Offene Beziehungen: Kann man Polyamorie eigentlich üben?

Die eine liebt ihr Leben so monogam, wie es ist. Der andere fühlt sich unwiderstehlich von einer Kollegin angezogen. Wie bleibt man da als Paar fair – und ohne Verbote? Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern. 

© Anne-Sophie Stolz

Ann-Sophie, 24: Seit zweieinhalb Jahren führe ich mit meinem Freund (24) eine Fernbeziehung. Nach dem Ende meines Studiums werde ich in seine Stadt ziehen. Bislang konnten wir gut mit Konflikten umgehen, kommunizieren viel und ehrlich und fühlen uns beide in unserer Beziehung sehr wohl. Vor Kurzem hat er aber einen neuen Job begonnen. Unter seinen neuen Arbeitskollegen ist eine Frau, die er sehr anziehend findet. Er würde sie sowohl persönlich als auch körperlich eigentlich gern näher kennenlernen, hat mir das aber zunächst nur ehrlich erzählt, weil er gemerkt hat, dass es ihn zunehmend belastet. Gleichzeitig aber habe ich mich unter Druck gesetzt gefühlt, weil er spekulierte, dass, wenn er diese Bedürfnisse nicht ausleben könnte, langfristig Frust verspüren könnte. Innerhalb kürzester Zeit waren wir so bei einer Grundsatzfrage. Ich möchte eher eine monogame Beziehung führen, für ihn kommt auch eine offene/polyamore Beziehung infrage. Er kann sich vorstellen, seine körperlichen Bedürfnisse ihr gegenüber einzuschränken, möchte aber trotzdem mit ihr befreundet sein. Ich wiederum verstehe seine Gefühle, mache ihm auch keinen Vorwurf und möchte ihm keine Vorschriften machen, aber bin andererseits extrem verletzt. Ich spüre Eifersucht, die ich sonst nicht von mir kenne. Mein Vertrauen zu ihm ist groß, aber dennoch habe ich Angst, wie sich das in Zukunft entwickeln wird. Für uns beide ist das gegenseitige Wohlergehen inner- und außerhalb unserer Beziehung sehr wichtig, sodass wir beide kompromissbereit sind, aber nun haben wir das Gefühl, das einer von uns beiden immer mehr leiden würde als die andere. Wie also kann man damit umgehen, wenn eine Person eher monogam und die andere eher polyamor leben möchte?

Ihr Freund hat eine neue Bewegung vollzogen, er hat sein Bedürfnis, sich einer anderen Frau anzunähern, deutlich gemacht. Dass er nicht einfach eine Affäre mit ihr angefangen oder seinen Wunsch unterdrückt hat, zeigt, dass er sich selbst treu sein will, Sie zugleich respektiert und großes Zutrauen zu Ihnen hat. Wie schön! Weniger schön fühlt sich daran berechtigterweise an, dass Sie aus Ihrer Komfortzone in unwegsames Gelände geraten sind.

Kein Trost, aber wahr: Eine Paarbeziehung ist immer labil, auch wenn wir gern etwas anderes glauben wollen. Sie besteht aus zwei Individuen, die sich permanent verändern und immer wieder eine spannende Frage füreinander aufwerfen: Wie weit gehst du mit mir, wenn sich meine Bedürfnisse ändern? Beziehungsweise: Was machen wir, wenn sich deine Wünsche ändern, meine aber nicht? Weil für die meisten der Partner im Erwachsenenalter die wichtigste Bindungsperson ist, fühlt sich seine neue Position, seine plötzliche Fremdheit, sein mögliches Weggehen bedrohlich an. Dass Sie sich bedroht fühlen, ist also normal.

Die Paarkonstellation ist ein Ort, an dem existenzielle Risiken besonders scharf hervortreten. Genauer betrachtet, definiert ja der Ausschluss von Dritten erst das Paar. Die Abgrenzung von den Eltern und Ursprungsfamilien etabliert das neue Paar, später kommt die gelegentliche Abgrenzung von den eigenen Kindern und ihren allgegenwärtigen Bedürfnissen hinzu. Ebenso markiert die Abgrenzung gegenüber anderen potenziellen Intimpartnern die Exklusivität der Paarbeziehung. Und die bekommt automatisch ein Fragezeichen, wenn die Zweierverabredung nach außen hin geöffnet wird. Zudem handelt es sich hier um eine Wiederauflage der uralten Frage, ob die Liebe exklusiv ist, sein soll, muss, kann. Mir scheint, dass sie zu stellen seit einiger Zeit wieder salonfähig ist, und zwar nicht im Duktus der 68er-Befreiungsrufe, sondern eher im Zeitgeist individualistischer Imperative: Sei dir selbst maximal treu, optimiere dich selbst, lebe Beziehungen von hoher Qualität.

