Boris Johnson: Alphatier braucht Betaflausch

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Mitten in der Brexit-Revolte hat sich Boris Johnson einen Hund angeschafft. Der Premier in der Rolle des Dresseurs – kann das als Krisenmanagement funktionieren? Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Gut informierte Internetdatingportale behaupten, dass Frauen Männer mit Hund auf Fotos besonders ansprechend finden. Ein Mann, der sich um ein Tier kümmert – das wirkt fürsorglich, warmherzig und auch ein bisschen kuschelig. Aber nicht zu sehr, schließlich muss der Hund ja akzeptieren, dass der ohne Fell das Alphatier im Haus ist.

Während wir tierlieben Gesellschaftskritiker unsere Scones in den Tee tunken und an England denken, überrollt uns die Nachricht, dass auch Boris Johnson nun die optischen und sozialen Vorzüge eines Hundes nutzt. Gemeinsam mit seiner Freundin hat er einen 15 Wochen alten Jack Russell Terrier aus dem Tierheim gerettet. Dilyn, wie sie ihn nennen, sei dort gelandet, weil er ein schiefes Gebiss habe und deshalb vom Züchter als unverkäuflich aussortiert worden sei, berichten britische Medien.

Will Boris Brexit Johnson, der sich bisher gern als harter Hund gezeigt hat, kurz vor seinem vermeintlichen Zielauslauf, nun in seiner Außenwirkung etwas flauschiger daherkommen?

Jack Russell Terriern wird attestiert, dass sie über ein "stattliches Selbstbewusstsein, gefolgt von hoher Aufmerksamkeit und Beherztheit" verfügen. Außerdem sollen sich einzelne Exemplare dieser wadenhohen Hundeart für einen ziemlich "großen Hund" halten. Der Hund braucht also nach Meinung von Fachleuten eine besonders "strenge und beherzte Führung". Das wird die große Erzieherin ganzer Corgi-Dynastien, die Queen, nicht anders sehen, auch wenn sie ihren Premier gerade nicht zurückpfeifen konnte.

Es stellt sich uns allerdings die dringende Frage, wieso es Johnson nicht reicht, das gesamte Vereinigte Königreich plus EU dressieren zu wollen. Wieso denn jetzt auch noch so einen armen Hund?

Politiker holen sich in Krisenzeiten gern Hunde an die Seite, um zu zeigen, dass sie alles im Griff haben. Und dass sie gar nicht soo schlimme Typen sind, im Gegenteil sogar hingebungsvoll Gassi gehen und den Napf auffüllen. Was als Fürsorge dann auf die Wählerinnen und Wähler übertragen werden soll. Bis auf Donald Trump haben zum Beispiel amerikanische Präsidenten gern mit Hunden posiert: Clinton nach der Lewinsky-Affäre oder Nixon während der Watergate-Affäre. Auch Putin posierte mit einem Labrador, Kohl mit seinem Rauhaardackel. Immer war die Botschaft: dass es Wesen gibt, die bedingungslos treu zu ihnen halten.

Insofern kommt so ein Welpe, auch noch mit Zahnschiefstand, beim Publikum immerhin besser an als Wellnesswochenenden in trumpen Hotelanlagen. Wir zweifeln allerdings etwas an der Wahl von Johnsons Haustier. Da er sich selbst doch als großen Bewunderer Churchills sieht, warum hat er sich nicht wie jener einen Papagei angeschafft? Unseretwegen auch mit Mauser oder Schnabelschiefstand. Die werden ziemlich alt und verfügen über großes Durchsetzungsvermögen, gepaart mit der destruktiven Energie eines Kleinkindes, das aus Versehen zwei doppelte Espresso getrunken hat. It's a match!

Ein Papagei, der sich herablassend den Kopf tätscheln lässt für schöne Nachrichtenfotos, muss vermutlich erst noch ausgebrütet werden. Dafür ließe er sich, ganz im Sinne Johnsons, schon für eine Handvoll Nüsschen schön an der Nase herumführen.

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