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Und wie du wieder aussiehst!

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Die New Yorker Illustratorin Jenny Williams zeichnet für ihr Blog ›What my daughter wore‹ die Outfits ihrer Tochter Clementine. Und macht sie so zur Stilikone.

Suri Cruise hatte eine schlimme Phase. Aber das war einmal. Heute ist die Tochter von Katie Holmes und Tom Cruise acht Jahre alt und offensichtlich recht vernünftig. Trägt pinke Flauschstiefel zum pinken Plüschmantel, wie es Mädchen in ihrem Alter eben gern tun. Als sie drei war, mussten es Absatzschuhe sein. In Silber. Ihre Mutter ließ sogar Ministilettos von Christian Louboutin für sie anfertigen. Alle Welt war empört, verantwortungslose Katie, verzogene Suri.

Kinder sind wundersame Geschöpfe. Unablässig konfrontieren sie ihre Eltern mit der Frage, wie sich eine Persönlichkeit entwickelt. Welchen Einfluss haben Vorbilder, was ist bloß Nachahmung? Woran erkennt man den ureigenen Willen dieser kleinen Menschen und wann sollten Erziehungsberechtigte sich ihm fügen?

Wenn meine Tochter etwas trägt und es an jemand anderem sieht, legt sie es ab.
Jenny Williams
Jenny Williams beim Zeichnen © Rabea Weihser

Jenny Williams beobachtet ihre Kinder mit geschultem Blick. Vor 22 Jahren, sie hatte gerade das Kunststudium in New York abgeschlossen, wurde ihr erster Sohn geboren, vor 14 Jahren ihr zweiter, vor elf Jahren ihre Tochter. In erster Linie sei sie Mutter, sagt sie. Aber sie zeichne, seit sie denken könne. Mit Vorliebe Porträts, die Gesichter ihrer Familie. "Ich habe ganze Regalwände voller Skizzenbücher, Bilder aus meinem Leben und vor allem aus dem meiner Kinder." Andere machen Fotos, Jenny Williams malt, um das weiße Rauschen der Zeit in Farbe festzuhalten. Sie wollte der flüchtigen und launenhaften Jugend etwas Bleibendes abtrotzen und setzte 2011 ein Blog auf.

What My Daughter Wore dokumentiert den eigensinnigen Kleidungsstil ihrer Tochter Clementine und deren Freunde. Ihre beiden Söhne haben mit Mode nichts am Hut. "Das Blog war eine selbstdisziplinierende Maßnahme, um jeden Tag etwas zu zeichnen", sagt Williams. "Ich mag geradlinige Street-Style-Blogs und wollte etwas machen, das ich mir selbst gern anschauen würde. Nur für mich und meine Tochter." Ganz so familiär blieb es dann doch nicht. What My Daughter Wore wurde 2013 vom Time Magazine unter die besten 25 Blogs des Jahres gewählt, weil es das luxusmarkenfixierte Posieren in den üblichen Modeblogs ad absurdum führe. Jenny Williams' Kindergesichter, die dreijährigen und auch die 15-jährigen, erzählen immer eine Geschichte zum Outfit. Gerade arbeitet sie eifrig an einem Bildband mit 150 neuen Zeichnungen.

Im Erdgeschoss eines alten Lagerhauses in Brooklyn hat sie ihr kleines Atelier, eine Nische von rund zehn Quadratmetern zwischen weißen Backsteinen und Leichtbauwänden. Hier im Viertel South Williamsburg klettern gerade die Mietpreise hinauf ins Luxussegment. Williams wohnt schon seit einigen Jahren in der Gegend. Freie Künstler und Kreative können sich das Leben hier nur noch mühsam leisten. Williams' Ehemann arbeitet an der Wall Street, er verdient das Geld. "Wir sind wie Yin und Yang", sagt sie.

