John Galliano : Der Schillernde im Haus des Unsichtbaren

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Nach seiner Entlassung bei Dior kehrt der extravagante John Galliano in die Mode zurück – als Kopf der Avantgarde-Marke Martin Margiela. Aber wie passt das zusammen? Von

Drei Jahre ist es her, dass John Galliano sich in Paris lächerlich machte: Der Modedesigner, bislang eine der einflussreichsten Personen der Branche, beleidigte Gäste in einer Bar mit antisemitischen Sprüchen. Das französische Traditionshaus Dior warf ihn raus. Galliano musste vor Gericht und in den Entzug.

Nun kehrt er überraschend zurück: Der 53-jährige Brite wird Kreativchef des Modehauses Maison Martin Margiela. "John Galliano ist unbestritten eines der größten kreativen Talente aller Zeiten", sagte Renzo Rosso, Chef des Margiela-Eigners OTB. Galliano sei "ein einmaliger und außergewöhnlicher Modeschöpfer für ein Modehaus, das die Modewelt immer herausgefordert und erneuert hat". 

In der Tat gilt John Galliano vielen nicht nur als sehr kontrovers, sondern auch als extrem talentiert. In Gibraltar geboren und in London aufgewachsen, studierte er Design an der renommierten Universität Central Saint Martins – als er 1984 seinen Abschluss machte, kaufte die Londoner Boutique Brown’s seine gesamte Kollektion auf. Nur drei Jahre später wurde er Designer des Jahres, 1995 schaffte er als erster Brite den Sprung an die Spitze eines französischen Couture-Hauses: Givenchy ernannte ihn zum Chefdesigner, kurze Zeit später wechselte er zu Dior. Dort war Galliano für den ungewöhnlichen Auftritt zuständig: Er schickte Supermodels als russische Prinzessinnen und Showgirls über den Laufsteg und ließ sich selbst als Pirat im Fantasiekostüm fotografieren. Die Devise seiner Schauen: Mehr ist mehr.

Anonymität gegen den Personenkult

Deshalb könnte Gallianos neue Position kaum ungewöhnlicher sein. Während er als Mode-Theatraliker mit Hang zum Extravaganten gilt, ist das Haus Margiela bekannt für seine minimalistischen und konzeptionellen Kollektionen. Gegründet wurde es 1988 vom Belgier Martin Margiela, der mit Designern wie Dries van Noten oder Ann Demeulemeester zum Kreis um die Antwerp Six gehörte: einer Gruppe junger belgischer Designer, die dem bunten Power Look der achtziger Jahre eine intellektuelle, mitunter düstere Mode entgegensetzten.

Margiela machte das Prinzip der Dekonstruktion zum Programm seiner Designs: Statt gefälliger Kleidung entwarf er Mäntel mit nach außen gekehrten Nähten und offenen Säumen, schneiderte Oberteile aus Handschuhen oder alten Jeans. An den Kleidungsstücken stellte er ihren Entstehungsprozess dar und wurde zum Aushängeschild einer intellektuellen "Meta-Mode".

Vor allem aber setzt Margiela dem Personenkult der Modebranche einen Anonymitätskult entgegen: Margiela galt als der "unsichtbare Mann", er gab keine Interviews und ließ sich nach den Schauen nicht auf dem Laufsteg beklatschen. Seine Kleidung sollte für sich sprechen. So fiel es kaum auf, als der Gründer sein Haus 2009 verließ. Die Kollektionen, hieß es, würden ohnehin längst von einem Kollektiv-Team entworfen.

Der italienische Konzern OTB, der Maison Margiela vor Jahren kaufte, will nun offenbar einen anderen Kurs einschlagen. Schon seit einiger Zeit treibt es die Kommerzialisierung des Labels voran: Während früher nur Eingeweihte die Margiela-Geschäfte – in abgelegenen Wohngegenden und ohne Hausschild – fanden, brachte das Haus 2012 eine gemeinsame Kollektion mit H&M auf den Markt. Bei der Pariser Fashion Week sitzt heute Kanye West in der ersten Reihe der Margiela-Schauen.

Für John Galliano, der in der Zeit nach seiner Entlassung eine Kollektion für Oscar de la Renta entworfen und für eine russische Parfumkette gearbeitet hat, ist es die Rückkehr an die Spitze eines großen Pariser Modehauses. Für das Unternehmen Margiela ist es eine ebenso große Zäsur. Das Prinzip Margiela und das Prinzip Galliano könnten unterschiedlicher kaum sein.  

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