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Ahnenforschung Das Krachen und Seufzen des Berges

Wer war Bruno Gutmann? In Afrika hofft sein Urenkel Antworten zu finden. Die erste Folge der "Spurensuche am Kilimandscharo" beginnt mit einem seltsamen Ding aus Bronze. Von

Lange habe ich mich nicht für das Leben meines Urgroßvaters interessiert. Er lebte die meiste Zeit auf einem anderen Kontinent, ein ganzes Jahrhundert entfernt, auf einem Berg. Doch nun will ich zu ihm. Seine Spuren führen weit weg, nach Afrika, an den Fuß des Kilimandscharo-Massivs. Es wird eine Reise, die mich um die halbe Welt, durch die deutsche Geschichte und zu den Wurzeln der eigenen Identität führt. Und die in einem kleinen, unauffälligen Dorf in Mittelfranken beginnt.

Die Zeichnung von Bruno Gutmann hing immer über dem Esszimmertisch der Großmutter. © privat

Das Dorf heißt Ehingen. Ehingen am Hesselberg. Meine Großeltern haben dort gewohnt, und auch meine Urgroßeltern. In Ehingen gibt es nicht viel. Einer der letzten richtigen Gasthöfe "Zur Sonne" hat gerade geschlossen. Die Wirtin wurde zu alt, und die Nachkommen haben wohl anderes zu tun als Bier an alte Männer auszuschenken. In Ehingen gibt es eine Kirche. Und vor der Kirche einen Platz, auf dem ein Brunnen steht. Es ist ein sehr einfacher Brunnen, mehr eine Tränke. Früher haben die Bauern hier ihr Vieh zum Saufen geführt. Damals waren die Straßen von Ehingen mit Rinderfladen bedeckt. Nun gibt es hier keine Rinder mehr, nur noch Autos, die durch den Ort donnern. Der Brunnen wurde an den Rand des Platzes versetzt, damit die Autos noch besser durchdonnern können.

Auf dem Brunnen ist ein komisches Ding aus Bronze angebracht. Es sieht aus wie eine Mischung aus Kreisel und Wagenrad. Man hat mir erklärt, es solle den Äquator darstellen, hier am Bruno-Gutmann-Brunnen. Und den Äquator hat man dort angebracht, weil Bruno Gutmann wohl der erste Ehinger war, der den Äquator erreicht hat. Der Weg an der Kirche vorbei, hinüber zu den Feldern, wo früher die Schafe weideten, heißt Dr.-Gutmann-Straße. Und wenn man durch das schmiedeeiserne Tor auf den kleinen Friedhof der Kirche geht, dann steht man vor einem Grabstein aus grob behauenem Granit. Darin sind Buchstaben aus Eisen eingelassen. "Zwischen uns ist Gott". Es ist das Grab von Bruno Gutmann.

Hier, in einem kleinen Häuschen gegenüber der Kirche, hat er seinen Lebensabend verbracht. Sonntags predigte er in dem evangelischen Gotteshaus, nachdem er mehr als 30 Jahre die Lehre des Christentum am Kilimandscharo verbreitet hatte. Bruno Gutmann war ein evangelischer Missionar. Er wurde 1902 von der Leipziger Mission an das andere Ende der Welt geschickt. Es war eine Zeit, als das heutige Tansania noch Deutsch-Ostafrika hieß und der Kilimandscharo "Kaiser-Wilhelm-Spitze". Damals war er der höchste Berg Deutschlands.  

Die Lavablöcke auf der Hochgebirgsheide klingen, umstrudelt von den Wogen des Windes. Die Erikawälder sausen und seufzen in nachtkaltem Sturme.
Bruno Gutmann

Mein Urgroßvater war 25 Jahre alt, als er Deutschland verließ und auf einem Schiff in Richtung Afrika fuhr. Er war nur wenig jünger als das Deutsche Reich, das Auto war gerade erst erfunden worden und vom Grauen zweier Weltkriege ahnte in Europa noch niemand etwas. Es ist eine Zeit, von der ich kaum etwas weiß. Anders als bei den Briten, Franzosen und Spaniern gehört die Kolonialzeit nicht zu unserem geschichtlichen Selbstverständnis.

Im Haus meiner Großmutter hingen immer unheimliche Dinge herum. Ein langer Speer mit Eisenspitze etwa, Stöcke mit seltsamen Mustern, Schilde aus schwarzem Leder und die Lehne eines Häuptlingsstuhls. Es gab auch seltsame Schnitzereien aus schwarzem Ebenholz, Löwen und Elefanten, aber auch ineinander verwundene Mischwesen aus Schlange und Mensch. Mein Urgroßvater hatte sie aus Afrika mitgebracht. Und über dem Tisch im Esszimmer hing eine Porträt-Zeichnung von ihm, Bruno Gutmann. Mit ernstem Blick schaut er in die Ferne. Meine Mutter sagt, als Kind habe sie sich immer vor dem Großvater gefürchtet. Streng sei er gewesen. Und fromm. Ich verstand das. Selbst mir fiel es als kleiner Junge schwer, unter dem Bild des Urgroßvaters einen warmen Kakao zu genießen.

