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Skater: Das Leben ist ein Brett

Nichts ist so sehr mit der Idee von Jugend und Freiheit verbunden wie das Skateboard. Kein Wunder, dass immer mehr ältere Skater von diesem Gefühl nicht lassen wollen. Von

Ein leises Surren, ein Klackern auf Holz und Teer, ein krächzendes Schleifen von Metall auf Beton mischen sich in die Gemütlichkeit eines spätsommerlichen Nachmittags. Mitten in einem Berliner Park, wo Familien auf der Wiese picknicken und Hunde unter Kastanienbäumen raufen. Das Surren, Klackern, Schleifen ist unverwechselbar und so unbedingt mit Jugend und Freiheit verbunden wie Bauchklatscher im Freibad und Rülpser nach dem ersten Bier am See. Es ist der Sound des Skateboards.

Im Park achtet kaum einer auf die Skater, sie üben ihre Tricks, essen Falafel-Sandwiches aus Papierservietten und haben AirPods im Ohr. Nur eins fällt auf: die Gesichter der Fahrer. Älter sind einige von ihnen geworden, es kräuseln sich erste graue Haare unter den Basecaps, die Bewegungen wirken nicht mehr ganz so sorglos. Dylan, einer von ihnen, ist Mitte 30 und hat nach einer zehnjährigen Pause wieder mit dem Skaten angefangen. Er sei, wird er später sagen, überrascht, wie sehr die Stürze plötzlich weh tun.

Vor einigen Monaten habe er sich spontan ein neues Board gekauft, erzählt er in einem Café bei einer Tasse Filterkaffee. Jetzt fährt er damit zwei bis drei Mal die Woche durch die Stadt, lässt die Enge seiner Agentur, die Vorhersehbarkeit des Alltags hinter sich – und merkt, wie sehr er das vage Gefühl von Freiheit vermisst hat. Skateboarder blickten anders auf den öffentlichen Raum, sagt er. Er verwandelt sich in einen einzigen großen Hindernisparcours, bestehend aus Abkürzungen, abfallenden Straßen und Verkehr. Man könnte auch sagen: Die Stadt wird zum Spielplatz. Aber passt man da auch noch hin, wenn man nicht mehr 16 ist?

Ein Kinderhobby, so nennen Dylans Kollegen das Skaten. Und auch er hadert mit seiner neu entflammten Leidenschaft. Seit kurzem ist er Single. Soll er da mit dem Board zum Date rollen oder ist er da bei der Frau gleich als kindisch unten durch? Wenn er jedoch mit den anderen Skatern, jung wie alt, im Park neben der Halfpipe steht, ist er in einer Welt, in der Alter nicht zu zählen scheint. Dylan fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft, in die man mit nur einem lässig ausgeführten push auf dem Skateboard aufgenommen wird.

Schaut man sich auf dem Tempelhofer Feld oder einem anderen Skatepark in Deutschland um, bemerkt man: Sie werden mehr, die Skategeezer oder Rad Dads, so die Fachbegriffe für mittelalte Skater. Wenn sie nicht im Park fahren, tauschen sie sich in Facebook-Gruppen wie "Very Old Skateboarders and Longboarders" mit Tausenden von Mitgliedern aus. Wie ihre jüngeren Ausgaben tragen sie zerschlissene Schuhe, die Zigarette ist hinters Ohr geklemmt, immer wirken sie etwas außer Atem.

Sie rasen Treppen herunter und schneiden aufgeschreckten Passanten den Weg ab. Sie schwitzen und holen sich Schwielen, schrammen sich die Knie auf und stoßen sich ihre Schienbeine. Wie die Jungen. Neu hingegen sind die Bärte, die kleineren oder auch mal größeren Bauchansätze. Und die Vorratsbehälter aus Glas mit Vollkorn-Avocado-Broten, die naturtrüben Säfte statt Cola. Die Skategeezer haben Routine darin, sich zwischen Arbeit, Familie und Pauschalurlaub zu verpflegen.

