Esther Wojcicki: "Wenn keiner an dich glaubt, bist du immer ängstlich"

Haben Helikoptereltern recht, müssen Kinder ständig angetrieben werden? Im Gegenteil, sagt die Autorin Esther Wojcicki: Eine freie, glückliche Kindheit mache erfolgreich. Interview:

Helikoptereltern, Tiger Moms, Generation Rücksitz: Es gibt viele Begriffe für ein heute weit verbreitetes Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, das auf Überbehütung und ständiger Kontrolle beruht – angeblich zum Wohl und für die Karriere der Kinder. Esther Wojcicki hingegen sagt: Lass die Kinder tun, was sie wollen. Die Journalistin und Pädagogin arbeitet seit 36 Jahren als Lehrerin an einer staatlichen Highschool im kalifornischen Palo Alto und hat über ihre Erziehungsmethoden ein viel beachtetes Buch geschrieben. Denn ihre drei Töchter sind extrem erfolgreich: Susan ist CEO von YouTube, Anne Mitgründerin und CEO des Biotechnologieunternehmens 23andMe und Janet arbeitet als Professorin für Pädiatrie.

ZEITmagazin ONLINE: Frau Wojcicki, weibliche CEOs sind selten, aber Sie haben gleich zwei unter Ihren drei Töchtern. Ihre Kinder schreiben im Vorwort Ihres Buches, "den Großteil" ihres Erfolges hätten sie Ihren Erziehungsmethoden zu verdanken. Nun hatten Ihre Töchter aber sehr vorteilhafte Bedingungen: Ihr Elternhaus stand auf dem Campus der Stanford Universität, dem Zentrum des Silicon Valley, Ihre Nachbarn waren Akademiker. Sie haben die Gene von Ihnen, einer hochbegabten Lehrerin, und eines Physikprofessors, der die Theorien Albert Einsteins hinterfragte. Und sie hatten das Glück, die Google-Gründer kennenzulernen, bevor sie erfolgreich wurden. All das soll weniger Einfluss auf die Karriere haben als der Erziehungsstil?

Esther Wojcicki: Dass sie in einer Umgebung aufwuchsen, wo es viel intellektuelle Stimulation gab, kann ich nicht abtun. Mein Mann ist Wissenschaftler, auch das spielte eine Rolle. Die größte Wirkung aber hatte vermutlich ich. Meine Töchter gehen sehr zuversichtlich Risiken ein, das ist ihre Arbeitsweise. Und wie wurden sie so? Der Hauptgrund ist, dass sie das an mir erlebt haben. Denn ich bin jemand, der Risiken eingeht, auch, um die Welt besser zu machen. Sie tun das, ohne nachzudenken. Als sie klein waren, war mein Ziel ja nicht, sie zu Führern der Industrie zu erziehen. Sondern sie möglichst selbständig werden zu lassen. Deshalb ließ ich sie einfach tun, was sie wollten.

"Wenn keiner an dich glaubt, bist du immer ängstlich" © Privat

ZEITmagazin ONLINE: Ihre Töchter arbeiten in Spitzenpositionen in männlich dominierten Branchen. Beginnt weibliches Empowerment mit einem Empowerment in der Kindheit?

Wojcicki: Die meisten Menschen blockiert oder hemmt, was andere Leute über sie denken. Dass es vielleicht nicht erfolgreich ist oder lächerlich, was sie tun. Meine Töchter durften ihren Leidenschaften nachgehen. Ich unterstützte sie dabei, völlig egal, was es war. Eine Freundin meiner Tochter Anne liebte Ameisen. Sie verbrachte jeden Tag Stunden damit, ihnen zu folgen und herauszufinden, warum sie taten, was sie taten. Ihre Eltern ließen sie einfach machen, und heute hat sie einen Doktortitel und studiert das Verhalten von Insekten. Kinder bekommen von ihren Eltern sehr viel Druck, das zu tun, was ihre Eltern wollen.

ZEITmagazin ONLINE: Was hat Ihren Erziehungsstil ausgemacht?

Wojcicki: Dass Allerwichtigste für ein Kind ist, dass ihm vertraut wird. Denn dann vertraut es auch sich selbst. Wenn du niemanden hast, der an dich glaubt, der dir etwas zutraut, dann bist du immer ängstlich. Und wenn man einem Menschen vertraut, dann muss man ihm auch die Selbständigkeit gewähren, den Dingen nachzugehen, für die er sich interessiert. Wichtig ist auch Freundlichkeit. Kinder machen vieles falsch, sie lassen Sachen fallen, verschütten sie, kleckern. Die meisten Fehler werden in der Schule gemacht. Aber Schule ist nicht freundlich, sie ist sogar sehr gemein. Wenn du es beim ersten Mal falsch machst, dann bekommst du gleich eine schlechte Note. Ich glaube an das System des Meisterns: Die Schüler sollen erst dann eine Note bekommen, wenn sie ihre Sache beherrschen und nicht, wenn sie noch Fehler machen. Dann sind sie auch bereit, Risiken einzugehen und kreativ zu werden.

ZEITmagazin ONLINE: Der deutsche Titel Ihres Buches lautet Panda Mama. Er spielt auf die Amerikanerin Amy Chua an, die als "Tigermutter" weltweit bekannt wurde. Sie hatte 2011 einen Bestseller über die strenge Erziehung ihrer Töchter geschrieben und darin unter anderem berichtet, wie sie ihre Kinder fast täglich zu stundenlangem Klavier- und Geigenspiel zwang.

Wojcicki: Ich habe mit Amy Chua auf einer Konferenz in Mexiko debattiert. Sie erklärte dort, dass die Erziehung ihrer Töchter für sie wirklich hart war und dass sie es hasste, Mutter zu sein. Denn wenn sie ihre Kinder nicht die ganze Zeit kontrolliert hätte, hätten sie viele Fehler gemacht. Sie zwang ihre Kinder, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollten. Sie drohte ihnen, ihre Kuscheltiere zu verbrennen oder eines von ihnen nach draußen in die frierende Kälte zu schicken, bis sie bereit waren, Klavier zu üben. Die Kämpfe, die sich abspielten, als eines ihrer Kinder Teenagerin war, waren schrecklich. Ihre älteste Tochter entschied sich dafür, in die Armee zu gehen. Die Frage ist: Warum sollte man jemals zur Armee wollen? Vor allem, wenn man aus einer Familie kommt, die genug Geld hat? Ich glaube, sie suchte sich die Armee aus, weil sie es gewohnt war, gesagt zu bekommen, was sie zu tun hatte. Ihre Töchter sagen selbst, dass ihre Kindheit sehr schwierig war. Meine Töchter sagen, sie hatten eine großartige Kindheit und viel Spaß.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wojcicki: Sie durften etwa ihre Zimmer selbst dekorieren – und manche waren geradezu entsetzlich. Als die eine Tochter sechs Jahre alt war, hat sie sich ihren eigenen Teppich ausgesucht, in Knallpink. Er war echt schrecklich. Und die Wände waren voll mit Postern, die kein Mensch in seinem Haus haben will! Aber meine Kinder waren froh damit und es hat ihnen etwas bedeutet. Auch das gab ihnen einen Sinn von Empowerment.

ZEITmagazin ONLINE: Der Untertitel der amerikanischen Ausgabe Ihres Buches lautet: "Wie man erfolgreiche Menschen großzieht." In der deutschen Ausgabe wurden aus den "erfolgreichen Menschen" "glückliche und selbstbewusste Kinder". Glauben Sie, Amerikaner und Deutsche haben unterschiedliche Erziehungsziele?

Wojcicki: Die Pandamutter gibt Struktur und innerhalb dieser Struktur gibt sie dem Kind Freiheit und Autonomie. In Deutschland passiert das im ersten Schuljahr. Die meisten deutschen Kinder gehen zu einer nahe gelegenen Schule und laufen allein nach Hause. Schon dieser Akt sagt dem Kind: Ich bin kompetent, ich kann es! Meine Eltern und meine Schule glauben an mich! In den USA geht niemand selbst zur Schule. Die Eltern bringen die Kinder sogar noch ins Klassenzimmer. Und wenn sie sie abholen, dann holen sie sie auch im Klassenzimmer wieder ab. Es gibt also schon von Anfang an sehr wenig Zutrauen. Manche Staaten in den USA haben Gesetze, die Eltern verbieten, ihre Kinder allein von einem Punkt zum anderen gehen zu lassen. Und Gesetze, die ihnen verbieten, die Kinder allein zu Hause zu lassen, auch wenn sie nur eine halbe Stunde einkaufen gehen. Ich wette, solche Gesetze gibt es in Deutschland nicht.

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