Gesellschaftskritik: Je öder, je doller

© JB Lacroix/GC Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Der Hipster hat es wahrlich schwer dieser Tage. Niemand will sein wie er, und mittlerweile will sogar niemand mehr über ihn sprechen. Um es mit den Worten unseres alten Semiotik-Homies Ferdinand de Saussure zu sagen: Signifikant und Signifikat sind so was von durch.

Strukturell hat sich aber unter den jungen, modebewussten Menschen gar nicht so viel geändert. Sie tragen immer noch signifikant bescheuerte Klamotten, nur dass es für diesen Trend jetzt einen neuen Begriff gibt – Normcore.

Glauben Sie keinem, der Ihnen weismachen will, Normcore sei Ausdruck des Aufbegehrens gegen ein gesellschaftliches Was-auch-immer, der Ruf einer saturierten Jugend nach Erlösung von Schieß-mich-tot. Denken Sie einfach an die konsequente Fortführung dessen, was die Hipster-Kultur kennzeichnete: maximale Hässlichkeit in jeglicher Form, stilisiert als Ausdruck der Individualität. Als besonders hässlich wird meistens das empfunden, was 15 bis 20 Jahre zuvor als schön oder zumindest normal galt.

Der neuste Schocker sind demnach Prominente, die sich der auffälligen Neonleggins und bauchfreien Häkelwesten verweigern und T-Shirt und Jeans für sich entdecken. Lady Gaga wurde kürzlich in Carohemd und Latzhose gesichtet. Ryan Gosling trägt tatsächlich graue Langarm-Jerseys und Britney Spears, ja, das ist Wahnsinn – wenn es jemanden gibt, der als Normcore auf die Welt kam, dann wohl sie. Addieren Sie Wolfgang-Petry-Lookalikes und Pisspottschnittträger, subtrahieren Sie Ironie, multiplizieren Sie das Ergebnis mit CK One und Sie erhalten die Wurzel des Normcore.

Anhänger dieser baumwollweichen Bewegung teilen mit: "Ich bin so besonders, ich habe es nicht nötig, das zu zeigen." Understatement und Spießertum in modischer Allianz lassen es nun endlich zu, die besonders rätselhaften Personen des öffentlichen Lebens als Trendsetter zu bezeichnen. Christian Wulff tut alles für ein Haus in Großburgwedel – Normcore! Bushido versorgt seine Hunde mit gutem Frischfleisch – Normcore! Christine Neubauer spielt die Landärztin – Normcore! Veronika Ferres geht über die Straße – Normcore!

So. Und jetzt haben Sie dieses Wort so oft gelesen, dass Sie es bestimmt nie wieder benutzen wollen.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich empfinde mich als etwas gelähmt nach dieser Form von Gesellschaftskritik bei der mir erklärt wird wer was auf irgendwelchen Fotografien angezogen hat und was die Menschen darüber denken. Soll das das Ergebnis sein?
Ist der Artikel auch Normcore? Rabea, mach doch mal wieder was anderes, versuche die Sonne abzumalen oder bastel eine Erklär-Bär-Maske und setz dich damit vor den Laptop. :-)

Jemand der intellektuell und in seiner Persönlichkeit etwas zu bieten hat, kleidet sich nicht schrill, auffällig oder nach Aufmerksamkeit heischend, weil er/sie doch die Aufmerksamkeit durch ihre Qualitäten schon bekommt...

Nicht überzeugt? Fragen sie doch bei der nächsten Gelegenheit jemanden der "auffällig" angezogen ist, nach seinem Beruf. Bei den Wave/Gothic Menschen die ich kenne kommt meistens Bankkaufmann/Einzelhandel/Langeweile/Ödnis als Ergebnis heraus.
Dies kompensieren sie in ihrer Freizeit durch ihr Äußeres. ;)

Mir gefällt die Neugestaltung dieses Resorts überhaupt nicht. Die Kommentarfunktion, Herzstück von Zeit Online, hier anders zu gestalten halte ich für einen Fehler. Freunde von Freunden kann man gar nicht mehr kommentieren. Für mich ist diese Kolumne gestorben. Wenn ich nur die Fotos ansehen will, dann gehe ich lieber gleich auf die FvF Originalseite, denn dort sind die Fotostrecken angenehmer konsumierbar.

Die Idee der Rubrik ‚Gesellschaftskritik‘ finde ich zwar gut, aber die Themen sind doch sehr, sehr seicht. Das sage ich als jemand, der sich Banalitäten eigentlich gerne hingibt. Die Artikel sind viel zu kurz. Sie kratzen lediglich an der Oberfläche. Andererseits ist das bei der Themenauswahl vielleicht besser so.

Zum Thema:

"Ich bin so besonders, ich habe es nicht nötig, das zu zeigen."

Erstens ist das absolut richtig. Und zweitens geht es hier um Paparazzifotos, die Prominente in Freizeitkleidung zeigen. So gehen sie nicht zur Oscarverleihung, sondern mit dem Hund gassi. Es ist ein bisschen auf dem Niveau der Sendung taff darüber einen Artikel zu schreiben und einen neuen Trend zu evozieren. Prominente lassen manchmal die Kunstfiguren, für die wir sie kennen, zu Hause und versuchen durch unauffällige Kleidung nicht erkannt zu werden und mal für eine Zeit wie jeder andere auch zu sein.

Liebe Frau Weihser, ich hoffe Sie haben sich dieses Thema nicht selbst ausgesucht und dass Sie beim Schreiben mehr Spaß hatten als ich beim Lesen.