Sexuelle Gewaltfantasien: Wieso bin ich beim Sex überall, nur nicht bei meinem Freund?

Frisch verliebt, aber im Bett nicht bei der Sache: Wer sich an den starken erotischen Reiz von Pornos und Gewaltszenen gewöhnt hat, wird dieses Kopfkino nicht leicht los. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern. 

Wieso bin ich beim Sex nicht bei meinem Freund? © Anne-Sophie Stolz

Benjamin R., 28: Ich bin seit ein paar Monaten mit meinem neuen Partner zusammen. Wir sind mehr als casual, beide ziemlich verknallt. Beim Sex habe ich aber ein Problem: Mich überkommen regelmäßig ziemlich harte Fantasien, sexuelle Gewaltszenen zwischen Männern. Ich mag diese Bilder nicht unbedingt, doch sie erregen mich stark. Daher gelingt es mir nicht, sie einfach wegzuschieben. Wenn ich das tue, falle ich aus der Rolle, die Erregung geht weg, ich bin aus dem Takt. Ich fühle mich schlecht, weil ich innerlich nicht bei meinem Freund bin – was er merkt und auch schon angesprochen hat. Und ich schäme mich danach für die krassen Fantasien, die mit ihm nichts zu tun haben. Ich war in der Vergangenheit häufig in Clubs und habe viel gesehen. Pornos schaue ich auch. Ich war länger Single oder in wechselnden kurzen Bekanntschaften. Diese Beziehung bedeutet mir viel. Ich möchte nicht, dass mein Kopfkino zum Stolperstein wird. Wie komme ich raus aus dieser Falle?

Was Sie als Falle erleben, ist eine Entweder-oder-Konstruktion: Entweder ich lasse beim Sex die unbehagliche, aber effektive Fantasie zu, funktioniere sexuell, bin aber von meinem Sexualpartner abgekoppelt. Oder ich schiebe die Fantasie weg, verliere aber die Erektion. Eine Zwickmühle, denn Ihr sexueller Genuss oder die Verbindung zu Ihrem Partner kommt während des Akts zu kurz. Verständlich, dass Sie schrecklich gestresst sind.

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Eine Bitte voraus: Geben Sie sich etwas Zeit, und freunden Sie sich mit dem Gedanken an, dass Sexualität voller Irritationen und Störungen ist, die nicht vermieden, sondern flexibel gehandhabt werden wollen. Was würde das in Ihrem Fall bedeuten?

Es würde bedeuten, dass Sie aus dem Entweder-oder ein Sowohl-als-auch werden lassen.

Dazu gehört im ersten Schritt, Ihre sexuellen Gedanken nicht abzulehnen. Sie gehören zu Ihnen, ob Sie wollen oder nicht. Immer wieder kommt es vor, dass Fantasien ihre Besitzer irritieren. Das liegt an der widersprüchlichen Natur der Erotik. Der amerikanische Psychoanalytiker Robert Stoller ging so weit zu behaupten: "No bad, no excitement." Er ist nicht der Einzige, der meint, dass erotische Spannung oft nicht aus dem Stoff unserer alltagstauglichen Wertvorstellungen, aus Liebe und Rücksichtnahme, aus politischer Korrektheit und Partnerverbundenheit gemacht ist. Sondern aus Konflikt, aus starken Reizen, mitunter feindseligen Elementen und aus Verbotenem. Die Fantasie und der Porno können drastischer und damit reizintensiver als die Realität sein. Daran kann sich ein Hirn gewöhnen. Wenn Sie viele Pornos gesehen und reale Szenen in Clubs erlebt haben, um sexuelle Kicks zu erleben, ist Ihr Organismus inklusive Penis daran gewöhnt – und in dem Moment, in dem Sie zeitgleich mit Ihrem Freund Liebe machen wollen, gerät alles durcheinander.

