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Totensonntag: Wer auf den Friedhof geht, braucht kein Yoga mehr

Sie sind beruhigender als jedes Wellnesswochenende. Dumm nur, dass Friedhöfe die Toten zum Überleben brauchen. Und die möchten heute lieber woanders hin. Von

Wer die eigene Mitte finden will, macht Yoga, lässt sich auf einer Liege kneten, schwitzt stundenlang in einem heißen Holzkasten. Ich gehe lieber auf Friedhöfen spazieren. Das mag befremdlich klingen, sind sie doch Orte der Trauer, des Abschieds, des Todes. Doch auf Friedhöfen finden nicht nur Verstorbene Ruhe. Sie sind der ideale Stadtpark, beruhigender als jedes Wellnesswochenende – ganz ohne nervige Flitterwochenpaare und überdrehte Gurkengesichter.

Der Verhaltenskodex auf Friedhöfen ist wirksamer als digital detox. Erste Regel: Es ist still. Zweite Regel: Selbst Kinder und Jogger sind still. Dritte Regel: Wer nicht mit Stille umgehen kann, der lässt es. Was für ein Angebot für gestresste Großstädter.

Man kann meditativ darüber nachdenken, ob Karl-Heinz ein gutes Leben hatte. Ob er Matilda, seine neue Nachbarin, eigentlich kannte. Ob die Welt ein ungerechter Ort ist, weil Nico sie so früh verlassen musste. Man kann Achtsamkeit lernen, etwa von der älteren Dame, die ich einmal beobachtet habe. Sie blickte auf eine Grabstelle, redete lange auf den Stein ein, danach küsste sie die Spitzen ihrer Zeigefinger und legte die Hand auf das graue Gestein. Um die Langsamkeit und die Langeweile solcher Geschichten geht es auf Friedhöfen – also um nichts als Entschleunigung.

Doch auch Friedhöfe sterben. Denn zum Leben brauchen sie Tote. Die Deutsche Friedhofsgesellschaft schätzt, dass jeder dritte Friedhof in den nächsten fünf bis zehn Jahren schließen muss. An Toten mangelt es nicht, jährlich sterben in Deutschland mehr als 900.000 Menschen. Die wollen nur heute oft woanders hin: Die Friedhofssoziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler sprechen schon von der "Friedhofsflucht". 

Viele Menschen lassen sich einreden, dass die letzte Reise spektakulärer ausfallen sollte. Wer sich als Individualist versteht, will auch im Tod nicht wie alle anderen sein. Aktuell hoch im Kurs stehen Beisetzungen, gegen die sogar Greta Thunberg nichts auszusetzen hätte: in ökologisch abbaubaren Urnen oder direkt unter einem Baum. Mittlerweile entscheiden sich laut Bundesverband der deutschen Bestatter 20 bis 25 Prozent für eine Alternative zur normalen Grabstätte.

Ein Sonntag im Hamburger Stadtteil Ohlsdorf. Hier befindet sich der größte Parkfriedhof der Welt, hier findet jährlich die Bestattungsmesse "Happy End" statt. Die Aussteller zeigen, wie die letzte Ruhe zum show act werden kann. Einer von ihnen hält eine weiße Box in der Hand, mit einer Pipette stopft er eine Haarlocke in ein kleines Loch auf dem Deckel. "Man kann auch einen Löffel Asche nehmen", sagt er. Langsam zeigt er, wie man den Deckel dreht, bis es knackt, damit 15 Minuten später unten eine Flüssigkeit herausläuft – ausgelöst durch einen chemischen Prozess, mit dem man sich lieber nicht näher beschäftigen möchte. Der Kunde saugt dann diese Flüssigkeit mit einer Pipette auf und träufelt sie in das Loch einer Perle. Fertig ist die Kette für 149 Euro, beispielsweise mit Oma.

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