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Beziehungsmodelle: Und wenn ich nicht die Geliebte bleiben will?

Eine offene Beziehung mag mehr Sex für alle Beteiligten mit sich bringen. Aber ebenso muss viel verhandelt werden – vor allem, wenn zur Intimität noch Liebe hinzukommt. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern. 

Kyra B., 35:

Ich habe vor einigen Wochen einen Mann kennengelernt. Wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge und können sehr offen miteinander sein. Schnell kam heraus, dass er verheiratet ist und auch vorhat, es zu bleiben. Ich bin Single. Die beiden führen eine offene Ehe, um neue Erfahrungen zu sammeln. Beide möchten dies aber nur mit einem festen, zusätzlichen Partner tun. Ich bin die erste Frau für ihn, die er im Rahmen dieses Modells kennenlernt. Unsere Treffen sind sehr intensiv, wir verbringen meist mehrere Tage miteinander, unternehmen schöne Dinge, laufen Händchen haltend durch die Stadt, haben viel Sex. Wenn wir uns nicht sehen, schreiben wir uns und telefonieren viel. Seine Frau weiß von meiner Existenz und räumt ihm den Freiraum für unsere Treffen ein, sie lebt ein ähnliches Modell mit einem Mann aus. Mit zunehmender emotionaler Nähe wird es für mich allerdings schwieriger, meinen Standpunkt in dieser Konstellation zu finden. Kann ich sagen, dass mir unsere Treffen zu wenig sind, oder muss ich die Zeiträume, die die beiden mir zugestehen, hinnehmen? Ich weiß sehr wenig über seine Frau und die Intimität der beiden – nur, dass dieses Modell ein Versuch ist, diese wieder aufflammen zu lassen. Ich hätte dazu schon Fragen, die ich mich jedoch nicht zu stellen traue. Zum Beispiel, ob und in welcher Häufigkeit die beiden noch miteinander schlafen. Vor allem frage ich mich aber, wohin mich dieses Modell führt. Er gibt mir das Gefühl, für ihn mehr zu sein als eine Frau, mit der er schläft, und er erzählt sogar seinen Freunden von mir. Ich weiß nicht, in welche Richtung sich unsere Beziehung entwickeln wird, genieße die Zeit wahnsinnig, habe aber auch immer wieder Phasen, in denen ich mich aus Selbstschutz gerne zurückziehen würde. Denn habe ich wirklich eine realistische Chance, diesen Mann als Beziehungspartner für mich zu gewinnen?

© Anne-Sophie Stolz

Was Sie beschreiben, ist eine Konstellation, in der das bisherige Repertoire aller Beteiligten mutmaßlich überschritten wird. Und zwar von allen drei beziehungsweise vier, inklusive des Partners der Frau Ihres … ja, hm, Freundes? Affärenpartners? Geliebten, wie sollen wir ihn nennen? Wenn wir also diesen Mann mitzählen, geht es um vier Personen, die aus der sicheren Bucht bekannter Beziehungsmodelle hinausgefahren sind und nun in unbekannten Gewässern schauen, wohin die Reise gehen könnte. Es gibt keine Karte und keine Route. Das liegt auch daran, dass in unserer Kultur nach wie vor die serielle Monogamie als Beziehungsmodell dominiert. Alternativen dazu sind – rein quantitativ gesehen – Expeditionen, kein Massentourismus. Dass Sie da draußen unterwegs sind, zeigt, dass Sie bereits Offenheit für neue Erfahrungen und eine gewisse Kapazität, mit Ungewissheit umzugehen, mitbringen. Das brauchen Sie auch. Und außerdem guten Kontakt zu Ihrer inneren Orientierung: also der Achtsamkeit dafür, wie es Ihnen zu jeder Zeit in dieser Konstellation geht und was Sie für Ihr Wohlsein in der Beziehung brauchen. Das kann und wird sich im Lauf der Zeit verändern.

Ein paar Dinge sind Ihnen schon klar: Es ist mehr als Sex, Sie sind beide emotional involviert. Hier ist mindestens Verliebtheit und eine Möglichkeit von Liebe im Spiel. Welche Art der Verbindlichkeit besteht und weiter entstehen könnte, ist Ihnen aktuell unklar. Im Augenblick ist auch Ihre Beziehung zu diesem Mann um seine Primärbeziehung herum organisiert. Damit sehen Sie sich als die Dritte, die Frau, die außen vor ist. Traditionell ist das in Dreiecksbeziehungen eine in ihrer Schwierigkeit oft übersehene Position. Im Fall einer klassischen Affäre ist es die Frau im Schatten. Manchmal lebt sie Jahre oder Jahrzehnte allein, um sich von den Begegnungen mit dem Liebhaber zu nähren, ohne je offiziell den Platz an seiner Seite einzunehmen. Sie kann ihrerseits das Verhältnis beenden oder sich bewusst für Duldung entscheiden. So oder so hat sie mit Verlusten zu tun.

