aus dem Fenster und fühlte mich wie aus der Zeit gefallen.

Letztlich sind Speisewagen ein Überbleibsel einer kultivierten Bürgerlichkeit. Die ersten Frühformen solcher Wagen gab es bereits 1863 in den USA. Ein kleines Restaurant samt Bar und Küche in der Baltimore und Ohio Railroad. Ab 1870 verkehrte zwischen Moskau und Odessa erstmals ein Speisewagen in Kontinentaleuropa. Zehn Jahre später baute die Compagnie Internationale des Wagons-Lits Abteile zu Speisewagen um und setzte sie zunächst zwischen Weimar und Bebra, später auch zwischen Bebra und Berlin ein. Damals reichte das Angebot vom einfachen Frühstück bis zu mehrgängigen Dinner-Menüs, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde mittags Steinbutt mit Butter serviert.

Bei den Reisenden muss sich damals ein Lebensgefühl des Verweilens und des kultivierten Zeitverschwendens entwickelt haben. Ein Zustand, der frei war von jeder Verwertungs- und Optimierungslogik. Christian Kracht erzählt davon in seinem Roman Faserland im Jahr 1995 – hier allerdings nur noch als spätbürgerliche Pose. Im Speisewagen mit Ziel Hamburg-Altona lässt er seinen Ich-Erzähler vier kleine Flaschen Ilbesheimer Herrlich gegen die Sinnlosigkeit alles Daseins exen.

Dieser Zustand ist heute in unserer vernetzten Welt außergewöhnlich. Wann kann man schon mal bei schlechtem Handyempfang aus dem Fenster schauen, nichts tun und dennoch zielstrebig dem Urlaubsziel entgegenfahren? Das hat nichts Blasiertes oder Elitäres an sich. Vielmehr empfindet man im Speisewagen eine Würde, die über das Reisen mit Billigairlines oder Flix-Bussen – und auch im alltäglichen Umgang miteinander – unwiederbringlich verloren gegangen schien. Dass man dabei auch noch kompetent bedient wird und ungestraft gestärkte Tischdecken einsauen darf, in Ruhe genießen und dabei als stiller Beobachter Städte, Wälder, Menschen und Bergpanoramen vorbeiziehen sieht, kommt als kleiner Luxus dazu. Und irgendwann ist die Zeit dann rum. Der Zug hält, man steigt aus und ist einfach da.

Kommentare

64 Kommentare Seite 10 von 10 Kommentieren

Das ist ja interessant - ich bin noch NIE in so einem gemütlichen Speisewagen der DB gesessen! Ich meide seit langem die DB, die ausser teuren Tickets null anbietet. In Ö funktioniert der Speisewage, das Essen ist ok und die Preise moderat. Das blasse Sacher-Würstl ist Ansichtssache - mir allerdings wurscht! Lieber blass als mit Nitratbomben gefärbt!