Wichtig ist, wie Sie die Beziehung zu Ihrem Kopfkino und zu Ihrem Körper gestalten. Eine verständnisvolle Beziehung – zu beiden – wäre förderlich. Es ist mit Fantasien und schlaffen Penissen wie mit Menschen: Wenn ich jemanden anders haben will, als er ist, bin ich nicht frei. In der Akzeptanz bin ich flexibler. Erkunden Sie Ihre Fantasie wie den Charakter einer Person: Was ist für Sie der Kick an den Szenen mit gewaltvollen Inhalten? Welcher Moment innerhalb der Fantasie ist der spannendste für Sie? Mit welchem Akteur sind Sie identifiziert? Oder sind Sie lediglich Beobachter?

Intensives Fantasieerleben geht über rein sexuelle Spannung meist hinaus, es bringt emotionale Intensität. Welche Gefühle entstehen im Verlauf der Fantasie? Welche Bedürfnisse werden gestillt? Wenn Sie verstehen können, was Ihre Fantasie mit Ihnen als Person zu tun hat, wann sie entstanden ist, können Sie sie vielleicht mit mehr Wertschätzung betrachten. Auf dieser Basis fällt es den meisten Menschen leichter, den Umgang mit der Fantasie zu gestalten.

Eine Option wäre, für eine Zeit auf Pornos und Clubs zu verzichten und bei der Masturbation mit der Aufmerksamkeit im eigenen Körper zu bleiben. Wie flexibel oder begrenzt Menschen bezüglich sexueller Stimuli sind, ist ganz verschieden. Eine Erweiterung der Quellen für Erregung ist aber oft möglich – mit ein bisschen Übung.

Was die konkrete sexuelle Situation mit Ihrem Partner betrifft: Weihen Sie ihn ein! Das gelingt besser, wenn Sie Ihr Fantasieleben einordnen können. Sie könnten sagen: "Ich hab da einen mitgebrachten Fantasieautomatismus, der mir in Singlezeiten gute Dienste erwiesen hat. Den werde ich jetzt nicht recht los, und manchmal stört er mich beim Sex mit dir." Er kann ja nur erfreut darüber sein, dass Sie intimer mit ihm sein wollen, als es Ihnen aktuell gelingt.

Im Weiteren geht es um ein Sowohl-als-auch. Wenn möglich, räumen Sie eine Zeit lang der Erektion nicht mehr den ersten Platz in Ihrer Paarsexualität ein, sondern dem Sinnengenuss: Wie berühren Sie Ihren Partner gern, wie werden Sie gern berührt? Wie sanft oder fest? Wo überall können Sie Erregung und Genuss spüren? Wenn die angestammten Fantasien zurückkommen, erlauben Sie sich, für eine Zeit dorthin abzudriften. Falls Sie beide dafür offen sind, können Sie ihm sogar einige Szenen berichten. Wenn Sie merken, dass die Fantasien Sie im Kontakt mit ihm stören, lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt, zum Beispiel auf Ihre eigenen Körperempfindungen und dann auf Ihren Partner.

Wenn Sie merken, dass die Erektion nachlässt, lassen Sie es geschehen. Entspannen Sie für eine Weile, genießen Sie aber weiterhin mit allen Sinnen, was da ist. Wenn Sie das vorher mit Ihrem Liebsten abmachen, ist es eher okay. Ungewohnt? Könnte sein. Die Frage ist, ob das Sie eher abschreckt oder neugierig werden lässt. Wenn Sie vor und nach Ihrem Fantasiekick erkennbar bei ihm sind, kann es auch intim sein – wenn er weiß, wohin Sie gehen.

Wollen Sie weiter gehen in Ihrem Experiment? Dann probieren Sie mal, wie viel störende Gewalt Sie herauslassen können, sodass trotzdem noch Erregung entsteht. Oder lassen sich bestimmte Rollen mit Ihnen beiden statt mit Fremden besetzen? Ich gebe zu, dass es in Ihrer noch jungen Beziehung dazu ein kleines Wagnis braucht: Vertrauen. Aber nur so können Sie ganz Sie selbst sein, mit und ohne Fantasien, mit und ohne Erregung, aber stets derjenige, der Sex mag – und den Mann dazu erst recht.

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