Bruno Gutmann selbst soll kein Freund des Genusses gewesen sein. Die einzige Zeit, in der er Alkohol trank, war während des Zweiten Weltkriegs, wässriges Dünnbier. Ansonsten mochte er wohl lieber warme Getränke, er ging gerne in den Wald, um Bucheckern für Bucheckernkaffee und Brennnesseln für Brennnesseltee zu sammeln. Nur seinen Tee aus Fichtennadeln, den er einmal aufgegossen hatte, fand er selbst wohl zu schrecklich, um ihn zu trinken.

Dass mein Urgroßvater seinen Lebensabend im fränkischen Ehingen verbrachte, hatte mit Afrika zu tun. Bei Ehingen ragt ein hoher Berg aus der Ebene empor, der Hesselberg. Mein Uropa meinte, er sehe so ähnlich aus wie der Kilimandscharo. Nur mit einem Sendemast auf dem Gipfel statt einer Schneekuppe. Er hatte es nie ganz verwunden, dass die Mission ihn im Alter nicht mehr nach Afrika lassen wollte. Er hatte dort immerhin schon sein Grab ausgesucht.

Bruno Gutmann mit Familie © Verlag der Evangelisch-Lutherischen Mission

Nun stehe ich am Grab meiner Großmutter, es ist der Tag ihrer Beerdigung, und ich denke, dass ich wahrscheinlich das letzte Mal in Ehingen sein werde. Es gibt nun nichts mehr, was mich mit diesem Ort verbinden würde. Es ist das letzte Mal, dass ich die Dr.-Gutmann-Straße hinuntergehe. Zum letzten Mal werde ich die kleine Kirche anschauen, das letzte Mal auf den Friedhof gehen und diesen seltsamen Spruch lesen: "Zwischen uns ist Gott". Und an diesem Tag voller letzter Male, denke ich, dass ich dringend mehr erfahren muss über meinen Urgroßvater. Zum erstem Mal.

Ich habe ein Erbstück meines Urgroßvaters, ein Gemälde von einer Tanne. Meine Mutter hat mir erzählt, mein Urgroßvater habe das Bild für sein Wohnzimmer anfertigen lassen. Als Hintergrund für seine Weihnachtskrippe. Er hat jedes Jahr in seinem etwa 20 Quadratmeter großen Wohnzimmer nicht weniger als zehn Weihnachtsbäume aufgestellt. Alle geschmückt mit kleinen hölzernen Vögeln, die er eigens dafür hatte schnitzen lassen. Den Boden hatte er mit Moos bedeckt.

Mein Urgroßvater zog jeden Dezember in den Wald und sammelte dort Moos, Wurzeln, Misteln und Steine und Zweige. Alles, was er fand, schleppte er wie eine Ameise in sein Haus und formte daraus Hügel, auf denen Hirten Wacht hielten und Höhlen, in denen sich Füchse duckten. Er drapierte allerlei Figuren in dieser Landschaft: Ein Heer aus Engeln, mittendrin der würdige Erzengel Gabriel mit seinem Schwert und allerlei geflügelte Verkünder gab es. Und im Zentrum des Trubels natürlich Maria, Josef und das in einer Krippe liegende Jesuskind.

Da der Wald nicht an der Wohnzimmertapete enden sollte, hat er den Schreiner, der die Vögel geschnitzt hatte, auch damit beauftragt, jenes Bild von einer Tanne im Wald malen zu lassen. Das Wohnzimmer-Panorama sah so aus, als sei Jesus nicht in Bethlehem, sondern im Frankenland geboren worden.

Buchcover "Das Volksbuch der Wadschagga" © Verlag der Evangelisch-Lutherischen Mission

Wenn die Weihnachtskrippe aufgebaut war, lud mein Urgroßvater das ganze Dorf ein, um das Werk bestaunen. Und alle kamen. Wer ins Wohnzimmer wollte, musste eine kleine Spende in die Büchse des Missionswerkes stecken. Die Blechdose war von einer kleinen dunkelhäutigen Figur aus Gips gekrönt, die durch einen Mechanismus mit dem Kopf nickte, wenn an eine Münze einwarf – "Missionsnegerlein" nannte man das damals. Das weiß ich, weil ich es einmal für eine kleine Weihnachtsgeschichte recherchiert habe, "Die Tanne meines Urgroßvaters" nannte ich den Text.

