© Matheus Ferrero/​unsplash.com

Erster Kuss: Bin ich hier beim Dating-TÜV?

Haben wir genug Profil? Probleme mit dem Auspuff? Manchmal fühlt man sich beim ersten Date wie auf dem Prüfstand und der erste Kuss führt zu technischem Versagen. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Singlekolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Ein Manhattan, ein großes Bier, und dann noch eine Runde. Markus und ich sitzen in einer Bar, rutschen dichter und noch ein bisschen dichter zusammen am Tresen. Praktisch, dass die Horde Touristen mit Rucksäcken so raumgreifend und lärmend ist, da stellt sich körperliche Nähe ganz selbstverständlich ein.

Fühlt sich auch ganz prickelnd an, mein Mund nur Zentimeter von Markus' Ohr entfernt, sein Mund, wenn er mir etwas antworten will, halb in meinen Haaren.

Es ist unser erstes Date, wir befinden uns gerade in einer dieser frühen Ach-du-auch-Phasen. In diesen Stadien werden die Übereinstimmungen, die sich aus den Fragebögen der Datingportale ergeben haben, an der Realität abgeglichen und ergänzt, um die Illusion von Vertrautheit zu erzeugen. Ach, du findest Vietnam auch spannender als Thailand? Ach, du hast auch eine Aversion gegen Tanztheater? Da bin ich aber froh! Und findest du nicht auch, dass sie hier in dieser Bar in Berlin-Mitte echt fürchterliche Musik spielen? Ach!

Der Abend beginnt vielversprechend, ich bin ein bisschen beschwipst vom Alkohol und von den Möglichkeiten, die sich bei diesem Mann ja womöglich entfalten könnten. Vorausgesetzt, er würde auf sein Sternzeichengoldkettchen verzichten. Zuerst waren wir in einem spanischen Restaurant und haben uns Tapas geteilt, dazu Rotwein. Markus hatte vor der Tür auf mich gewartet und sich nicht schon an irgendeinem Tisch in Stellung gebracht, was ich immer sehr erfreulich finde. Mitunter kann man Menschen ja eben doch nicht so richtig anhand ihrer Fotos identifizieren und die Frage: "Ähm, sind wir verabredet ...?" habe ich persönlich noch nicht in eine elegantere, weniger peinliche Form überführen können.

Ich erzähle ihm gerade von einem Urlaub, als er mir plötzlich durch die Haare streicht und seinen Mund auf meinem positioniert. Waren die Episoden aus meiner Woche in Ligurien denn so öde, dass er mich zum Schweigen bringen musste? Jedenfalls finde ich diesen Vorstoß ziemlich zusammenhanglos, schließlich haben wir bisher nur zwei, drei Stunden geredet – und es war jetzt nicht so, dass der eine die andere währenddessen mit glühenden Blicken des Begehrens gegrillt hätte, sodass man es gar nicht mehr abwarten konnte, übereinander herzufallen. Ich wähnte mich noch in der Aufwärmphase, in der sich entscheidet, ob aus dem partytauglichen Geplauder irgendeine Art von Verbindung wird, da küsst der mich schon. Erst einmal nur mit gespitzten Lippen, so ein typisches trockenes Küsschen, das immer ein wenig so aussieht, als wenn die Vogelmutter mit vorwärtsruckendem Kopf ihr Vogeljunges füttert. Also, komplett unerotisch jedenfalls.

Aber dann entwickelt sich der Kuss, wir beginnen am Tresen der Bar zu knutschen, so richtig mit Zunge und so. Markus schmeckt nach Knoblauch – wir waren ja vorher beim Spanier –, nach Bier und ganz kurz sogar nach wilder Entschlossenheit. Auch wenn ich mich immer noch überrumpelt fühle: Das fühlt sich gut an. Ich bin von zwei Manhattans und Markus glatt ein bisschen durcheinander. In meiner Kehle schnurrt es genüsslich.

Dann ist es auch schon vorbei. Markus zieht seinen Kopf zurück, räuspert sich ein wenig und trinkt einen großen Schluck Bier. Danach redet er von Mallorca, wie vorher schon. Wir sitzen uns wieder wie Arbeitskollegen gegenüber, die sich zwar höchst sympathisch sind, aber nicht so richtig wissen, wie sie die sachliche Atmosphäre hinter sich lassen können. War da gerade was – oder nicht? 

