HIV-Vorsorge: Sex ohne Angst

Heute würde Müller jedem raten, PrEP zu nehmen. Zumal seit Herbst 2017 die Preise dafür gefallen sind. Ein Apotheker aus Köln hatte es geschafft, einen Deal mit dem Hersteller Hexal zu machen. Er durfte PrEP für 50 Euro pro Packung anbieten. Kurze Zeit später, zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember vor zwei Jahren, senkte dann der Hersteller Ratiopharm den Preis für sein Generika, also für ein Präparat, das in der Zusammensetzung dem ursprünglich patentierten Medikament gleicht, aber billiger angeboten wird, auf monatlich 70 Euro. Andere zogen nach, der Preis fiel.

Martin Schrade bezahlte für sein Generikum bis September monatlich 53 Euro. Alle drei Monate ging er zum Arzt, bekam ein Privatrezept. Wie bis dahin auch andere Patienten, die dem Hausarzt glaubhaft versicherten, dass sie promiskuitiv leben, also häufig wechselnde Geschlechtspartner haben. "Natürlich kann niemand nachweisen, ob er ungeschützten Analverkehr hatte oder nicht. Allerdings lässt sich auch niemand einfach so PrEP verschreiben", sagt Helmut Hartl, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten aus München. Als das Medikament noch unter Patentschutz stand, verschrieb er keine einzige Tablette. Viel zu teuer. 

"Ach, das gibt es jetzt auf Kasse?"

Als das erste Generikum auf den Markt kam, habe er mit 20 Patienten begonnen, heute seien es über 150. Darunter auch Heterosexuelle, die in der Swingerszene sind oder regelmäßig an Sexpartys teilnehmen. "In einer bestimmten Lebensphase kann PrEP für viele Menschen interessant sein", sagt Hartl. Die möglichen Nebenwirkungen sind überschaubar: Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit. Schrade hatte bisher nichts davon.

Seit September zahlen die Krankenkassen PrEP für Menschen mit einem erhöhten HIV-Risiko. Ein neues Gesetz macht das möglich. Einen "Meilenstein" nennt das die Deutsche Aids-Stiftung. Viele in der Szene fürchten jedoch, dass nun noch mehr Männer auf Sex ohne Kondom bestehen. Das könnte Folgen für die Ausbreitung anderer sexuell übertragbarer Krankheiten haben. Auch der Arzt Helmut Hartl rechnet mit einem moderaten Anstieg, warnt aber vor Schwarzmalerei.

"Ich verhüte mit Kondomen und PrEP", sagt Schrade. Er nutzt die Pille als zusätzlichen Schutz. Für die Krankenkassen ist das der Idealfall: Medikamente, wie sie der infizierte Nico Müller aus Hamburg bekommt, kosten knapp 1.000 Euro pro Monat. "Dafür kann man viel PrEP verschreiben", sagt Facharzt Hartl. Für die Kassen sei die Kostenübernahme so letztendlich ein gutes Geschäft. Über 86.000 Menschen sind in Deutschland mit HIV infiziert, knapp 69.000 nehmen deshalb regelmäßig Medikamente zur Therapie. Die präventive Pille PrEP könnte die Zahl der Neuerkrankten drastisch senken, Krankenkassen entlasten, Leben retten. Seit den Siebzigerjahren sind in Deutschland mehr als 28.000 Menschen an Aids gestorben. Auch im Jahr 2017 starben noch 450 Menschen an der Krankheit.

Schrade saß am Tag nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes schon um zehn Uhr vormittags bei seinem Arzt. "Ich war der erste Patient, der PrEP kostenfrei von ihm verschrieben bekam", sagt Martin. Auch in der Apotheke traf er auf eine staunende Verkäuferin. "Ach, das gibt es jetzt auf Kasse?", sagte sie. Schrade nickte. Beim nächsten Sex würde er sich sicher fühlen können. Auch, wenn das Kondom gerissen wäre.

*Namen von der Redaktion geändert

Wann wird HIV endlich heilbar? Und was tut die Medizin für Infizierte in armen Ländern? Mehr dazu in diesem Schwerpunkt zu HIV und Aids.

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