Minimalismus : Verzicht muss man sich leisten können

Wenige gute Dinge zu besitzen, hat heute mehr mit edler Ästhetik zu tun als mit ernst gemeinter Askese. Minimalismus ist zur Selbstinszenierung von Snobs verkommen. Von

Es reicht doch so wenig, um glücklich zu sein: eine Handvoll Rucola, ein Glas Gewürztraminer aus dem Elsass, ein halber Hummer, ein winziges Stück handgebürsteter Schweizer Greyerzer-Käse aus Prigny am Fuße des Schlosshügels. Vielleicht nur noch dieses eine Paar Lammlederhandschuhe mit Kaschmirfütterung von Ermenegildo Zegna (limitierte Edition, 425 Euro) – "ein Signature-Piece, ein Must-have, da brauchst du nicht mehr".

Sparsamkeit, das sei sein Mantra, sagt der Gastgeber, 53 Jahre, graue Schläfen, Berater, between jobs. Dieses ständige Gekaufe gehe ihm auf den Keks. Er versuche nämlich, weniger zu konsumieren, nur das Nötigste, beendet er seinen Monolog und blickt dabei ins Leere. Seine Altbauwohnung ("ist Eigentum") in München-Schwabing mit den alten Holzdielen wirkt durch ihre wenigen Möbelstücke karg. In der Ecke steht einer dieser vollautomatischen Staubsauger-Roboter.

Die Gäste sind aus der Nachbarschaft. Eine Galeristin aus dem Libanon, ein Lehrerpaar mit zwei kleinen Kindern ("Babysitter sind teuer") und ein älterer Fotograf schauen an diesem Abend auf die Kunst an Wohnzimmerwänden aus poliertem Beton, nicken aus Höflichkeit und können sich die Widerrede gerade noch verkneifen. Auch dann noch, als der Gastgeber ihnen mit diesem Satz kommt: "Ich bin da Minimalist."

Minimalismus ist ein Begriff, dessen Bedeutung sich in den vergangenen Jahren auf tragische Art gewandelt hat. Lange hat der moderne Mensch darunter ein ballastfreies Leben wie das des antiken Denkers Diogenes in seiner Tonne verstanden, ohne zu viel Hausrat, vielleicht fernab in Indien auf einer Yogamatte oder in einem tibetanischen Kloster. Doch mittlerweile wurde das Wort komplett von der Werbeindustrie gekapert und auf sinnfreie Weise umgedeutet. Die Huldigungen des Minimalismus kommen heute von Superreichen oder internationalen Konzernen – um Entsagung geht es da nun wirklich nicht.

So beschreibt das Luxuskosmetiklabel La Mer ihren Klassiker Crème de la Mer (250 ml für 990 Euro, der Preis eines Langstreckenflugs) als "die Feuchtigkeitspflege, mit der alles begann". Das Kosmetiklabel Glossier aus New York, das auch Kim Kardashian aufträgt, wirbt mit dem minimalistischen Slogan "Skin first. Make-up second", der bestimmt nicht bedeuten soll, dass man sich auf den ungeschminkten Naturlook rückbesinnt.

Apropos Kim Kardashian: Vor Kurzem gestattete der größte Reality-Star der Welt (aktuell 157 Millionen Follower auf Instagram) der US-Vogue eine Tour durch ihr neues Zuhause in den kalifornischen Hidden Hills, 60 Millionen Dollar teuer, das spärliche Innenleben von dem belgischen Designer Axel Vervoordt kreiert. Während sie durch ihre nahezu leere knochenfarbene Küche und an ihrem ungebleachten Steinway-Flügel entlang führt, erklärt Kardashian: "Ich bin der bestorganisierte Mensch der Welt. Diese wenigen Besitztümer erleichtern es mir, es zu bleiben." Dass ausgerechnet die Berühmteste der shoppingversessenen Kardashian-Schwestern über Nacht nun dem Motto "Less is more" frönt und ihr Zuhause ein "minimalistisches Kloster" nennt, ist genau so einleuchtend wie die zwei einzigen Boxen, die Kim Kardashian in ihren leeren Küchenregalen aufbewahrt: eine schwarze für schwarzen Tee und eine weiße – nun, Sie ahnen es – für den weißen.

Ebenso wenig im Kontext zu einem bescheidenen Leben steht auch Kim Kardashians einziges Badezimmerwaschbecken aus Naturstein. Es ist das Ergebnis aus acht Designerentwürfen, denn der Ausguss musste so positioniert sein, dass kein Tropfen Wasser über den angedeuteten Rand spritzt. "Es spart Wasser", sagt Kardashian über das Resultat eines langen Perfektionierungsprozesses. So kann man es natürlich auch sehen. Ihre Schwester Kylie Jenner besteht derweil darauf, "nur" sogenannte Filler unter der Gesichtshaut zu haben. Das sei alles, was sie an plastischer Chirurgie brauche. Sonst nichts. Wahrhaft bescheiden.  

Ich bin der bestorganisierte Mensch der Welt. Diese wenigen Besitztümer erleichtern es mir, es zu bleiben.
Kim Kardashian, Reality-Star

Irgendwo zwischen den Kardashians und Kondo ist der Minimalismus zur Marketingworthülse verkommen. Den finalen Beweis dafür liefert nämlich ausgerechnet die japanische Bestsellerautorin Marie Kondo, die ihre Aufräummethode als globale Marke schützen ließ und jüngst einen Onlineshop eröffnete. Dort bietet die Ikone der materiellen Entsagung beispielsweise einen unverzichtbaren Leinenbezug für Papiertaschentuchboxen zu 21 US-Dollar an. Und wer braucht ihn nicht, den Uchiwa-Fächer für 44 US-Dollar? Für was noch mal? Ach ja, richtig: zum Fächern. Wer nach der Kondo-Methode Ordnung schaffen will, der kann hier zur Einstimmung auch Rattankörbe in Form von Äpfeln und Birnen für je 109 Euro ordern. Damit gelingt Kondo die Quadratur des Kreises: die Erfüllung der reinen Leere – und ihre Wiederbefüllung.

Das alles muss man sich leisten können, genau wie Yoga, Achtsamkeit, Clean-Eating und diese Complimentary-Plastikfläschchen vom letzten New-York-Trip, die man so praktisch mit auf die nächste Reise nehmen kann, im Handgepäck. Denen, die nicht im Hotel übernachtet haben, bleibt dagegen die Halbliterflasche aus dem Drogeriemarkt. Weniger minimalistisch, dafür – minimal im Preis.

Die neue Bescheidenheit hingegen hat einen hohen Preis. Zum Beispiel den eines limitierten nepalesischen Wasserfilters, der mit der Hilfe von Rosenquarz das Regenwasser in der neuen Auffangstation wäscht. Es kann gar nicht exzentrisch genug sein, denn Minimalismus ist zu einem Hobby für Reiche geworden, die nun bei jeder Gelegenheit mit ihrer Genügsamkeit prahlen.

Diese Pseudoenthaltsamkeit erlaubt es dem modernen westlichen Menschen, seinen Konsum in eine korrekte Nachhaltigkeitsphilosophie zu verpacken und dabei noch in moralische Überlegenheit umzumünzen. Auf Menschen mit vollgepackten Ikea-Regalen blicken die selbst ernannten Hohepriester des Minimalismus derweil herab. Haben die ihr Leben nicht im Griff? Können die sich nicht zügeln in ihrer ewigen Kaufwut? Und sich einmal etwas richtig Gutes kaufen statt was Billiges bei Butlers? Vielleicht ja einen Hay Triangle Leg des britischen Designers Simon Jones aus massiver Eiche für 1.575 Euro. Ein Center Piece für die Küche, überaus beliebt bei Influencern und auf Instagram. Kinder, die gerne ohne Unterlage malen, sollten nach der Anschaffung allerdings des Raumes verwiesen werden. Und die Erwachsenen müssen aufpassen, dass die Weingläser keine Ränder hinterlassen. Denn die Beschränkung auf ein paar erlesene Besitztümer erfordert neben dem Eigenkapital eben auch Pflege, um die Makellosigkeit zu erhalten.

Mit dem realen Leben, mit dem Alltag der meisten Menschen hat das wenig zu tun. Die Möglichkeit, Dinge wegschmeißen zu können, setzt einen gehobenen Lebensstandard voraus. Minimalisten predigen, sich von Dingen zu lösen. Aber Menschen halten nicht an Dingen fest, weil sie ein Messieproblem haben. Sie können es sich schlicht nicht leisten, etwas einfach zu entsorgen, weil es den Blick beim Schweifen stört.

15,3 Millionen Menschen waren laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2018 in Deutschland von Armut bedroht. Das ist ein Anstieg von fast fünf Prozent im Vergleich zum Jahr 2014. Darunter sind viele Rentner, Alleinerziehende, Geringverdiener. Menschen, die laut volkswirtschaftlicher Armutsdefinition weniger als 13.152 Euro jährlich verdienen und sicherlich nicht darüber nachdenken, ob sie zu klein gewordene Babystrampler, Ersatztoaster oder fadenscheinige Bettlaken dem Ideal des Minimalismus opfern sollten. Auch für Mittelschichtsfamilien gilt es als selbstverständlich, dass Schuhe unter Geschwistern weitergegeben, Hosenlöcher mit Bügelbildern geflickt werden oder eine Wimperntusche so lange benutzt wird, bis das Bürstchen endgültig trocken ist.

So ist der beste Minimalismus am Ende jener, der sich mit minimalem Budget erreichen lässt. Nichtkaufen ist immer nachhaltiger als Kaufen und der sinnvollste, nachhaltigste Minimalismus entsteht deshalb in Haushalten von Gering- und Durchschnittsverdienern. Dadurch, dass sie weniger wegwerfen.

Wer mehr als ein Kind hat, kauft Cornflakes in Großverpackungen, Pommes in der XXL-Tüte und Klopapier für ein ganzes Quartal. Logistische und finanzielle Umstände wie Gehalt, Status, Familiensituation, Kinder erfordern Pragmatik und lassen da wenig gestalterische Freiheit für, sagen wir, die Planung einer Küche mit offenen Schränken, die jede Woche einer Grundreinigung bedarf.

Dinge zu verwahren und Vorräte anzulegen ist im Übrigen nicht nur gelebte Sparsamkeit, sondern auch umweltfreundlicher und nachhaltiger als die Lebensweise selbst ernannter Minimalisten. Denn es ist einfach, um zehn Uhr abends eine Poke-Bowl ("Healthy, Organic, Pure") mit 25 Zutaten to go beim In-Asiaten einer deutschen Großstadt mitzunehmen und dabei zu ignorieren, was man für einen Haufen Müll hinterlässt und wie viel CO2 das Ganze rausbläst (Sashimi-Lachs aus Tokio, Ingwer aus China, Avocados aus Peru).

Selbst erklärte Minimalisten, die Essen zum Mitnehmen bevorzugen und die Vorteile einer Sharing Economy wie Autoleasing, Mietfahrräder und Onlinebestellungen nutzen, erhalten ihren Lebensstil nur aufgrund von monströsen Logistiksystemen, die solche Besorgungen und Dienstleistungen auf Tastendruck (meist ausgeführt von Arbeitern im Niedriglohnsektor) überhaupt erst möglich machen – von den dazugehörigen verpflichtenden Abos mit monatlichen, meist saftigen Gebühren mal ganz zu schweigen.

Lofts, die clean, Minds, die open sind, Kleiderschränke, die aufgrund ihrer begrenzten Klamottenanzahl nur noch Capsule Wardrobes heißen, funktionieren aber nicht in der Welt einer Mutter mit Schulkindern, die morgens um sechs Uhr nach dem nächsten Kleidungsstück neben ihrem Bett greift. Eine reduzierte Ernährungsweise aus Rohkost und zuckerfreien Bonbons hat nichts mit dem Neunstundenbüroalltag eines gewöhnlichen Pendlers zu tun, schon gar nicht mit den Schichten eines körperlich aktiven Arbeiters.

Minimalismus ist am Ende deshalb zu einer Illusion verkommen, zu einem theoretischen Konzept für Architekturzeitschriften und Netflix-Dokuserien – als langweiliges Konstrukt ohne tieferen Sinn, das reiche Menschen für sich beanspruchen. Dabei gehört die gute und fromme Idee, wenig zu besitzen, nicht einer verwöhnten Gruppe von Rich Kids wie den Kardashians. Sie ist eine Philosophie für spießige Sparer, für echte Menschen, für Großfamilien und bescheidene Singles mit kleinem Budget. Vielleicht braucht es aber auch kein edles Etikett für gewöhnlichen Konsumverzicht. Nur die Gewissheit, dass die eigene Nachhaltigkeit nichts mit Kaufentscheidungen zu tun hat.

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