Schwimmtiere: Flutsch und weg

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Über Mikroplastik in den Meeren klagen – und mit dem Mega-Aufblasflamingo an den See fahren? Die Inkonsequenz beim Müllvermeiden scheint ein Trend des Sommers zu sein. Eine Glosse von

Am See gewesen. Einhörner, Flamingos, Pfauen, riesige Pizzastücke, Avocados und Donuts schwimmen sehen. Was klingt wie der Beginn eines delirierenden Tropenromans, ist die Realität dieses Sommers: Vor lauter Aufblasungetümen sieht man kaum noch das Wasser. Warum auch selbst schwimmen, wenn man sich auf gigantischen Inseln, wahlweise in Form von Tieren oder Fast-Food-Gerichten, dahintreiben lassen kann? Kleiner Einwand, einer von vielen: Ohne Anstrengung – die bei Hitze ja unbedingt vermieden werden sollte, klar – funktioniert dieses Herumdümpeln gar nicht, denn das Erklimmen glitschiger Plastikflöße setzt zuvor eine Menge an unwürdigen Bewegungen voraus. Meistens wirkt es, als wäre ein Berg Götterspeise zu erobern oder ein Aal niederzuringen: Der Wille zur Entspannung setzt die Bereitschaft voraus, mit einem maximal widerspenstigen, flutschbereiten Objekt zu kämpfen.

Vom Ufer außer gesehen wirkt dieser unelegante Eroberungskampf wie eine Demütigung des Menschengeschlechts. Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum man aufblasbare Treibhilfen meiden sollte. Bei starker Sonneneinstrahlung verweist der typisch süßliche, kleberartige Schwimmflügel-Geruch darauf: Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung hat bereits im Jahr 2017 ergeben, dass viele dieser Produkte Lösungsmittel enthalten. Die Forscherinnen und Forscher entdeckten in den Proben Cyclohexanon, Isophoron und Phenol. Wie viel man davon abbekommt, wenn man Schwimmtiere aufpustet oder darauf stundenlang herumrutscht, lässt sich zwar nicht genau feststellen, auf jeden Fall aber gelten diese Stoffe als reizend oder toxisch, sie können beispielsweise Kopfschmerzen auslösen oder sind als möglicherweise krebserregend eingestuft.  

Wuchtige Bugwelle, farblich aufdringlich

Warum reicht es nicht, ein wenig herumzuwaten, die Waden abzukühlen und etwas zu jammern, wenn das Wasser bis auf Bauchhöhe steigt, um dann doch ein bisschen herumschwimmen? Nun. Wohl aus dem gleichen Grund, warum Menschen in Großstädten derzeit nicht damit zufrieden sind, sich ohne motorgetriebenes Hilfsmittel fortzubewegen. Das überdimensionale Aufblastier – in den USA unter pool float bekannt – ist für den See das, was der Elektroroller für die Straße ist: ein maximal albernes Ding, in dem sich der Neid der Erwachsenen auf die Spielgeräte der Kinder widerspiegelt. Sie sind so neidisch, dass sie diese Objekte ihren Körperdimensionen angepasst haben.

Und so sind aus den Schwimmtierchen für Kinder Monstren geworden, bigger than life, denn so groß sind Flamingos in Wahrheit nie und Avocados schon gar nicht, nur beim Aufblashai kommt es ungefähr hin. Verglichen damit sind die klassischen Luftmatratzen eine schlanke Angelegenheit, denn sie entsprechen in Länge und Breite etwa dem Körper der Badenden. Ein pool float unserer Tage verhält sich zur klassischen LuMa wie ein SUV zum Fahrrad: Es kommt wie ein Flugzeugträger geschwommen und ist nicht nur ähnlich wuchtig in der Bugwelle, sondern meistens auch farblich ungemein aufdringlich. Am See dominiert nicht mehr das ins Himmelsblau verlaufende, sanfte Grünblau der Natur, sondern das schreiende Pink, das grelle Gelb, das quietschige Blau. Neben den unnatürlich farbgesättigten Plastikobjekten wirkt die natürliche Umgebung plötzlich farblos.

Mit solchem Getier an den See zu fahren, ist nicht nur eine ästhetische und vielleicht sogar gesundheitliche Zumutung. Es ist auch unlogisch. Das Gros der Schwimmtiere fällt unter die Kategorie vermeidbarer Plastikmüll. Wer auf Wegwerfkaffeebecher verzichtet und über Strohhalme und Wattestäbchen in den Ozeanen jammert, der könnte hier mit ganz neuer Konsequenz vorankommen. Wenn wir die Meere von Mikroplastik befreien wollen, sollten wir die Seen nicht zugleich mit Maxiplastik quälen.

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