HIV-Vorsorge: Sex ohne Angst

Martin Schrade war verzweifelt. Einen Moment lang überlegte er, ob er sein restliches Leben nicht besser im Securitybereich des Terminals verbringen sollte. Auf der Autofahrt sprachen Schrades Eltern kein Wort mit ihm. Er zeigte Fotos und Souvenirs, um ein wenig von der schrecklichen Situation abzulenken. Dann die erste vorsichtige Frage der Eltern: "Praktizierst du das denn auch?" Der Sohn nickte. Er werde in die Hölle kommen, sei von einem Dämon besessen, sagten seine Eltern.

Wenigstens zwangen sie ihn nicht zu einer sogenannten Konversionstherapie, sondern hofften, dass der Dämon von selbst gehen würde. In der Familie wurden klare Regeln aufgestellt: 1. Kein Sex zu Hause. 2. Keine Übernachtungsgäste mehr. Weder Jungs noch Mädchen. 3. Nicht mehr daheim masturbieren. Wenn er es nötig hätte, dann könne er sich den Sex draußen suchen, so soll es seine Mutter formuliert haben.

Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Mit wie vielen Männern Schrade inzwischen intim war? Er schätzt die Zahl auf 500 bis 700. Kennt er die Männer nicht, benutzt er ein Kondom. Aber manchmal, da reißt es oder rutscht ab. Gonorrhoe, besser bekannt als Tripper, hatte er schon. Unangenehm. HIV wäre sein Albtraum. Schrade will nach China, dort studieren, später auch arbeiten und vielleicht sogar auswandern. Um eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, muss er einen Gesundheitscheck bestehen. Bei einem positiven HIV-Test würde man ihm die Arbeitserlaubnis verweigern.

Früher war die Prophylaxe fast unbezahlbar

Schrade will Sex ohne Angst. Ohne Angst vor dem Virus, ohne Angst vor dem Ende seiner Karrierepläne. Und er will nicht jedes Mal eine wochenlange Therapie machen müssen, wenn etwas schiefgegangen ist. Deshalb schluckt er nun täglich die HIV-Prophylaxe PrEP. Sie unterscheidet sich nur durch einen einzigen Buchstaben von PEP, dem Medikament, das viele Homosexuelle kennen und das Schrade damals in der Notaufnahme bekam.

PrEP besteht aus Emtricitabin und Tenofovir, zwei Wirkstoffe, die Homosexuellen die Angst nehmen, sich anzustecken. Das lässt sich die Pharmaindustrie teuer bezahlen. Die Prophylaxe ist seit 2016 zwar auch in der Europäischen Union zugelassen – zuvor war sie nur auf halblegalem Weg über Internetapotheken in Kanada oder Indien erhältlich. In Deutschland kostete das Medikament des Herstellers Gilead bis 2017 820 Euro pro Monatspackung.

Nico Müller* aus Hamburg kannte die Prophylaxe zwar, aber es war ihm unmöglich, sie zu bekommen. Vor sieben Jahren infizierte er sich mit HIV. Die meisten Infizierten spüren dabei gar keine Symptome. Müller schon: Nachtschweiß, Fieber, Ausschläge. Er bemerkte es, machte einen Schnelltest mit einem Piks in die Fingerkuppe. Der Test bestätigte, dass er sich infiziert hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Müller seit mehr als zehn Jahren in der Schwulenbewegung aktiv, hatte sich engagiert, andere aufgeklärt. "Ohne mein Vorwissen hätte ich vielleicht nicht so schnell reagiert. Die meisten Ärzte schätzen die Symptome falsch ein, kennen die Geschichte ihrer Patienten oft nicht. Sie begreifen ihre Patienten nicht als sexuelle Wesen", sagt Müller.

Nach dem Test begann er mit der medikamentösen Behandlung, von der er schon so vielen berichtet hatte. Täglich muss er seither Medikamente schlucken, sich regelmäßig überprüfen lassen. "Glücklicherweise ist HIV heute therapierbar, wenn auch nicht heilbar", sagt Müller. Er vergleicht seine Infizierung mit einer chronischen Erkrankung. Es geht vor allem um Kontrolle, um Achtsamkeit. Die Medikamente haben bei ihm kaum Nebenwirkungen, sind keine große Belastung. Und sie verhindern, dass die HI-Viren sich vermehren und die Krankheit ausbrechen kann und dass Müller andere anstecken kann.

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