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Beziehungen: Wie können wir uns gut trennen?

Sich als Paar zu trennen ist schwer. Aber man kann vieles richtig machen, weiß Paartherapeut Rüdiger Wacker. Seine Tipps haben viele Leserinnen und Leser interessiert. Interview:

Woran erkennt man als Paar, dass die Zeit reif für eine Trennung ist? Und wie trennt man sich dann vernünftig? Der Paartherapeut Rüdiger Wacker beschäftigt sich mit diesen Fragen seit Jahrzehnten. Ein Gespräch darüber, wie man es den Kindern sagt und warum Sex nicht so wichtig ist, wie wir alle glauben.

ZEITmagazin ONLINE: Es gibt kaum ein Paar, das keine Krisen erlebt und sich nicht auch mal streitet. Aber wann merkt man: Es reicht jetzt, wir müssen uns trennen?

Rüdiger Wacker: Ein sicheres Anzeichen ist zunehmende Respektlosigkeit. Das bedeutet, dass ich mich immer weniger in meinen Bedürfnissen respektiert sehe oder merke, dass mein eigener Respekt vor dem Partner abnimmt. Im schlimmsten Fall entsteht etwas Verächtliches, der Partner macht mich vor Freunden lächerlich – oder ich ihn.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es in dem Stadium noch Hoffnung zur Rettung der Beziehung?

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Wacker: Häufig kommen Paare zu mir, die nie gelernt haben, gemeinsam Konflikte zu lösen. Wenn man über einen längeren Zeitraum spürt, dass man sich im Kreis dreht und zunehmend verbittert wird, dann kann man professionelle Hilfe heranziehen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn nun jemand zu Ihnen kommt und sagt: Ich habe beschlossen, mich von meinem Partner zu trennen, weiß aber nicht, wie ...? 

Wacker: So jemand steckt in einer Zwickmühle. Einerseits wünscht er sich Klarheit: Es soll kein weiteres Wenn und Aber geben. Andererseits soll der Gegenüber nicht verletzt werden.

ZEITmagazin ONLINE: Was also konkret tun? Man muss doch schon das persönliche Gespräch suchen, oder?  

Wacker: Zumindest sollte man sich über die Konsequenzen einer direkten Konfrontation klar sein. Im ersten Anlauf muss ein solches Treffen vor allem kurz und klar sein. Setzen Sie sich ein Zeitlimit: drei bis fünf Minuten, mehr nicht. Es geht nicht darum, ein Gespräch zu führen. Das haben Sie die letzten Monate und Jahre immer wieder versucht. Es geht um eine reine Informationsübergabe. 

ZEITmagazin ONLINE: Man sollte seine Entscheidung nicht begründen? 

Wacker: Sie können sagen "Ich sehe keinen Sinn mehr in unserer Beziehung". Aber das muss erst einmal reichen. 

ZEITmagazin ONLINE: Und dann? 

Wacker: Sie müssen vernünftig aus dem Gespräch herauskommen können. Überlegen Sie sich deshalb gut, wo Sie sich treffen. Es kann von Vorteil sein, sich an einem öffentlichen Ort zu treffen, damit man gehen kann, wenn man will. Bleiben Sie sachlich und distanziert – auch körperlich – und legen Sie sich einen Abschiedssatz zurecht. Etwa: "Ich muss jetzt gehen, mehr kann ich dir jetzt nicht sagen." Es kann auch sinnvoll sein, die Situation vorher mit einem Freund oder einer Freundin zu proben. Das gibt Sicherheit, denn es ist natürlich nicht leicht, so ein Gespräch zu führen, aufzustehen und die Wohnung oder das Café zu verlassen. 

ZEITmagazin ONLINE: Was wäre denn die Alternative zu so einem Gespräch? Einfach eine SMS schicken? 

Wacker: Das hört sich jetzt natürlich schrecklich an. Aber für jemanden, der sich ängstlich und nicht stark genug fühlt, kann das eine Option sein. Einfach, um nicht wieder vom Partner um den Finger gewickelt zu werden. Vielleicht schreiben Sie dann allerdings lieber eine E-Mail.

ZEITmagazin ONLINE: Angenommen, man hat sich getrennt, aber der Haushalt muss aufgelöst werden, es gibt womöglich noch Organisatorisches, das gemeinsam zu regeln ist. Wie geht man am besten miteinander um?

Wacker: Sie können konkrete Termine ausmachen, bei denen der Ex-Partner abwesend ist, um seine Sachen abzuholen. Das nimmt den Druck aus so einer Situation. Wenn es darum geht, den Besitz aufzuteilen, kann es manchmal auch gut sein, einen neutralen Moderator dabeizuhaben, der oder die zwischen Ihnen beiden vermittelt. Für manche Paare ist hilfreich, das auch schriftlich festzuhalten.

ZEITmagazin ONLINE: Und dann gibt's ja da noch die nächtlichen Handynachrichten, die man in einer abendlichen Verzweiflung verfasst und manchmal leider abschickt. Gehören die heute dazu?

Wacker: Das ist für mich sehr verständlich und in Ordnung. Wenn Sie diese Gefühle haben, dann dürfen Sie sie auch ausdrücken. Aber das Gegenüber hat genauso das Recht, nicht darauf zu antworten. Für denjenigen, der sich trennt, kann es auch sinnvoll sein, ein paar Wochen nicht mehr Social Media zu nutzen. So kann man sich auch distanzieren.

ZEITmagazin ONLINE: Viele Menschen empfinden nach einer Trennung, die sie herbeigeführt haben, Schuldgefühle. Muss man die haben? 

Wacker: Nein. Es ist doch ihr Leben und sie müssen erst einmal tun, was für sie am besten ist. Wer anschließend in den Spiegel schauen und sagen kann "Ich habe ehrlich versucht, diese Beziehung zu retten", der braucht in der Regel auch keine Schuldgefühle zu haben.

ZEITmagazin ONLINE: Sollten Paare, die zusammenleben, nach der Trennung sofort auseinanderziehen? 

Wacker: Wenn eine Trennung ausgesprochen wird, ist sie oftmals schon seit Monaten oder Jahren emotionale Realität. Es kann dann tatsächlich hilfreich sein, von einem auf den anderen Tag auszuziehen. Auch das klingt hart, ist aber oftmals für alle Beteiligten das Beste. 

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