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Drogenentzug: Tach, sagt Dave

Der Verein Karuna bringt junge Obdachlose aus der Stadt aufs Land. Die Außenseiter sollen auf dem Dorf eine Heimat finden – ohne Drogen, ohne Dealer und ohne Angst. Von , Jamlitz

An dem Bahnhofsgebäude, zwei Autostunden südöstlich von Berlin, hängt eine rostige Uhr. Sie tickt schon lange nicht mehr. Ist still, genau wie die Gleise hinter dem Bahnhof, die hier in dem kleinen Ort Jamlitz noch bis 1998 Fahrgäste in Richtung Cottbus oder Frankfurt (Oder) gebracht haben. Der schwarze Zeiger steht auf fünf nach zwölf. Die Jungs hier finden das lustig. Vielleicht weil es das Gefühl beschreibt, mit dem sie hier ankamen: dass es für sie schon zu spät ist.

Die Fünf-nach-zwölf-Jungs sind Dave und Mark. Mohamed und Ivo und Richard, zwischen 18 und 20 Jahre alt. Nur Dave ist ein wenig älter und heißt auch wirklich so. Die anderen sollen anonym bleiben, zu ihrem Schutz. Weil sie nicht erkannt werden wollen, weil sie verfolgt werden oder weil sie Angst haben. Sie haben jahrelang auf der Straße gelebt, waren drogenabhängig oder sind es noch immer.

Das Bahnhofsgebäude mit der Uhr heißt heute Justus-Delbrück-Haus, benannt nach einem Nazi-Widerstandskämpfer. Aber alle in Jamlitz nennen es nur: den Bahnhof. Hier ist ein in Deutschland fast einzigartiges Projekt eingezogen. "Landeinwärts" heißt das Programm des Jugendhilfevereins Karuna. Seit 2013 kommen Straßenkinder und junge Erwachsene hierher, um sich zu erholen und wieder in die Spur zu finden. Die Wohngemeinschaft im Bahnhof soll zur Heimat werden für Getriebene und Außenseiter. Bis zu neun Monate dürfen sie bleiben, manche auch länger. 

Der Weg zum Bahnhof führt an einem Wald vorbei, das nächste Haus ist einen halben Kilometer entfernt. © Julius Betschka für ZEIT ONLINE

Dave ist leicht untersetzt, 29 Jahre alt. Seine kurzen, dunklen Haare deuten einen Iro an. Früher, auf der Straße, trug er Rastas, seine Klamotten waren voller Aufnäher von Punkbands wie Schleimkeim oder den Sex Pistols. Jetzt trägt er ein verwaschenes Trikot des FC Barcelona. An warmen Tagen wie heute läuft er barfuß. Auf dem Waldboden gibt es keine Scherben, keine Spritzen wie in der Großstadt. 

Dave fläzt auf einem runtergerittenen Sofa, das in dem kleinen Holzverschlag steht. Raucherbutze nennen sie den Ort. Von hier hat man einen guten Blick auf den denkmalgeschützten Bahnhofsbau aus rotem Backstein, sieht die Ställe für die Enten und Hühner, den grünen Gemüsegarten, die lange Kopfsteinpflasterstraße, die an den Birken vorbei zur Bundesstraße 320 und in die 500-Seelen-Gemeinde Jamlitz hinein führt. Das nächste Haus ist einen halben Kilometer weg. "In der Stadt hast du ein permanentes Stresslevel, selbst wenn du schläfst", sagt Dave. Hier ist es ruhig, sehr anders. 

Karuna hat hier im brandenburgischen Birkenmischwald ein antiautoritäres Heim geschaffen, das notorischen Autoritätsverweigerern helfen will. Hier sollen Menschen miteinander auskommen, die das nirgendwo sonst geschafft haben.  Die Sozialpädagogin Anett Quint, 49 Jahre, dunkles, schulterlanges Haar, leitet den Bahnhof. Sie sagt: "Wir arbeiten hier nicht mit Druck, wir brechen die Jugendlichen nicht – sonst sind wir nicht besser als viele andere psychiatrische Einrichtungen." Viele der Straßenjugendlichen haben zu viel erlebt: Dutzende Therapien, Zwangsfixierungen, Schläge, Medikamente, Knast. Für Quint: "schwarze Pädagogik". 

