Harry und Meghan: Auch die Queen hat jetzt Fachkräftemangel

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Die Sussexes treten von ihren royalen Aufgaben zurück. Wenn das Schule macht im europäischen Hochadel, wer soll denn dann künftig brillieren beim Winken und Grüßen? Eine Glosse von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Der Fachkräftemangel mag Handwerksbetriebe plagen, doch auch jenseits der Gefilde der Bäcker, Klempner und Fliesenleger – da, wo das Gras grüner ist und auch viel besser gemäht – scheint es um den Nachwuchs schlecht bestellt zu sein. Arbeitsplätze bleiben unbesetzt, Ausbildungen werden abgebrochen.

Vor diesem Problem steht nun sogar das britische Königshaus. Prinz Harry und Herzogin Meghan haben am Mittwoch auf Instagram erklärt, als "Senior-Mitglieder" der königlichen Familie von ihren Aufgaben zurücktreten zu wollen. Sie hauen also in den Sack, wobei das bei ihnen vornehmer klingt: "Nach vielen Monaten des Nachdenkens und vielen Diskussionen haben wir uns entschieden, in dieser Institution eine neue, fortschrittliche Rolle für uns zu finden. Wir arbeiten daran, finanziell unabhängig zu werden, während wir der Königin unsere volle Unterstützung zusichern." Tapfere Kleinfamilie, schwerer Entschluss? Please! Da Harry von seiner Mutter, Lady Diana, umgerechnet zwölf Millionen Euro geerbt haben soll, wäre in diesem Zusammenhang schon mal die Definition von finanzieller Unabhängigkeit interessant.

Die Erklärung klingt also insgesamt genauso aufrichtig wie die ansonsten übliche Wendung von der Trennung in beiderseitigem Einvernehmen, zumal Meghan in einem Interview im Herbst 2019 ja über die feindselige Stimmung im Lande ihr gegenüber geklagt hat. Um es mit Derrick, einem der großen alten deutschen Fernsehhelden zu sagen: "Harry, fahr schon mal den Wagen vor." Das Paar möchte seine Zeit künftig zwischen Großbritannien und Nordamerika aufteilen, um dem gemeinsamen Sohn Archie "im Sinne der königlichen Tradition" aufzuziehen sowie dem Familienleben und der Wohltätigkeitsarbeit genug Raum zu geben. Laut BBC wurde die Verwandtschaft von dieser Ankündigung überrascht. Nicht mal die Corgis der Queen sollen davon gewusst haben, und eigentlich entgeht denen nichts!

Hat Meghan hier aber nicht wirklich zu früh aufgegeben, in der Probezeit gewissermaßen, noch bevor sie die Prüfung im richtigen Tragen blickdichter Strumpfhosen abschließen konnte? Hätte sie als Azubi im Fach Winken und Grüßen nicht mehr Ausdauer zeigen müssen? Hat Harry hingegen vielleicht lange schon an Bore-Out nach zu viel Händeschütteln gelitten in diesem traditionellen Familienbetrieb, der sich gern auch "Die Firma" nennt? Sollte dem so sein, hat er in Meghan auf jeden Fall die richtige Frau für die Exit-Strategie gefunden. Nach dem Brexit folgt nun also der #Megxit.

Wenn das aber Schule macht – was erwartet uns dann als Nächstes? Vielleicht kommen die Schwestern der niederländischen Prinzessin Amalia auf die Idee, lieber eine Rollschuhdisco in Renesse betreiben zu wollen statt in gut gebügelten Kleidern neben Papa, dem König, zu stehen. Womöglich denkt sich Elisabeth von Belgien im Angesicht dieses Beispiels ja auch ganz empowered: Prinzessin, drauf gepfiffen, ich will Chocolatiere werden!

Die kleine gutbürgerliche Gesellschaftskritikredaktion wäre da ganz auf ihrer Seite, auch wenn es dadurch zum Brain Drain im europäischen Hochadel käme. Dieses ewige Herumrepräsentieren ist schließlich genauso gestrig wie das Umdrehen von Buchstaben beim Glücksrad, selbst wenn die anmutige Pose stimmt und das Lächeln sitzt wie in Beton gegossen. Wenn auch der Adel sich nicht mehr verpflichtet fühlen muss, sondern sich selbst verwirklichen darf: Das klingt doch nach wahrer Chancengleichheit.

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