Aber nun zum Spezifischen. Bis jetzt läuft alles genau richtig: Sie sind im Gespräch und ringen um einen Weg in einer Pattsituation, in der Ihr Bedürfnis seinem entgegensteht und umgekehrt. Ihr Freund ist derjenige, der den Beziehungsvertrag ändern möchte. Er weiß, dass Sie das nicht wollen. Also sollte er bei sich ernsthaft prüfen, was es kosten würde, den besagten Schritt nicht zu machen: Wer wäre er als Mensch, Mann und Partner, wenn er sich von dem Wunsch verabschieden würde, den Kontakt mit der Kollegin zu intensivieren? Was würde ihm fehlen, wie würde er damit leben – wenn es aus eigener Entscheidung geschähe, nicht, weil Sie es kategorisch versagen würden? Sollte er sich entschließen, aus freiem Willen ihre aktuellen Grenzen zu respektieren, wäre es an Ihnen, zu danken, zu vertrauen und zuzulassen, dass Ihr Wohlergehen ihm tatsächlich so wichtig ist.

Sollte er sofort oder im Laufe der Zeit spüren, dass er Sex oder einen freundschaftlichen Kontakt mit dieser Frau unbedingt erfahren möchte, müssten Sie einen Schritt weiter gehen. Und ihn neugierig fragen: Was genau ist das Unverzichtbare oder Ersehnte in diesem Außenkontakt für ihn? Was wäre das Anziehende an der Freundschaft, was an der Erotik, das er dort erspäht zu haben glaubt? Was, glaubt er, würde die Erfahrung mit ihm machen? Was ist, wenn die Dinge sich verkomplizieren oder intensiver als gedacht entwickeln? Dies alles sind Fragen, die im Vorhinein nicht zu beantworten sind, aber dennoch gestellt werden wollen, wenn Sie den Mann an Ihrer Seite ernst nehmen.

Dann wären Sie an der Reihe, sich zu prüfen: Aus Respekt für seinen Wunsch – was könnten Sie ihm gewähren? Sie schreiben, dass Sie leiden würden. Natürlich würden Sie das. Die Frage wäre, ob Sie das Leiden vermeiden oder bejahen würden. Es ist möglich, Schmerzen aktiv zu bejahen und unangenehme Gefühle zu akzeptieren. Eifersucht wäre hier zum Beispiel ein höchst angemessenes Gefühl, Verlustangst ebenso. Manche Menschen können diese Gefühle zulassen und in der Beziehung miteinander tragen.

Es ist ein schmaler Grat. Denn damit ist keineswegs gemeint, sich für den Partner zu verbiegen und eigene Bedürfnisse zu unterdrücken. Es würde heißen, etwas um des Liebsten willen auf sich zu nehmen und dennoch man selbst zu bleiben. Trotzdem kann es sein, dass Sie spüren: Mir ist klar, dass ich es nicht ertrage. Es geht nicht.

Für den Prozess, in dem Sie beide stecken, ist es hilfreich, probehalber Schritte zu wagen – zum Beispiel erst einmal weiterhin ohne Außenbeziehung – und sie in aller Verbundenheit zu besprechen. Was braucht wer? Nicht, um keinen Schmerz zu haben, sondern um mit ihm umgehen zu können. Paare, deren exklusive Verbundenheit stark ist, kommen eher zurecht als Paare, bei denen einer oder beide im Außen einen Intimitätsmangel kompensieren. Meißeln Sie nichts in Stein, kein Mensch verlangt einen Ausweis Ihres Lebensmodells, ebenso gibt es kein polyamouröses Gesangbuch und keine Beitrittserklärung im Club der sexuell offenen Beziehungen. Folgen Sie in Runden dem Viererschritt: Abwägen, entscheiden, probieren, rückkoppeln. Viel Glück!

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