An der Türschwelle zum Bahnhof soll den Jugendlichen der Ballast abgenommen werden, den sie seit Kindertagen mit sich herumschleppen. Hier haben sie Abstand zu der Stadt, den Drogen. Ein warmer Entzug, wenn man so will, kein kalter. Quint will in Jamlitz einiges anders machen als in staatlichen Einrichtungen. Dort gibt es oft strenge Regeln. Wer gegen sie verstößt, wird im schlimmsten Fall wieder auf die Straße entlassen. 

Anett Quint will wissen: Was bewirken wir hier wirklich? © Julius Betschka für ZEIT ONLINE

Im Bahnhof soll miteinander gearbeitet werden, demokratisch und sanktionsfrei, hier werden auch Seminare angeboten, eine Bildungsstätte für Straßenkinder, mitten im Wald. Für die, die länger hierbleiben, versucht Quint das Ankommen so leicht wie möglich zu machen. Keine Formulare, kaum Papierkram. Manchmal erfahren die Sozialarbeiter erst nach Wochen, wen sie vor sich haben. Menschen ohne Aufenthaltsstatus waren schon hier, und auch mal jemand, gegen den ein Haftbefehl vorlag. Es gibt zwei Regeln: keine Drogen und keine Gewalt. Für acht Jugendliche ist Platz in der WG, Männer und Frauen. Sie bekommen ein eigenes Zimmer, Hilfe, um ihre Schulden abzubauen, Unterstützung, sich einen Job zu suchen. Viele brauchen Wochen, um überhaupt erst clean zu werden. Runterzukommen. Momentan sind sie zu fünft.

In Deutschland gibt es 37.000 Straßenjugendliche, schätzen Experten. Meist sind es familiäre Gründe, warum sie von zu Hause abgehauen sind. Vor allem in den großen Städten sammeln sie sich. Dort gibt es Geld und verhältnismäßig gut ausgebaute Hilfesysteme. Wenn Menschen fragen, warum es in einem reichen Land wie Deutschland Obdachlosigkeit geben muss, kann man sich die Lebensgeschichten dieser Jugendlichen anhören. 

Dave dreht sich eine Kippe und legt sich etwas tiefer ins Sofa. Seine Geschichte erzählt er so: Mit elf Jahren lief er das erste Mal von zu Hause weg. Schläge, Tritte. Das Elternhaus in Köthen: ein Gefängnis für ihn. Wenn der Junge nicht gehorchte, durfte er nicht zur Schule. Polizei und Jugendamt halfen nicht, sagt Dave. Er erzählt, wie er eines nachts heimlich ein Bad nehmen wollte. Seine Mutter erwischte ihn, tauchte seinen Kopf unter Wasser, bis er kaum noch Luft bekam. Da rannte er ein letztes Mal weg und kam nie wieder. Mit 13 war das. "Da bin ich flügge geworden", sagt er. Und lächelt.

Dave ist mit 13 von zu Hause weggelaufen. "Da bin ich flügge geworden", sagt er. © Julius Betschka für ZEIT ONLINE

Zum Fliegen war er eigentlich zu jung. Einige Jahre schlief er bei Freunden auf der Couch, auf der Straße, in besetzten Häusern. Alkohol, Kiffen, Rauchen – das gehörte früh schon dazu. "Chemo", hat er mal ausprobiert. Chemische Drogen. War nichts für ihn. "Zum Glück", sagt er. Denn das ist eine Ausnahme im Bahnhof. Ecstasy, Kokain, Crystal Meth, viele der Jugendlichen haben vor ihrem 18. Geburtstag alles schon durch. Aber der nächste Dealer, der nächste Club sind weit weg von hier. Das hilft, zwangsweise. 

Irgendwann kam Dave nach Berlin, wie die meisten. Etwa 18 war er da, sagt er. Hier verschwimmt vieles in seinen Erzählungen. An manchen Tagen lag das Geld auf der Straße, an manchen reichte es kaum für eine Schrippe. Er weiß noch, wie er sich am Alexanderplatz an einer mobilen Essensausgabe eines Tages eine Gratisstulle holte, da kam er mit den Sozialarbeitern von Karuna e.V. in Kontakt. Die organisierten den Weg aufs Land. So kam Dave zum Bahnhof.

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