Später bringt Markus mich nach Hause und ich freue mich ein wenig darauf, noch mal mit ihm im Auto herumzuknutschen, vor meiner Tür. Von wegen. Es bleibt bei einer Umarmung, mehr bekomme ich nicht. Übrigens auch nicht beim zweiten und dritten Date. Es ist, als wenn ihm die Möglichkeit reicht, dass eine kusskompatible Frau neben ihm sitzt. Übersetzt in Schokolade heißt das: Er legt die Tafel weg, nachdem er ein Rippchen davon gegessen hat, diszipliniert, vernünftig und mit aller Seelenruhe. Könnte mir nicht passieren. Ich will immer alles, die ganze Tafel. Und das auch gern sofort.

Vor dem vierten Date gebe ich auf bei Markus. Es geht nicht weiter, wir sind uns nie wieder so nahe gekommen wie bei diesem einen Herumknutschen. Irgendwie bin ich auch beleidigt, dass er das nicht wiederholen will. Liegt es an mir?

Mir fällt auf: Das ist mir nicht das erste Mal passiert – dass man mitten in einem Date probehalber geküsst und dann erst mal wieder zur Seite gestellt wird. Auch bei Dave, dem Engländer, der nicht exklusiv mich daten wollte, gab es in der Mitte unseres Debütabends eine kurze Kusssequenz. Danach redete er weiter über The Clash, Hertha BSC, Chicken Vindaloo und vieles andere mehr – als wäre nichts gewesen. Vielleicht wirkte er noch ein bisschen selbstzufriedener als vor dem Kuss. Weil er schon die erste Stufe des Rumkriegens bei mir geschafft hatte, nehme ich mal an. 

Mich irritieren diese Intermezzi. Nicht, dass ich etwas gegen die Küsse gehabt hätte, irgendwann muss man damit ja mal anfangen. Es ist nur ein bisschen so, als wenn man beim Händler den Fisch mit dem Finger drückt, ob er sich denn auch fest anfühlt, als wenn man auf die Melone klopft, ob sie auch schon reif ist, als wenn man am Camembert riecht – und nicht den Verkäufern glaubt, dass er den richtigen Reifegrad hat. Wir reden hier also von diesem verstohlenen Moment, in dem man die Ware prüft. Ob sie noch frisch ist, ob sie appetitlich ist, ob sie irgendwelche Mängel aufweist. So ist auch dieser Testkuss: In der Mitte des Abends ergibt sich aus ihm, ob der Mann sich die Mühe machen will, das Date fortzusetzen. Ob es sich für ihn lohnt. Keine Ahnung, ob Markus die Bar fluchtartig verlassen hätte, hätte ich nur mit lahmem Geschlabber auf seinen Vorstoß reagiert.

Dave habe ich später mal gesagt, dass ich es schräg fand, so auf mein Kusstalent getestet zu werden. Er habe halt einfach wissen wollen, wie es wäre, mich zu küssen, hat er darauf geantwortet. Er hätte mich eher ein bisschen zu brav gefunden, aber das sei dann sehr überzeugend gewesen. Und damit hatte er mal wieder eine seiner davetypischen Möglichkeiten gefunden, etwas eigentlich Nettes in einer Gemeinheit aufgehen zu lassen.

Andererseits: Ich kann die Taktik der beiden sogar verstehen. Wer ausgedehnte Kusseinheiten liebt, will nicht mit jemandem zusammenkommen, der nur artig Küsschen gibt. Wem nicht an allzu viel oralem Austausch gelegen ist, der möchte sich die Zunge des anderen nicht bis zu den Rachenmandeln reinbohren lassen. Auch da gibt es viele Irrwege der Kompatibilität. Und leider wird das bei Datingportalen nicht abgefragt. Man darf bei einigen seine Attraktivität selbst einschätzen, seinen Figurtyp, seine sexuelle Energie und seinen Style sowieso. Warum kann denn nicht das Kussinteresse ebenfalls abgefragt werden? 

Aus einem ganz einfachen Grund, glaube ich. Küssen ist eins der schönsten verborgenen Talente und sollte deswegen nicht beim Dating-TÜV zum Ritual zwischen dem zweiten und dem dritten Bier verkommen, so wie ein Programmpunkt, der eben abgehakt werden muss. Denn eigentlich sagt der erste Kuss viel mehr aus als der erste Sex.

Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren