Japan Airlines: Wie im Himmel

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Wer bei Japan Airlines bucht, bekommt angezeigt, auf welchen Plätzen schreiende Kleinkinder sitzen. Wie praktisch. Vor mittelalten Männern sollte man auch gleich warnen. Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Reisende, die mit Japan Airlines fliegen, können neuerdings auf Abstand zu Kleinkindern gehen. Beim Buchen zeigt ein Baby-Emoji an, welche Sitzplätze Familien mit kleinen Kindern reserviert haben. Ein Vielflieger bedankte sich gerade auf Twitter für das neue Feature. Auf einem 13-Stunden-Flug habe er kein Geschrei ertragen müssen. Die anderen Fluggesellschaften sollten sich ein Beispiel nehmen, forderte er. Das finden wir auch, und wollen, wo wir schon dabei sind, gleich noch mehr über den Mikrokosmos unserer Mitreisenden wissen. Über den Wolken mag immer die Sonne scheinen, unsere Sitznachbarn sehen wir seltsamerweise trotzdem im schlechtesten Licht.  

Ein Oma-Emoji sollte uns vor Menschen im Alter 70 plus warnen. Denn die benutzen (der Geruchssinn lässt uns zuerst im Stich) Parfüm, das an geschwenkte Weihrauchschalen erinnert – und davon natürlich viel zu viel. Außerdem neigen sie zu unrhythmischem Schnarchen, das wir allerdings erst zu hören bekommen, wenn der Lebenslauf in Gänze vorgetragen ist. Auffallend monoton und ohne Rücksicht auf dramaturgische Längen, versteht sich. Wir erfahren alles über Schwiegermuttern. Dass die den Rehrücken damals nicht mochte, beschäftigt unsere Sitznachbarin bis heute. Weihnachten 78 muss das gewesen sein, der Hans war gerade befördert worden … Nein, stimmt gar nicht, der fuhr ja noch den Renault ohne Sicherheitsgurte. Jedenfalls war der Herd neu und sie hatte noch keine Erfahrung mit "der Röhre". Bisschen dunkel war der Rücken geworden, das müsse sie rückblickend zugeben, aber innen war es zart. Das hat auch der Hans gesagt – allerdings erst, nachdem seine Mutter wieder abgereist war. Gott hab ihn selig. 

Wer glaubt, Jugendliche seien besser, hat noch keinen Ozean neben einem gequert. Die Gründe für einen Warnhinweis sind mannigfaltig, weshalb wir an dieser Stelle nur einen nennen wollen: Jugendliche transpirieren nicht selten über die Maßen (Hormonumstellung, Sie wissen ja), haben aus Coolness-Gründen aber 24/7 ihre Sneaker an den Füßen. Außer eben im Flugzeug. Wenn es zuhause müffelt, packen sie ihr Rooibos-Drachenfrucht-Deo aus und nebeln das Kinderzimmer ein, bis sich Billie Eilish von der Wand löst. Aber das hat man ihnen bei der Sicherheitskontrolle abgenommen. Seien Sie froh. Wie wäre es mit einem Turnschuh-Emoji für U-18-Sitzplätze?

Schlimmer sind nur mittelalte Männer, die ihrer Lebensrealität durch übermäßigen Alkoholkonsum entfliehen. Typischerweise beginnt es damit, dass sie einem ungefragt verwackelte Fotos zahnbespangter Sechstklässler unter die Nase halten. Stolz wie Bolle, seien sie, die Gefühlslage geht schon mal ins Euphorische, kippt aber nach dem zweiten Fläschchen Grauburgunder. Dann schlucken sie ihren Ehering runter und baggern die Flugbegleiterin an ("Sie sind doch viel zu schön für die Holzklasse. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?!"). Der zweite Kipppunkt folgt beim Whisky, unter Tränen erzählen sie, wie ihr Lebenssinn zwischen Doppelhaushälfte, In-die-Stadt-Pendeln und Reitunterricht der Jüngsten zerrieben wird. An dieser Stelle erinnern sich die meisten an die Xanax in ihrer Manteltasche, vom Hausarzt verschrieben, weil sie ganz plötzlich Flugangst entwickelt haben ("Soll das schon alles gewesen sein?"). Er soll gleich zwei nehmen, dann dauert es keine 15 Minuten, bis Sie Ihre Ruhe haben. Wir schlagen den Weinen-Smiley vor. Oder die ineinander verflochtenen Eheringe?

Es geht aber nicht nur um Abgrenzung. Ein Sitzplatz-Emoji für Singles hätte sicher eher Pull-Potenzial. Alleinstehende könnten sich näher kommen anstatt sich 266 Episoden lang über sexistische Witze bei Friends zu ärgern und das Nackenkissen zu verfluchen. Ein romantischer Andenpakt in 10.000 Fuß Höhe, das kann man doch später auf der Hochzeit erzählen. Allemal besser als: Nach dem tausendsten Linkswisch krampfte meine Hand, der Daumen zuckte ohne mein Zutun nach rechts. So haben wir uns kennengelernt.

Um die diversen Emojis passgenau zu vergeben, müssten Fluggesellschaften Zugriff auf persönliche Daten haben. Sinnvoll wäre eine Zusammenarbeit mit Google oder Amazon. Vielleicht kann man den Sitzplatz auch gleich mit Facebook verlinken und, sofern vorhanden, das Parship-Profil hinterlegen. Technisch sollte das doch möglich sein.      

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