Bonsaibäume: "Man darf keinen einzigen Tag versagen"

Bonsaibäume machen ihre Besitzer geduldig, gelassen, sogar zu besseren Führungskräften. Eine Bonsai-Expertin erklärt, was die "Karate Kid"-Filme damit zu tun haben. Interview:

Ein Stück Natur in der eigenen Wohnung: Der Bonsai hat das Potenzial, die nächste Trendpflanze zu werden. Wir haben mit Heike van Gunst, der Chefredakteurin von "Bonsai Art", über die kleinen Bäume und ihre Besitzer gesprochen.

ZEIT ONLINE: Frau van Gunst, Sie selbst haben 100 Bonsaibäume und sind Chefredakteurin der Zeitschrift Bonsai Art – wie kommt man eigentlich zu diesem Hobby?

Heike van Gunst: Anfang der Achtzigerjahre habe ich zum ersten Mal einen Bonsai gesehen, im Schaufenster eines Möbelhauses. Das kam mir vor wie Zauberei: ein perfekter, kleiner, alter Baum in einer flachen Schale. Damals war Bonsai noch recht unbekannt in Deutschland, es gab nur ein paar Pioniere, zumeist mit Kontakten nach Japan. Erst ein paar Jahre später, Mitte der Achtziger, kam der große Trend – lustigerweise auch durch die furchtbare Filmreihe Karate Kid

ZEIT ONLINE: Geht es in den Filmen nicht um Karate?

Van Gunst: Es geht um einen Jugendlichen, der an eine neue Schule kommt und sich dort als Außenseiter fühlt. Trost findet er bei einem japanischen Nachbarn, dem alten Mr. Miyagi, der ihm die ostasiatische Lebensphilosophie nahebringt – mit Karate und Bonsai. Sogar einige der bekanntesten westlichen Bonsai-Profis sagen bis heute, dass sie durch diese Filmreihe auf Bonsai aufmerksam wurden.

Heike van Gunst, Chefredakteurin von "Bonsai Art" © Anke Sundermeier

ZEIT ONLINE: Bonsai ist heute immer noch beliebt, aber der große Trend hat nicht angehalten.

Van Gunst: Wenn ich Leuten von meinem Hobby erzähle, dann sagen sie meistens: "Ach, einen Bonsai hatte ich auch mal, die gehen nur immer ein." Damit es Spaß macht und funktioniert, braucht man eben intensive Kenntnisse, muss Fachliteratur lesen und sich viel mit den Bäumen beschäftigen. Als ich mir als Jugendliche mein erstes Bonsai-Buch gekauft hatte, las ich darin, dass man aus so ziemlich jeder verholzenden Pflanze einen Bonsai machen kann. Das fand ich faszinierend und habe damals angefangen, alles Mögliche einzupflanzen. Dabei ist natürlich auch nicht alles geglückt.

ZEIT ONLINE: Heute sind Sie Chefredakteurin der Zeitschrift Bonsai Art. Was haben Sie von Ihrem Hobby gelernt, das Sie heute als Führungskraft gebrauchen können?

Van Gunst: Hingabe und Zuverlässigkeit sind sehr wichtig. Man darf keinen einzigen Tag versagen. Wenn es im Sommer heiß ist und man einmal vergisst, den Baum zu gießen, kann es sein, dass er stirbt. Man lernt also Beständigkeit. Geduld ist außerdem wichtig. Und die Fähigkeit, scheinbare Widersprüche auszuhalten. Einerseits soll man dem Baum nicht zu viele Eingriffe auf einmal zumuten, zum Beispiel nicht gleichzeitig umtopfen und beschneiden. Man muss ihm genug Zeit geben, jede Maßnahme zu verkraften. Andererseits: Wenn man zu den entscheidenden Zeitpunkten die wichtigen Eingriffe verpasst, ist das auch nicht gut. Zuletzt ist Verantwortungsgefühl bei Bonsai sehr wichtig. Anfänger erzählen mir oft, dass sie sich einen Übungsbaum kaufen. Nach dem Motto: Hat nicht viel gekostet im Gartencenter, macht nichts, wenn der eingeht. Da sage ich: So geht das nicht. Der Baum ist ein Lebewesen, für das man Verantwortung trägt.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als würde Bonsai einen zum besseren Menschen machen. 