Kräftige Striche und weiche Farben   

Während sie am Schreibtisch sitzt und leise von sich und ihrem Blog erzählt, zittern ihre Mundwinkel ein wenig. Sie streicht sich den rotblonden Pony aus den Augen, Selbstdarstellung liegt ihr nicht. Williams weiß, dass das zum Geschäft gehört, möchte aber am liebsten die Zeichnungen für sich sprechen lassen. Sie zieht ein Blatt aus ihrer Mappe, ein Mädchen in gemustertem Kleid. Dann sucht sie die Fotovorlage auf ihrem Tablet-Computer und greift zum Buntstift. Ein paar Kleinigkeiten fehlen noch. Ihre Bilder sind detailverliebt und doch an den richtigen Stellen vergröbert. Mal setzt sie kräftige Striche, mal schummert sie die Farben weich ineinander. "Ich arbeite vom Foto, anders wäre das nicht umsetzbar. Ich muss ja vor allem vormittags zeichnen, wenn die Kinder in der Schule sind." Befreundete Eltern schicken ihr diese Fotos. Möglicherweise nicht ohne Stolz auf ihre stilbewussten Zöglinge, die sich gerade eine Ausdruckskraft aneignen, um die Ältere sie beneiden.

Skizzen an der Wand des New Yorker Ateliers von Jenny Williams © Rabea Weihser

Der Modemut der Kinder und Jugendlichen beeindruckt viele Erwachsene, ein Lolita-Effekt, jedoch ohne sexuelle Konnotation. Die Großen sehen sich selbst in Miniaturform, gespiegelt in einer Hello-Kitty-Brille. Das Alberne, Naive, Überdrehte, Fantasievolle, Verspielte, von Konventionen Unverdorbene eignet sich den Ernst des Lebens an. Erfrischend, nennen das die Alten. Und Erfrischung ist in der alternden und gleichsam jugendfixierten Modegesellschaft das höchste Gut.

Längst sind Muster-, Farb- und Materialmix von den Laufstegen hinab in die Läden der Klamottendiscounter gefallen. Übergroße Baseballjacken zu Leopardenleggings, Boyfriend-Jeans zum lila Lurextop. Alle Stile werden miteinander gemischt, es gibt keine verlässlichen Dresscodes mehr, alles ist erlaubt. Sehen Erwachsene in dieser wilden, eklektischen Mode nicht aus wie die Kinder auf What My Daughter Wore? Oder ist es andersherum, orientieren sich die Kids einfach nur an den aktuellen Trends, denen sie im Internet und auf der Straße begegnen?

Individualistisch und extrovertiert

Manche Kinder malt Jenny Williams auch in Ölfarben. © Rabea Weihser

"Meine Tochter sucht ihren ganz eigenen Ausdruck", meint Jenny Williams. "Wenn sie etwas trägt und es an jemand anderem sieht, legt sie es ab." Williamsburg ist ein gutes Pflaster für Individualisten. Extrovertiertheit im Rahmen der liberalen Norm gilt hier als vorbildlich. Die elfjährige Clementine findet ihr Material in den vielen Second-Hand-Shops. Schon als sie vier war, bestand sie auf ein besonderes Outfit. "Ein ganzes Jahr lang wollte sie nur Turnanzüge tragen. Jeden Tag. Mit einem Rock drüber. Das ist nicht sehr praktisch, vor allem wenn man mal auf Toilette muss. Aber ich habe sie machen lassen", erzählt Williams.

Natürlich ruft ihr Blog neben all den Fans auch Kritiker auf den Plan. "Schlimme, eitle Hipsterkinder von schlimmen, eitlen Hipstereltern" seien das. Aber ist der kindliche Spaß am Be- und Verkleiden wirklich ein Phänomen unserer Zeit und noch dazu verdammenswert? Vielleicht sind Eltern bloß toleranter geworden. Anstatt einzugreifen und durch Verbote Protest zu provozieren, schauen sie mit großen Augen zu, wie sich kleine Persönlichkeiten entwickeln. Manche dokumentieren das zur Freude anderer. Jenny Williams macht es auf eine sehr sympathische, künstlerische Weise.