In diesem klassischen Bild sehe ich Sie, auch wenn Sie im Single-Status sind, allerdings nicht. Denn erstens sind insgesamt vier Leute beteiligt, zweitens ist die Konstellation kein Geheimnis. Dennoch enthält sie Begrenzungen, vielleicht Tabus und in sich geschlossene Bereiche: So wie seine Frau mutmaßlich einige intime Dinge zwischen ihm und Ihnen nicht weiß, bleiben viele Dinge zwischen den Ehepartnern Ihnen verborgen, und Sie beginnen neugierig, vielleicht manchmal mit einem Anflug von Eifersucht, über die Exklusivität der beiden nachzudenken. Wenn Ihre gemeinsame Zeit endet, schlüpfen Sie im Unterschied zu ihm in kein warmes Nest, sondern sind stärker auf sich gestellt, keinem anderen zugehörig.

Gerade weil so vieles zwischen Ihnen möglich ist, sind Sie wegen der Begrenzungen Ihrer Liaison oder deren Perspektive natürlich automatisch verletzlich; die Fragen, die nun aufkommen, sind vollkommen natürlich. Sie können so lange weiter driften und dabei vermeiden, ihm zu nahe zu treten, bis Sie merken, dass es Ihnen zu viel Unsicherheit und Schmerz verursacht. Dann sollten Sie unbedingt dagegensteuern, für sich einstehen und eine Frage nach der anderen stellen, bis hin zur Zukunftsperspektive. Wenn Sie dies in Form von Selbstoffenbarungen und nicht Forderungen tun, vermeiden Sie Grenzüberschreitungen.

Sie haben die gleichen Rechte wie alle Beteiligten, Bedürfnisse zu äußern, die dann verhandelt, in Regelungen übersetzt oder anders umgesetzt werden – oder auch nicht. Am Beginn solcher Konversationen stehen nicht nur die konkreten inhaltlichen Fragen, sondern auf der Beziehungsebene wird dabei angesprochen: Was kann thematisiert werden, was nicht? Was darf ich dich eigentlich fragen? Wann tritt wer wem zu nahe? Wer braucht wie viel Informationen? Die Beziehung als solche wird also ausgehandelt. Es wird spannend sein, weil ich vermute, dass Ihr neuer Partner ebenso von Etappe zu Etappe Orientierung sucht. Er wusste ja auch noch nicht von vornherein, wie es sein würde, sich in eine andere Frau zu verlieben und so intensiv mit ihr Zeit, Gedanken und Körperlichkeit zu teilen. Wie balanciert er das aus? Was lernt er dabei? Wo geht sein Blick hin? Zugegeben, dies sind sehr intime Fragen. Wenn Sie intim miteinander sind, bleiben sie nicht aus. Damit meine ich nicht ultimative Transparenz. Wieso sollte nicht jede Beziehung ihre Einzigartigkeit und sogar ihr Geheimnis haben? Es geht im Wesentlichen um die Frage, wer Sie beide füreinander sein wollen und wie Sie das verwirklichen werden.

Von polyamor lebenden Menschen können wir diese hohe Beweglichkeit lernen, die Bereitschaft zur immer neuen Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und denen der anderen – und ebenso den Umgang mit Eifersucht und die Entwicklung von Verantwortung für sich selbst und andere Beteiligte. Vielen wäre dieses permanent prozessorientierte Vorgehen viel zu anstrengend, andere gelangen dadurch zu einer für sie maximal authentischen Lebensweise. Wie es für Sie ist, finden Sie gerade erst heraus. Vielleicht wird Ihr neuer Partner sich eines Tages von seiner Frau trennen. Vielleicht möchten Sie irgendwann einen weiteren Partner oder einen anderen, einzigen. Noch ist ganz viel offen.

Ich wünsche Ihnen keine Odyssee, aber eine Seefahrt, die Sie als Abenteuer in Etappen sehen können, bei dem Sie natürlich etwas riskieren, aber auch einiges neu erfahren und stets zu sich selbst zurückkehren können.

Kommentare

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""Schnell kam heraus, dass er verheiratet ist und auch vorhat, es zu bleiben. "

ich sehe nicht was hier unklar sein soll.