Glitzer: Leben wir nicht alle ein bisschen im Glitterland?

Weihnachten war Bravsein, Silvester ist Freistil – jene Zeit des Jahres, in der die Menschen sich mit Flitter verzieren. Was schmiert man sich da eigentlich auf die Haut? Interview:

Was ist der Unterschied zwischen Weihnachten und Silvester? Weihnachten ziehen sich alle artig an – Silvester wird der Ausgleich für all die Konventionen geschaffen, denen man sich zuvor beugen musste: Passend zum Flirren des Feuerwerks am Himmel verzieren sich die Menschen mit Glitter. Und zwar längst nicht mehr nur auf den Augenlidern, sondern gern großflächig oder gleich am ganzen Körper. Übrigens folgt auch das Glitzern gesellschaftlichen Trends – gerade wird es langsam bio, sagt Stefan Trassl, Geschäftsführer eines Glitter-Traditionsbetriebs in Oberfranken.

ZEITmagazin ONLINE: Herr Trassl, schön, Sie in der Hauptumsatzzeit von Glitzer zu erreichen.

Stefan Trassl: Ja, es glitzert überall grad, das stimmt.

ZEITmagazin ONLINE: Wann wurde Glitzer denn eigentlich erfunden?

© Lindner

Trassl: 1854 gab es das bei uns schon als Abfallprodukt in der Produktion von Glasprodukten zu dekorativen Zwecken. Damals wurde echtes Silber verwendet. Und Glasglitter wird auch heute noch von uns hergestellt.

ZEITmagazin ONLINE: Aber Glasglitter schmieren wir uns heute zu Partys nicht auf die Augenlider.

Trassl: Nein, nicht mehr. Ab den Siebzigerjahren wurde dann vor allem auf Polyester-Glitter gesetzt. Da gab es einen Hersteller in den USA, für den wir die Vertretung in Europa übernommen haben. Seit etwa 20 Jahren produzieren wir aber selbst.

ZEITmagazin ONLINE: Heißt Glitzer eigentlich in der Fachsprache anders?

Trassl: Es wird auch von "Flakes" gesprochen. Technischer Glitter oder Effektglitter sagt man auch. Der wird zum Beispiel auch auf Tapeten, in Wandfarben oder Kunststoffen eingesetzt. Wir verkaufen aber heute mehr kosmetischen Glitzer. Der Unterschied zwischen kosmetischem Glitter und dem für technische Anwendungen liegt hauptsächlich in der Verwendung der Farbstoffe. Da gibt es strenge Regularien, beispielsweise für die Farbstoffe. Ein Unterschied in der Zulassung für Glitzer in den USA und Europa besteht etwa bei Aluminium. In Europa ist er in allen Bereichen erlaubt, Auge, Lippe, Haut. In den USA ist Aluminium auf der Lippe verboten und nur für Auge und Haut erlaubt.

ZEITmagazin ONLINE: In Berlin fing es vielleicht so vor zehn Jahren an, dass die Menschen sich zum Tanzen gern auch mal den ganzen Körper in Glitzer hüllten. Wann hat Ihre Firma gemerkt, dass es da einen Trend zu geben scheint?

Trassl: Da müssen wir jetzt genau unterscheiden: Wenn Sie jetzt von der Dekoration des Körpers sprechen, ist dieser Trend in den letzten zehn Jahren entstanden. Aber Glitzer als Dekoration von Materialien, da gab es etwa vor 20 Jahren einen starken Trend von Glitzer auf Tapeten.

ZEITmagazin ONLINE: Also kam erst die Tapete und dann das Gesicht?

Trassl: Unser stärkstes Glitterjahr war das vorm Millennium. Da hat alles geglitzert. Alle möglichen Konsumgüter. Da war die Kosmetik noch relativ klein.

ZEITmagazin ONLINE: Aha, der Körper wurde also zum Konsumgut, könnte man sagen.

Trassl: Es gibt immer Trends – die letzten drei Jahre glitzert es schon überall. Es kommt in Wellen. In den Neunzigerjahren haben wir tonnenweise schwarzen Glitzer verkauft, der vor allem in den Curver-Stapelkisten eingesetzt wurde. Das war ein Hype.

ZEITmagazin ONLINE: Wie viel Glitzer geht bei Ihnen so im Jahr weg?

Trassl: Hunderte von Tonnen pro Jahr.

ZEITmagazin ONLINE: Von dem runden Glitter?

Trassl: Der Markt hat den hexagonalen Schnitt lieber. Der hat bessere Effekte als der runde oder quadratische Glitzer.

ZEITmagazin ONLINE: Und gibt es Farbtrends?

Trassl: Gold und Silber sind natürlich unschlagbar. Das macht 50 bis 60 Prozent unseres Volumens aus. Aber Trendfarbe im nächsten Jahr wird ein Blauton.

ZEITmagazin ONLINE: Machen Kosmetikfirmen auch spezielle Order bei Ihnen?

Trassl: Täglich. Ein größerer Auftrag kürzlich war Neon. Da kommen die unterschiedlichsten Dinge.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Länder haben eine besonders große Nachfrage?

Trassl: Typisches Kosmetikglitter-Land ist Frankreich, weil da die großen Kosmetikhersteller sitzen. Aber auch Italien. In Deutschland verkaufen wir eher für die industrielle Verwendung. Großer Trend zum Beispiel gerade: Glitzer in der Wandfarbe.

ZEITmagazin ONLINE: Da war ich kürzlich auch kurz davor, die zu kaufen. Man wird doch zum Kind und will alles haben, was glitzert.

Trassl: Genau so ist es. Schön, dass der Mensch so tickt. Davon leben wir.

ZEITmagazin ONLINE: Kann man Trends voraussehen?

Trassl: Das ist schwierig. Da müssen wir unsere Kunden befragen. Die haben immer Anwendungen im Kopf, an die wir noch nicht gedacht haben.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn jetzt der Erfinder des Fidget Spinners eine neue Idee für ein Spielzeug hat, das natürlich glitzert, und bei Ihnen anruft, um 30 Tonnen zu bestellen, wie schnell können Sie ihn beliefern?

Trassl: Wenn es Standardglitzer ist, den wir auf Lager haben, geht es schnell. Wenn es eine Spezialfarbe ist, dauert es ein bisschen, aber ich denke, in einem Vierteljahr können wir so was abwickeln.

ZEITmagazin ONLINE: Auch Bioglitzer gibt es ja mittlerweile. Wann fing das eigentlich an?

Trassl: Seit vier Jahren entwickeln wir das. Das ist ein Zellulosematerial, das dann mit einer Aluminiumbeschichtung metallisiert wird.

ZEITmagazin ONLINE: Wie hoch ist der Anteil an Bioglitter bei Ihnen?

Trassl: Leider Gottes noch sehr, sehr niedrig. Dabei ist es so eine große Diskussion in der Öffentlichkeit, fast jeden Tag liest man von Mikroplastik. Bioglitter ist vor allem in der Blumenindustrie gefragt. Wir würden uns wünschen, dass der Markt das schneller annimmt.

ZEITmagazin ONLINE: Im Kosmetikbereich kommt es auch nicht so an?

Trassl: Die Kosmetikindustrie ist ein bisschen Vorreiter. Aber die großen Projekte laufen mit PET-Glitter. Wir gehen davon aus, dass sich der Markt umstellt. Wir hoffen, dass es kommt. Ich schmiere mir doch auch lieber ein bisschen Zellulose drauf, von der ich weiß, wenn sie auf den Boden fällt, ist sie nach sechs Wochen weg. Aufgelöst.

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