Die ganze Stadt wird dem Skater zum Hindernisparcours. In Berlin guckt natürlich mal wieder keiner bei solchen Tricks, wie dem hier von Nahuel Kirchhoff. © Jakob Weber für ZEIT Online

Unter den Rad Dads in der Berliner Hasenheide sind Juristen, Lehrer, viele davon Familienväter, einige weit über 40. Sie sind Wiedereinsteiger oder komplette Anfänger. Sie erzählen, dass sie zunächst nur frühmorgens, wenn die Jüngeren in der Schule oder an der Uni sind, geübt haben, aus Angst, schräge Blicke zu kassieren. Zuerst einfache Tricks, ertasten, was der Körper kann, wie er auf Stöße und Stürze reagiert, langsam ein Gefühl für dieses wacklige Gefährt entwickeln. Die Rampen mit immer längeren und höheren Kurven befahren, bis sie irgendwann oben stehen und den ersten Drop-in wagen. Sie tauchen ein in die Rampe, die Knie leicht angewinkelt, mit den Armen balancieren sie den Körper aus, der Kopf bleibt parallel über der Hüfte. Dann rasen sie vom Holz der Rampe auf den Asphalt, die Räder rattern über den Boden, der Körper richtet sich wieder auf. Geschafft.

Das Skateboard macht aus Parks und öden Plätzen in der Stadt einen Ort, der nur den Skatern und ihren Freunden gehört, für einen Nachmittag. So hat es begonnen, damals in den Sechzigerjahren im sonnigen Kalifornien, als eine Gruppe von Jugendlichen an wellenarmen Tagen nach einer Alternative zum Surfen suchte. Sie schraubten sich Rollschuhe unter Holzbretter, um damit zunächst auf der Straße fahren zu können. Zum Soundtrack von Black Sabbath und Suicidal Tendencies wurde in die Gärten leerstehender Häuser eingebrochen, um die wegen einer Dürre unbefüllten Pools zu befahren. Totaler Punk, totale Freiheit.

Bitte hier entlang: Diese Bankkante ist schon so richtig abgewetzt von den Skateboards, die darüber geschlittert sind. © Jakob Weber für ZEIT Online

Ein anderer Tag in Berlin, ein sonniger Morgen. Etwas abseits einer Gruppe von Skatern auf dem Tempelhofer Feld sitzt Daniel, Mitte 40, oben ohne, dafür mit umso mehr Muskeln an Brust und Armen, auf einen kräftigen Unterarm ist in Frakturschrift "BERLIN" tätowiert. Überhaupt hat er viele Tattoos und die meisten davon sind von den sich ausdehnenden Muskeln und den Jahren, die sie da schon auf seiner Haut sind, etwas verschwommen. Daniel ist von Beruf Bauarbeiter. Er genießt die freie Sicht und den vielen Platz auf dem ehemaligen Flugfeld. Skateboarder kennt er noch aus Ostzeiten, da gab es eine kleine Szene von "Rollbrettfahrern" hinter der Mauer. Seine Interessen lagen damals jedoch anderswo. Bei seiner letzten USA-Reise sah er Gleichgesinnte am Miami Beach über den Asphalt surfen. Pumper mit Gel in den Haaren. Das hat ihm gefallen, das war nur so ein Gefühl, sagt Daniel.

Mit den anderen Skatern hier hat er wenig Kontakt. Höchstens mal, wenn er eine Frage zu den besten Gummirädern hat. Solchen, die nicht so laut klackern. Ambitionierte Tricks interessieren ihn weniger. Verschwitzt und oberkörperfrei die Balance halten, dazu nur das leise Surren der Räder, das fühle sich "irgendwie frei" an, sagt er. Auch wenn er für sich bleiben will, gehört er zur Szene dazu. Er bewegt sich nicht zu weit weg von der Gruppe junger Skater, die im Schatten einer kleinen rot-weiß gestrichenen Mauer sitzen. Man beobachtet sich wohlwollend. Sie halten gemeinsam die Stellung und okkupieren einen Raum, um den E-Scooter- und Segway-Fahrer einen großzügigen Bogen machen.

Die Coolness der Skater ist kein Trend, sondern Tradition. Deshalb interessieren sich dafür auch viele Modelabel, die sich und ihre Produkte mit Skatevideos bewerben, Kooperationen mit alteingesessenen Skatebrands eingehen, wie es Louis Vuitton mit Supreme vorgemacht hat. Für Dior Homme wurden Laufstege in Paris mit Rampen und Skate-Requisiten bebaut, für Hermès waren Skateboarder in High-Fashion-Videos unterwegs, inklusive des typischen bunt gemusterten Seidentuches. Auch die großen Label haben begriffen, dass es einen Markt gibt für all jene, die forever young sein wollen – und jetzt das nötige Geld dazu haben. Das Skateboard ist die popkulturelle Chiffre ihrer Wahl. Auch im Kino rollen die Geschichten der Vergangenheit auf Skateboards über die Leinwand, spülen Geld in die Kassen und verhelfen Teenie-Stars wie Jonah Hill mit seinem Film Mid90s zu neuem Ruhm als Regisseure.