Van Gunst: Eine Organisation, die "World Bonsai Friendship Federation", tritt sogar dafür ein, Weltfrieden durch Bonsai erreichen zu wollen. Indem sie Bonsai-Freunde auf der ganzen Welt freundschaftlich miteinander vernetzt. 

ZEIT ONLINE: Wo trifft man diese Menschen, wo vernetzt man sich?

Van Gunst: Auf Bonsai-Ausstellungen und in Arbeitskreisen zum Beispiel – und natürlich im Internet. Die Digitalisierung macht das Hobby sowieso auf vielen Ebenen einfacher. Man kommt leichter an Informationen, man lernt leichter Gleichgesinnte kennen. Und es ist leichter, die Bäume gut zu versorgen. Zum Beispiel habe ich eine computergesteuerte Bewässerungsanlage, die ich anschalten kann, wenn ich wegfahre. Bevor ich bei der Bonsai Art gearbeitet habe, war ich Unternehmensberaterin und bin viel gereist. Da musste sich meine Mutter um die Bonsai kümmern. Heute gibt es sogar Apps, mit denen man die Bewässerungsanlage, die Temperatur im Gewächshaus oder die Videoüberwachung steuern kann, ganz egal, wo man ist.

ZEIT ONLINE: Aber fühlt sich Ihr Hobby dann noch nach Entspannung an?

Van Gunst: Die Technik sollte nicht die Natur in den Hintergrund drängen. Man hat ja Bonsai, um sie anzuschauen, sich daran zu erfreuen, ein Stück Natur um sich zu haben – nicht, um auf einen Bildschirm zu gucken. Aber die moderne Technik löst Probleme, die früher auch Stress bedeuteten.

ZEIT ONLINE: Gibt es eigentlich typische Charakterzüge, die alle Bonsai-Liebhaber haben?

Van Gunst: Eher nicht, es sind ganz verschiedene Menschen aus der ganzen Welt. Was sie eint, ist vielleicht die Gelassenheit, die sie aus ihrem Hobby ziehen. Man lernt, in anderen Zeiträumen zu denken: Mal angenommen, man hat einen Baum, den man gern bei einer Ausstellung präsentieren will. Wenn man aber merkt, dass er noch nicht reif oder aktuell nicht vital genug ist, muss man eben zwei Jahre warten. Oder drei. Oder vier. Am Anfang habe ich einem meiner schönsten Bäume eine große Wurzel abgeschnitten. Ich wollte ihn in eine tolle Schale bekommen, die ich gekauft hatte. Das Laub hat dann in den nächsten Wochen seinen Glanz verloren, wurde grau, dann braun. Sein Sterben mit anzusehen und zu wissen, dass meine Ungeduld dazu geführt hat, war wirklich ganz schrecklich. Das ist mir nicht noch einmal passiert. 

ZEIT ONLINE: Wer legt denn eigentlich fest, was einen Baum "gut" macht?

Van Gunst: Es gibt allgemeine fachliche Kriterien, die einen guten Baum ausmachen, aber auch die Ausstrahlung, die ein Bonsai vermittelt, ist sehr wichtig. Die Kriterien kann man lernen und das Gefühl erwirbt man mit der Zeit. In Japan gibt es etablierte Bonsai-Meister, die das zum Teil schon in der dritten Generation machen. Sie bilden Lehrlinge aus, sowohl aus Japan als auch inzwischen aus aller Welt. Die müssen aber Japanisch lernen und eine sechsjährige Lehre machen, bei der man von morgens bis abends sehr hart arbeitet. Inzwischen bieten manche Bonsai-Meister auch mehrwöchige oder mehrmonatige Schulungen für Nicht-Japaner an. Aber auch hierzulande gibt es natürlich hervorragende Bonsai-Lehrer. 

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