© Kristy Sparow/Getty Images

Ästhetik "Schönheit ist niemals privat"

Wie gefährlich sind Schönheitsideale? Warum gefällt uns jemand und ein anderer nicht? Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho über die Unverwechselbarkeit des Unperfekten. Interview: und

ZEIT Online: Herr Macho, was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen: "Das ist ein schöner Mensch"?

Thomas Macho: Das hängt davon ab, in welcher Situation wir das sagen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wir sehen im Fernsehen einen Film und die Erscheinung einer Schauspielerin oder eines Schauspielers begeistert uns spontan. Vielleicht würden wir dann sagen: Diese Frau, dieser Mann ist schön. Es ist aber auch vorstellbar, dass wir in einem Café sitzen, jemand kommt herein und zieht einen plötzlich in den Bann. Wir würden vielleicht wieder sagen, dass dieser Mensch schön sei. Dennoch ist es etwas ganz anderes.

ZEIT Online: Worin besteht der Unterschied?

Macho: Der Unterschied zwischen Bild und Person hängt mit zwei Ideen von Schönheit zusammen: zum einen der Schönheit, die auf Regel, Ähnlichkeit und Gleichheit abzielt, zum anderen der Schönheit, die Individualität und Einzigartigkeit favorisiert. Physiognomiker berechnen zum Beispiel, in welche Maßverhältnisse das Streben nach normierter Schönheit umgesetzt werden kann. Bildhauer können diese Erkenntnisse dann dazu nutzen, um eine Statue zu bauen, die dieser Norm gerecht wird. Daneben behauptet sich aber immer auch das Schönheitsideal der Distinktion, der Besonderheit. Ich würde sogar sagen, dass beide Schönheitsideale schon immer in Konkurrenz zueinander gestanden haben.

ZEIT Online: Es ist also das Unperfekte am Schönen, was uns anzieht?

Macho: Das frühere Supermodell Cindy Crawford hatte zum Beispiel einen Leberfleck, den man mit Lasertechnologie vermutlich sofort hätte entfernen lassen können. Doch bei ihr war dieser Fleck so was wie das Tüpfelchen auf dem i ihrer Schönheit. Das lässt sich auch bei aktuellen Topmodels beobachten, etwa bei Cara Delevingne mit ihren buschigen Augenbrauen. Diese Frauen entsprechen gewissen Normen, aber der Grund für ihre Bekanntheit besteht immer auch in ihrer Unverwechselbarkeit.

ZEIT Online: Was ist denn so attraktiv an Schönheit, dass wir unser ganzes Umfeld wie bei einer Rasterfahndung danach absuchen?

Macho: Ich frage mich, ob wir das wirklich tun. Es mag zwar sein, dass wir in der Lage sind, mit technischen Zuschreibungen zu arbeiten, wenn wir uns Models in einem Modekatalog anschauen. Im Alltag aber verhalten wir uns doch anders. Wir scannen nicht die Gegend ab, wir werden eher von Schönheit überrascht. Da kommt jemand herein, wir bemerken den Gang, die Augen, die ja keine leblosen Glasmurmeln sind, sondern einen direkt anblicken können. Das kann ungemeine Schönheit ausdrücken, auch bei Menschen, die auf den ersten Blick keinem Ideal entsprechen.

Einen Rubensakt hat doch kaum jemand gesehen.
Thomas Macho

ZEIT Online: Was wissen wir denn darüber, wie Schönheitsideale entstehen?

Macho: Erstaunlich wenig. Es ist naheliegend, dass sich Schönheitsideale in der Vergangenheit gewandelt haben. Doch: Wenn ein großer Maler in der Renaissance einen Akt gemalt hat, mag man zwar annehmen, dass er gewisse Schönheitsideale seiner Zeit beachtet hat. Sein Bild war jedoch ein vergleichsweise singuläres Ereignis. Kaum jemand hatte Zugang zu diesen Kunstwerken. Entsprechend gering kann deren normierende Wirkung ausgefallen sein. Erst seit es die industriellen Bildherstellungs- und Verbreitungstechnologien gibt, ist jeder Haushalt mit Bildern konfrontiert, die normativ auf unser Geschmacksempfinden wirken.

ZEIT Online: Stimmt es denn, dass die Menschen früher füllige Frauen zum Ideal verklärten, weil Wohlgenährtheit mehr Wohlstand signalisierte?

Macho: Das wird immer wieder geschrieben. Ich bin mir da nicht sicher. Es gibt eben – anders als heute – vergleichsweise nur wenige Bilder, die für ein solches Schönheitsideal sprechen. Denken wir beispielsweise an einen Rubensakt: Dieses Bild hat doch kaum jemand gesehen.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren