© Jakob Weber für ZEIT Online

Skater: Das Leben ist ein Brett

Nichts ist so sehr mit der Idee von Jugend und Freiheit verbunden wie das Skateboard. Kein Wunder, dass immer mehr ältere Skater von diesem Gefühl nicht lassen wollen. Von

Ein leises Surren, ein Klackern auf Holz und Teer, ein krächzendes Schleifen von Metall auf Beton mischen sich in die Gemütlichkeit eines spätsommerlichen Nachmittags. Mitten in einem Berliner Park, wo Familien auf der Wiese picknicken und Hunde unter Kastanienbäumen raufen. Das Surren, Klackern, Schleifen ist unverwechselbar und so unbedingt mit Jugend und Freiheit verbunden wie Bauchklatscher im Freibad und Rülpser nach dem ersten Bier am See. Es ist der Sound des Skateboards.

Im Park achtet kaum einer auf die Skater, sie üben ihre Tricks, essen Falafel-Sandwiches aus Papierservietten und haben AirPods im Ohr. Nur eins fällt auf: die Gesichter der Fahrer. Älter sind einige von ihnen geworden, es kräuseln sich erste graue Haare unter den Basecaps, die Bewegungen wirken nicht mehr ganz so sorglos. Dylan, einer von ihnen, ist Mitte 30 und hat nach einer zehnjährigen Pause wieder mit dem Skaten angefangen. Er sei, wird er später sagen, überrascht, wie sehr die Stürze plötzlich weh tun.

Vor einigen Monaten habe er sich spontan ein neues Board gekauft, erzählt er in einem Café bei einer Tasse Filterkaffee. Jetzt fährt er damit zwei bis drei Mal die Woche durch die Stadt, lässt die Enge seiner Agentur, die Vorhersehbarkeit des Alltags hinter sich – und merkt, wie sehr er das vage Gefühl von Freiheit vermisst hat. Skateboarder blickten anders auf den öffentlichen Raum, sagt er. Er verwandelt sich in einen einzigen großen Hindernisparcours, bestehend aus Abkürzungen, abfallenden Straßen und Verkehr. Man könnte auch sagen: Die Stadt wird zum Spielplatz. Aber passt man da auch noch hin, wenn man nicht mehr 16 ist?

Ein Kinderhobby, so nennen Dylans Kollegen das Skaten. Und auch er hadert mit seiner neu entflammten Leidenschaft. Seit kurzem ist er Single. Soll er da mit dem Board zum Date rollen oder ist er da bei der Frau gleich als kindisch unten durch? Wenn er jedoch mit den anderen Skatern, jung wie alt, im Park neben der Halfpipe steht, ist er in einer Welt, in der Alter nicht zu zählen scheint. Dylan fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft, in die man mit nur einem lässig ausgeführten push auf dem Skateboard aufgenommen wird.

Schaut man sich auf dem Tempelhofer Feld oder einem anderen Skatepark in Deutschland um, bemerkt man: Sie werden mehr, die Skategeezer oder Rad Dads, so die Fachbegriffe für mittelalte Skater. Wenn sie nicht im Park fahren, tauschen sie sich in Facebook-Gruppen wie "Very Old Skateboarders and Longboarders" mit Tausenden von Mitgliedern aus. Wie ihre jüngeren Ausgaben tragen sie zerschlissene Schuhe, die Zigarette ist hinters Ohr geklemmt, immer wirken sie etwas außer Atem.

Sie rasen Treppen herunter und schneiden aufgeschreckten Passanten den Weg ab. Sie schwitzen und holen sich Schwielen, schrammen sich die Knie auf und stoßen sich ihre Schienbeine. Wie die Jungen. Neu hingegen sind die Bärte, die kleineren oder auch mal größeren Bauchansätze. Und die Vorratsbehälter aus Glas mit Vollkorn-Avocado-Broten, die naturtrüben Säfte statt Cola. Die Skategeezer haben Routine darin, sich zwischen Arbeit, Familie und Pauschalurlaub zu verpflegen.

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