Neben dem Bild des Baumes gibt es auch ein Buch, das ich schon seit mehr als zehn Jahren im Regal stehen habe: das Volksbuch der Wadschagga von Bruno Gutmann aus dem Jahr 1913. Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Luise von Schönburg-Waldenburg in Ehrerbietung gewidmet, der damaligen sächsischen Monarchin.

Es beginnt: "Der Kilimandjaro ist ein stimmenreiches Gebirge. Die Kibogletscher krachen. Steinschläge gehen am Mawentsi nieder und manchmal stürzt ein zermürbter Turn herunter, daß die Donner durch die Menschentäler rings um seinen Fuß hallen. Die Lavablöcke auf der Hochgebirgsheide klingen, umstrudelt von den Wogen des Windes. Die Erikawälder sausen und seufzen in nachtkaltem Sturme. Unzählige Singvögel nisten in den Büschen und grüßen jeden jungen Tag mit lichtfrohen Weisen. Aber all' diese Stimmen: sie tönen und schweigen, sie tönen und schweigen. Nur eine Stimme durchklingt die Täler ohne Ruh: das stürzende Wasser. Erhaben und furchtbar tönt sie im wolkenschweren Tropenwinter, trostvoll sanft in der heißen, erdezerbröselnden Zeit."

Ich habe diese Zeilen nie zuvor gelesen, das Buch stand jahrelang nur in meinem Regal. Aber nun erscheinen mir die Sätze so stimmungsvoll, dass ich am liebsten dorthin fahren würde, um selbst zu hören, ob der Kilimandscharo kracht und seufzt.

Es wird noch einige Zeit vergehen, bis ich das herausfinden kann. In der Zwischenzeit erreicht mich ein Brief von einem Leser der Weihnachtsgeschichte. Er schreibt, er habe als Junge in Ehingen gelebt und Bruno Gutmann bei einem Gottesdienst erlebt. Die Predigt selbst habe er kaum verstanden, aber die Inbrunst und Ergriffenheit, mit der Gutmann gebetet habe, habe ihn schon immer beeindruckt. Er habe auch das Volksbuch der Wadschagga von Gutmann gehabt und darin während des Schafehütens auf der Weide gelesen.  Der Briefschreiber meinte, er wolle nur auf eines aufmerksam machen: Mein Bild könne unmöglich eine Tanne zeigen. Die wüchsen nämlich nicht in Mittelfranken. Das Bild zeige höchstwahrscheinlich eine Fichte.

Ich bin beeindruckt. Jeder scheint mehr über meinen Urgroßvater zu wissen als ich. Ich mache das, was jeder Mensch tut, wenn ihn seine Unwissenheit zu sehr peinigt: Ich schaue im Internet nach.

Und tatsächlich: Mein Urgroßvater hat sogar einen Wikipedia-Eintrag. Wie hat er das gemacht, frage ich mich.

Kommentare

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Hi,

nette Geschichte über den Urgroßvater. Nur die Beschreibung des Dorfes würde ich gerne zurecht rücken. Sonst glauben Deine Leser noch Ehingen liegt in MeckPomm und ist gerade am aussterben.
Das mit dem Wirtshaus hatte familiäre Gründe. Der Laden hat ordentlich gebrummt - kein Wunder, die Küche war erstklassig und die Räumlichkeiten sehr urig und heimelig. Aber es stimmt schon, von ehemals 8 Wirtshäusern ist jetzt nur noch eines übrig.
Und dann ist da noch was ... Ehingen hat zwei Kirchen. Beide evangelisch .... natürlich.
Und zur Ahnenforschung könnte ich auch noch einen Beitrag leisten. Ich glaube „Dichten und Denken der Dschagganeger: Beiträge zur ostafrikanischen Volkskunde" habe ich noch im Dachboden liegen.

Viele Grüße

ein Hesselberger

Sehr geehrter Herr Prüfer,
ich habe ihren Beitrag in der Zeit mit großem Interesse gelesen. Warum ich Ihnen schreibe, hat mit dem Staunen tun, das Sie zum Schluss ihres Artikels zum Ausdruck bringen. Wenn es Sie erstaunt, dass Wikipedia ihren Großvater kennt, dann dürfte es sie um so mehr verwundern bis interessieren, dass selbst die Gegenwartsliteratur, welche die deutsche Kolonialgeschichte gegenwärtig zum Thema ihrer – mitunter kritischen – Auseinandersetzung macht, auch auf ihren Großvater Bezug nimmt. So verarbeitet etwa der Roman Usambara (2007) von Christof Hamann Passagen aus Dichten und Denken der Dschagga-Neger. Das nur als kleiner Lektürehinweis, der erkennen lässt, dass der deutsche Kolonialismus, wenn (noch) nicht als Thema in der deutschen Öffentlichkeit, so doch innerhalb der gegenwärtigen Literatur zum Gegenstand – zumindest im Falle dieses Textes – kritischer Reflexion geworden ist.