© Barbara Ködel/​Readymade-Images, Marcel Stive/​plainpicture

Intimbereich: Maniküre, Pediküre, Vagiküre

Feuchtigkeitsmasken für die Vulva, Pflegecremes für die Vagina: Der Intimbereich wird zur Beautyzone. Oder nur zu einer weiteren Problemzone, die Schamgefühle verursacht? Von

Rauschendes Meer, sanfte Musik, ein weißes Model in weißem Badeanzug steigt sexy aus den Wellen, rasierte Beine, rasierte Achseln, rasierte Bikinizone. Und dann, Schnitt, nimmt sich die Modelfrau nach dem Schwimmen noch einmal richtig Zeit für sich, setzt sich an den Badewannenrand und cremt sich nicht nur Gesicht, Arme und Beine ein, sondern auch ein bisschen untenrum.

"Ich spreche immer von Vagiküre, so wie wir Hände oder Füße mit Maniküre oder Pediküre pflegen, sollte das untenrum doch auch selbstverständlich sein", sagt Avonda Urben, die sich die Pflegelinie "The Perfect V" ausgedacht hat, die dieses Kampagnenvideo bewirbt. "Vagiküre" ist die neue "Beauty für down under". "V-Time is the new Me-Time", schreiben Frauenzeitschriften. Sogar die Teen Vogue, also ein Modemagazin für Teenager, listet die "10 besten Produkte für eine gesunde Vagina". Es gibt immer mehr Untenrum-Cremes, Pflegemasken oder -öle. Erobert der Schönheitsmarkt nun die Intimzone?

Die junge Schauspielerin Emma Watson, seit 2014 UN-Botschafterin für Frauenrechte, die als weise kleine Hexe Hermine Granger in den Harry-Potter-Filmen berühmt wurde, träufelt sich jetzt auch täglich ein paar Tropfen Pflegeöl auf ihr Schamhaar, wie sie in einem Beitrag für das Beautyblog Into The Gloss erzählt. Die Biorasurlinie Fur will mit ihren Ölen nicht weniger als einen Diskurs über die Körperhaare und die Haut untenrum anstoßen. Und, nun ja, nebenbei Haut und Haare etwas schöner und noch ein bisschen perfekter machen.

Dieses Öl scheint förmlich nach Instagram zu riechen. Nach perfekten Filtern und spiegelglatten Oberflächen, Hashtag: sexualwellness. Der neue Wohlfühltrend 2019. Sexual Wellness ist ein weit gefasster Begriff, der von Cremes und Ölen bis zu Vibratoren reicht – und der in der Schönheitsbranche laut Trendforschungsinstitut WGSN als neuer Wachstumsmarkt gilt. Dem Marktforschungsinstitut Stratistics MRC zufolge belief sich der weltweite Umsatz für sexuelles Wohlbefinden 2017 auf 39,42 Milliarden US-Dollar. Es wird erwartet, dass er mit einer jährlichen Wachstumsrate von 13,4 Prozent bis 2026 auf 122,96 Milliarden US-Dollar anwächst.

Dabei geht es nicht darum, den Partner zu verwöhnen, sondern sich selbst einfach mal etwas Gutes zu tun. Im Sinne der Selbstliebe, der beständigen Vergewisserung, schön zu sein, sich viel jener Liebe verdient zu haben, die die Apologeten der Body-Positivity-Bewegung propagieren. Die eigene Verwöhnroutine lässt sich doch noch um ein paar Produkte steigern! Diese Marken bieten mehr als nur Sexyness, sie stehen für Kultiviertheit, Lifestyle und Selbstbestimmung, so das Versprechen.

Frauen auf der ganzen Welt entfernen Haare, sie zupfen, waxen, sugarn, rasieren, verwenden Enthaarungsmittel oder schneiden einfach nur kurz. "Alle betreiben doch irgendeine Art von Pflege", sagt Avonda Urben. "Nur wo sind die Luxuspflegeprodukte, um die empfindliche Haut untenrum zu pflegen?" Da gab es ja noch gar nichts, fiel ihr auf. Urben hat selbst jahrzehntelang als Marketingexpertin in der Schönheitsbranche gearbeitet und für Revlon oder L'Oréal viele neue Schönheitsprodukte erfunden.

Als die US-Amerikanerin Urben dann einige Jahre in Dänemark verbrachte, habe sie bemerkt, wie cool, selbstbewusst und unverklemmt die skandinavischen Frauen mit ihren Körpern umgingen – nackig schwimmen, nackig in die Sauna und so was. Ausgerechnet diese Natürlichkeit nahm Urben zum Anlass für ihre Luxusmarke. Neben Serum, Creme und Waschgel gibt es auch den V Luminizer: "Der gibt einen Gloweffekt und lässt Dehnungsstreifen smoother wirken." Oder das V Beauty Mist: "Das neutralisiert, nimmt ein bisschen den Geruch. Also, ich glaube nicht, dass die Vagina schlecht riecht, aber viele Frauen glauben das ja", sagt Urben.

Drei Freundinnen schauen sich zusammen das The-Perfect-V-Werbevideo an:

Freundin 1: Ist das echt oder Verarsche? Keine Frau räkelt sich so lasziv, wenn sie allein abhängt.

Freundin 2: Ekelhaft, dass sie Frauen erzählen, ihre Vagina könnte noch schöner sein. Wieder eine neue Creme, um noch mehr aus sich zu machen. Und dazu dieses skandinavische Design! Willst du auch eine skandinavische Pussy? Ist jetzt der heiße Scheiß!

Freundin 3: Das ist wie eine gemorphte Parfüm- und Katzenfutterwerbung, dazu diese schlimme Fahrstuhlmusik und die Selbstzufriedenheit des Natürlichkeitsmodels. Und am Ende, klar, High Heels und ab mit der Crememuschi zum Investmentbanker an der Pianobar.

Kommentare

224 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren