© Jakob Weber für ZEIT ONLINE

Valentinstag: Du. Ich. Läuft.

Kuschelgutscheine, Blumensträuße zum Aufklappen und Komplimente zum Ankreuzen: Valentinskarten verraten, wie es um romantische Gefühle in der Bundesrepublik bestellt ist. Von

Am Valentinstag kommt kein Paar vorbei, ob es ihn nun mitmacht oder nicht. Entweder schenkt man pflichtbewusst seinem Lieblingsmenschen – so heißen Partner und Partnerinnen inzwischen bei vielen Romantikherstellern – herzförmige Schokolade, herzförmige Kissen oder herzförmige Gutscheine für einen Kuschelabend. Oder man rümpft ob all dieser Herzförmigkeit die Nase. Und muss sich dann trotzdem paarintern und in der Außenkommunikation mit dem Rest der Welt vergewissern, dass man keinen blöden kapitalistischen Feiertag braucht, um seine Liebe zu zelebrieren.

Glaubt man einer Umfrage des Verbraucherportals Mydealz, ist die Verteilung zwischen diesen beiden Lagern in Deutschland etwa Fünfzig-Fünfzig: Etwa die Hälfte der Deutschen macht demnach Geschenke zum Valentinstag. Die andere Hälfte verschenkt angeblich Valentinskarten. "Für die Welt bist du irgendjemand, für mich bist du die ganze Welt!" steht auf solchen Karten zum Beispiel. Oder: "Du bist mein Lieblingsmensch. Ich ♥ dich."

Schon klar: Valentinskarten haben so viel mit Liebe zu tun wie dekorative Sinnsprüche aus dem Einrichtungshaus mit dem Sinn des Lebens. Eine Auseinandersetzung mit Herausforderungen der modernen Beziehung kann man von ihnen nicht erwarten. "I ♥ dich. Lass uns deshalb über faire Verteilung von Carearbeit sprechen" passt optisch nicht so hübsch zu Sonnenuntergängen. Aber vielleicht kann man an den Valentinssprüchen zumindest ein Stück weit ablesen, wie es um die Romantik in der Bundesrepublik bestellt ist. Also, Amazon auf, Suchanfrage: "Karte Valentinstag".

Pop-up-Karten scheinen der Renner zu sein. Blumensträuße und sich küssende Paare aus Papier springen heraus, wenn man sie aufmacht. Es gibt Herzen zum Aufklappen, verliebte Teddybären zum Aufklappen, Kirschbäume zum Aufklappen, aber dann wird es interessant: Eine Valentins-Geldkarte! Auf dem Cover der Schriftzug: "Alles Liebe zum Valentinstag". Darin: ein Einsteckfach für Geld. Praktisch, wenn man keine Lust hat, mit dem Partner am Valentinstag abzuhängen: "Danke, dass du immer für mich da warst, Schatz, hier ein Zwanni, mach dir damit einen schönen Abend."

Romantik zum Ankreuzen

Dieses Einsteckfach eignet sich laut Herstellerbeschreibung aber auch für Gutscheine. Diese scheinen in Deutschland ohnehin ganz wichtig zu sein: Paare können vorgedruckte Gutscheine für Massagen erwerben, Gutscheine für Abende zu zweit und Gutscheine für Sex (miteinander, nicht mit externen Dienstleistern). Die Gutscheinromantik ist praktisch und serviceorientiert: So geht etwa ein Gutschein für ein romantisches Frühstück detailliert auf kulinarische Vorlieben und Unverträglichkeiten ein: "Nirgendwo ist es so kuschelig wie im eigenen Bett. Darum bringe ich dir das tollste Kuschelfrühstück der Welt ans Bett. Damit es dir auch an nichts fehlt, kreuze bitte an: Kaffee, Tee, Orangensaft, Milch, Sekt. Brötchen, Baguette. Croissants, Toast …" Auch die Präferenzen bei Wurstaufschnitt oder Schinken, hartem oder weichem Ei kann man angeben. Mit Shakespeareschen Leidenschaften hat das zwar wenig zu tun. Aber die Liebe, wenn sie länger als ein paar Monate halten soll, hat ja ohnehin weniger mit dramatischer Passion zu tun als mit einem korrekt gekochten Frühstücksei.

Schade eigentlich, dass es, anders als beim Eierkochen, keine Anleitungen für die korrekte Romantikausführung gibt. Die Sehnsucht danach scheint hierzulande groß zu sein. Rezepte und Gebrauchsanweisungen sind ein beliebtes Motiv. Zum Beispiel als Liebesrezept: "3 EL Toleranz und Geduld, 4 EL Humor, 5 EL Treue, 1 kg Leidenschaft … Das Ganze gut vermischen, abschmecken und warm mit beliebig vielen Umarmungen servieren." Oder als Apothekenrezept, das optisch stark an die Zettel erinnert, die man in der Arztpraxis bekommt: "Was ich an dir liebe" steht im Feld, das normalerweise für die Diagnose reserviert ist. Der Schenkende muss dann ankreuzen: "Einfach alles! Du bist einfach wundervoll!",  "Deine Augen, dein Lächeln, deinen Humor", oder es in der Zeile weiter drunter selbst ausfüllen. Rechts davon kommt die Behandlungsempfehlung: "Deshalb verordne ich dir a) eine liebevolle Massage b) dein Lieblingsgericht c) __________." Und wem auch wirklich gar nichts einfällt, kann eine Komplimentmaschine erwerben. Die sieht aus wie ein kleiner Lautsprecher und gibt, so der Anbieter, "tiefgründige, witzige und emotionale Liebesbekundungen auf Knopfdruck". 

Überhaupt: Vorgefertigte Romantik scheint in Deutschland ein Verkaufsschlager zu sein. Die großen Buchhandelsketten bieten zwar kaum Postkarten an. Umso beliebter sind Bücher, Hefte und Klebezettel, in denen Liebende ankreuzen und ausfüllen soll, was sie aneinander schätzen: "Das ist mir als Erstes an dir aufgefallen: ...", "Du bist mein a) Hase b) Lieblingsmensch c) Schatz", "Wenn du nicht da bist, ___________". Halb muten sie an wie ein Poesiealbum aus der Grundschulzeit, halb wie ein Multiple-Choice-Test. Eines dieser Bücher trägt den nüchternen Titel, mit dem sich die Romantik in Deutschland wohl ziemlich gut zusammenfassen lässt: Du. Ich. Läuft.

Kommentare

42 Kommentare Seite 4 von 4 Kommentieren

Valentinstag?! "Some like it hot" - wie könnte man also Billy Wilders grandiosen Klassiker auf eine adäquate Formel stanzen?! "Garage - Gamasche - Wir laufen".