ZEITmagazin ONLINE: Frau Neubauer, in den vergangenen Wochen ist der internationale Account von Fridays for Future durch Statements aufgefallen, die das Leid der Israelis verharmlost haben. Medien wurde pauschal vorgeworfen, manipulieren zu wollen. Greta Thunberg postete ein Bild von sich mit einem Schild, auf dem "Stand with Gaza" steht. Daraufhin forderten viele Menschen in Deutschland von Ihnen, sich zu distanzieren. Wie geht es Ihnen?

Luisa Neubauer: Es ist gerade aufwendig, Aktivistin zu sein. Und es ist offensichtlich, dass gerade einiges zerbricht. Das ist nicht nur politisch problematisch, sondern auch persönlich schmerzhaft. Diese Erfahrung haben wahrscheinlich viele Menschen in den letzten Tagen gemacht: Die Situation durchsetzt persönliche Beziehungen. Meine Haltung gegen Antisemitismus ist jedoch klar.

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie überrascht davon, wie die internationalen Gruppen von Fridays for Future auf den Krieg reagiert haben?

Neubauer: Hätte ich absehen können, dass auf dem internationalen Account von Fridays for Future solche Statements geteilt werden, ohne Absprache, ohne Faktencheck, dann hätten wir uns schon im Vorfeld klarer verortet. Es ist offensichtlich, dass die globalen Realitäten bei vielen Organisationen auseinandergehen, wenn es um Israel und Palästina geht. Das rechtfertigt aber weder Antisemitismus noch Desinformation. Und dass es das eben doch gibt, hat mich überrascht. Das habe ich nicht kommen sehen.

ZEITmagazin ONLINE: Aber es war Ihnen wahrscheinlich länger klar, dass es beim Nahostkonflikt einen Dissens in der Bewegung gibt. Allein weil es schon in der Vergangenheit Äußerungen gab, in denen Israel als Kolonialstaat bezeichnet wurde.

Neubauer: Ja, die Situation rund um Israel und Palästina ist umstritten gewesen. Wir hatten uns aber ursprünglich vorgenommen, uns nicht an diesem Thema aufzureiben, um miteinander arbeiten zu können. Das hat über viele Jahre gut funktioniert. Vor anderthalb Jahren gab es dann den ersten Post, bei dem wir uns als deutsche Gruppe distanzierten. Danach haben wir in Deutschland Antisemitismus-Workshops gemacht, unsere Pressesprecherinnen und Social-Media-Beauftragten gebrieft und in unsere deutsche Arbeitsgrundlage aufgenommen, dass wir uns aktiv gegen Antisemitismus einsetzen.

ZEITmagazin ONLINE: Warum nur in Deutschland?

Neubauer: Vielen ist wahrscheinlich nicht klar, was die internationale Bewegung von Fridays for Future überhaupt ist. Das ist keine formelle Struktur, sondern ein loses Netzwerk an Telegram-Gruppen, in die alle reinkönnen. Das war früher hilfreich, weil wir schnell und barrierearm wachsen konnten. In diesem Netzwerk ist es aber fast unmöglich, strukturierte und repräsentative Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidungen, die dort gefällt werden, sind ganz wenige: Zum Beispiel gibt es Abstimmungen über das Datum des globalen Klimastreiks. Ansonsten haben die nationalen Bewegungen eine große Autonomie. Inzwischen ist es so: Die Zahl an Ländern, in denen Fridays for Future wirklich Massen mobilisieren, ist sehr überschaubar. Unter anderem sind es Deutschland, Österreich und die Schweiz. Diese drei Länder haben in den vergangenen Tagen alle Statements gegen den Terror der Hamas veröffentlicht. Zwei Drittel aller Menschen, die beim letzten globalen Klimastreik mobilisiert wurden, standen in Deutschland auf der Straße. Unter denen, die sich auf der internationalen Ebene übers Internet austauschen, sind auch Menschen, die aus der deutschen Bewegung ausgeschlossen wurden: wegen Hass, Hetze, Antisemitismus.

ZEITmagazin ONLINE: Die Jüdische Allgemeine berichtete schon im August über den Aktivisten Hasan Ö. aus Rheinland-Pfalz, der in der internationalen Gruppe wohl intensiv darauf drängte, sich gegen Israel auszusprechen. Aber warum ist der Nahostkonflikt in der Bewegung überhaupt ein Thema?

Neubauer: Ich halte es für eine Klimabewegung nicht für zielführend, sich ins Zentrum von Krisen zu stellen, die jenseits von Klimafragen stattfinden. Es ist aber gleichzeitig ein Privileg, das als Klimaaktivistin sagen zu können – wir in Deutschland können unsere Arbeit machen, weil wir eine Demokratie haben, die andere vor uns verteidigt haben. Für Aktivisten im Globalen Süden oder in grundsätzlich weniger privilegierten Ausgangslagen ist das anders, da sind die Kämpfe ganz andere und hängen enger miteinander zusammen. Deshalb gibt es unter einigen ein gewisses Misstrauen, wenn wir in Deutschland sagen, dass wir uns für Klimagerechtigkeit einsetzen. Weil sie befürchten, wir meinen das nicht ernst.

ZEITmagazin ONLINE: Aber was hat das mit Juden, mit Israel, mit Palästinensern zu tun?

Neubauer: Ich vermute, es ist eine Art Blueprint. Die Auseinandersetzung im Nahen Osten soll zeigen, wo jemand steht, in Fragen von Wiedergutmachung, von Leid, von Gerechtigkeit.

ZEITmagazin ONLINE: Also übersetzt: Die Israelis sind die Weißen, die Unterdrücker, die Privilegierten. Die Palästinenser sind die Braunen, die Unterdrückten, für die man einstehen muss. Verstehen wir das richtig?

Neubauer: Das ist nicht meine persönliche Meinung, aber ein Auswuchs von einem Diskurs, wie ich ihn international mitbekomme. Dazu kommt, dass Palästinenser in weiten Teilen des internationalen Diskurses als Indigene gelesen werden. Und wenn wir über Klimagerechtigkeit sprechen, dann sind indigene Menschen im Zentrum vieler Kämpfe, sie gehören zu denen, die enorme Ungerechtigkeiten erfahren, obwohl sie auch diejenigen sind, die weite Teile der Ökosysteme und Artenvielfalt schützen. Ich glaube, wir sehen gerade, dass selbst die Intersektionalität an Grenzen kommen kann. Und zwar dort, wo auf der Suche nach dem größten Leid Leidenshierarchien aufgemacht und kaum Widersprüche zugelassen werden, dann verrennt man sich. Man landet bei fürchterlichen Annahmen.