Dabei spielt Konsum unter den Skateboardern selbst gar keine so große Rolle. Skateboarding is not a fashion, heißt es seit jeher. Wer szenetypische Kleidung ohne entsprechenden Habitus trägt, gilt als Poser oder auch Witzfigur. Der Profi Ryan Sheckler, praktisch der Justin Bieber der Szene, war so eine Art Hybrid und musste sich seine gesamte Karriere über für Eitelkeiten rechtfertigen. Seine Fähigkeiten als Skater legitimierten am Ende trotzdem jeden Fauxpas. Skateboarding kennt keinen rigiden Dresscode, ohne den man nicht dazugehört. Was zählt, ist die Haltung. Ob man das als Nietengürtel-Punk, Baggypants-Hip-Hopper, Psytrance-Hippie oder eben Familienvater spürt, ist fast egal.

Dieser Klang von Metall auf Stein: Der "Crooked Grind" ist einer der beliebtesten Tricks. Hier skatet Michael Ramler. © Jakob Weber für ZEIT Online

Andere Accessoires werden erst mit zunehmendem Alter interessant. Eine ewige Diskussion in Haushalten, in denen skatende Teenager leben, ist die über das Tragen von Schutzkleidung. Knieschoner, Helm und Handgelenkschoner, unbestreitbar sinnvolle Erfindungen, haben unter den Jüngeren eine überschaubare Fangemeinde. Das ist eine auf Style basierende Entscheidung, klar. Aber auch hier geht es um Freiheit – um Bewegungsfreiheit und einen Gestus der Radikalität und Angstfreiheit. Dass ein jugendlicher Körper dabei recht fix seine Wunden heilt und eine Krankschreibung in der Schule nicht so sehr schmerzt wie selbige in einem Angestelltenverhältnis, sind dabei sicherlich die Entscheidung begünstigende Faktoren. Für die älteren Skater stellt sich diese Frage nicht. Schutzkleidung wird getragen. An einem Bruch hat man mit einem Quäntchen Pech für den Rest seines Lebens zu beißen.

Wo Gemeinschaft vorher ganz selbstverständlich war, findet sich in den Momenten, in denen es um Verletzungen geht, in den Gesprächen eine feine Linie. Sie verläuft zwischen den Generationen. Man gratulierte sich eben noch zu gestandenen Tricks, gab sich gegenseitig Tipps zur Fußstellung bei einem Kickflip und reichte sich hier und da mal eine Zigarette rüber. Aber während sich die Älteren über die Vorzüge von Tegaderm, einem transparenten Wundpflaster, oder die natürliche Kraft der Aloe-Vera-Pflanze bei der Wundheilung austauschen, wird bei den Jüngeren das Wochenende rekapituliert. Ein Bruch, der sich den Rest des Nachmittags nicht mehr kitten lässt. Für die Rad Dads gehört das Wochenende der Familie, der Erholung in den eigenen vier Wänden und den sozialen Verpflichtungen, den Gartenpartys und Kindergeburtstagen. Sie haben diese Orte, die nur ihnen gehören, an die man sich zurückziehen kann, und müssen sie sich nicht mehr erkämpfen.

Dylan sitzt im Hinterhof des Cafés und hat seine Basecap auf den Tisch gelegt. Hier kann man rauchen. Er wird weiter skaten, sagt er. Rausgehen und nur das sein, was er hier und jetzt auf dem Board leistet, die einzige Grenze dabei seine Tagesform, diesen Ausgleich braucht er. Auch wenn es nicht mehr alles ist, was ihn ausmacht und er sich anderen Regeln beugen muss. Die Welt, deren Grenzen sonst durch Status, Pflichten und Besitz definiert ist, sagt er, gebe es dann kurz nicht mehr. Die blauen Flecken sieht er danach als Auszeichnung, als Souvenir von einem Urlaub, den er mit sich selbst und ein paar Gleichgesinnten verbracht hat.

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