Wohnungsnot: Dann geht doch nach Brandenburg

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Schlimm, diese Wohnungsnot in Berlin. Ein CDU-Politiker glaubt: Da geht doch was und fordert einen Zuzugsstopp. Hm, wir haben doch da noch dieses Brandenburg. Eine Glosse von

Man muss ein bisschen an den alten Fernsehprogrammzeitschriftenwitz von dem Mann denken, der sein Auto zum Schrottplatz fährt, weil der Aschenbecher voll ist: lästige Umstände, dramatische Folgen. Muss das denn sein, ist das nicht etwas übertrieben? Gewiss, aber es ist echt nur ein Witz – verglichen mit der aktuellen Forderung des CDU-Politikers Christian Gräff nach einem Zuzugsstopp für Berlin. Seine Botschaft an alle, die es immer noch in diese Stadt zieht: Ihr wollt Kitas, Schulen, Infrastruktur? Dann bleibt mal lieber weg.

Gräff, wohnungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, hatte am Donnerstag im rbb-Fernsehen erklärt: "Wir müssen denen, die hierherkommen, sagen: Macht euch keine falschen Erwartungen. Wir haben die Infrastruktur nicht. Ihr könnt hier nicht herziehen." Dann brachte er als Alternative Brandenburg ins Spiel.

Nichts gegen Brandenburg an dieser Stelle, vor allem nichts gegen einen hübschen Resthof nahe der Märkischen Höhe oder ein Kolonistenhaus im Havelland für die Wochenenden: Man würde sich nur gern freiwillig zum Landleben entscheiden dürfen. Aber Christian Gräffs Vorschlag wirkt, als wenn der Türsteher des Berghain einer Touristengruppe, die stundenlang gewartet hat, den Einlass versperrt und ihr bedeutet, sie könnte doch stattdessen zur Langen Schlagernacht fahren: Ihr dürft hier leider nicht rein, wenn es nach mir geht.

Gräff ist es Freitagmorgen dann auch ein bisschen blümerant geworden, weswegen er der Berliner Morgenpost sagte, das sei von ihm "zugespitzt formuliert" gewesen. Berlin sei eine weltoffene Stadt und Wachstum etwas Gutes. Aber die Berlinerinnen und Berliner litten, da der Senat in Rot-Rot-Grün es nicht schaffe, die soziale Infrastruktur und die Verkehrsinfrastruktur auf den Weg zu bringen.

Man fragt sich trotzdem, warum der CDU-Politiker eine baldige Anbindung ausgerechnet dem strukturschwachen Brandenburg zutraut, wo die SPD seit 1990 den Ministerpräsidenten stellt. Ist die SPD auf dem Land eine andere als in der Stadt? Steckt dahinter ein größerer Plan? Wenn, hat sich seine Attraktivität uns noch nicht offenbart. Das Breitbandnetz hatten sich fast alle an der Landtagswahl beteiligten Parteien zum Thema auserkoren. Und 30 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es seit diesem Jahr das Investitionsprogramm i2030, das Berlin und Brandenburg besser per Bahn verbinden soll. Da können auf Jahre noch ganze Pendlerkolonnen unterwegs in Funklöchern verschwinden, die so groß sind wie die Neubauprojekte, die Berlin nicht hat.

Aber nichts gegen Brandenburg, wie gesagt. Im Warten auf das, was da mal fertig werden mag, könnte es Modellregion werden und Berlin eine ganze neue Gelassenheit vorleben.

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