Wendejacke Der richtige Dreh

Sie ist ein Provokateur, ein Unruhestifter im Herrenhaus der Mode. Warum tragen wir sie eigentlich kaum noch? Zum Wendejubiläum ein Hoch auf die Wendejacke!
© Trevor Good

Über die Wendejacke heißt es oft, sie sei praktisch. Damit haftet ihr das gemeinste Attribut an, das überhaupt im Zusammenhang mit Mode stehen kann. Praktisch bedeutet: ausgestattet mit Funktionsbanalitäten und ästhetisch von fraglichem Wert. Die Trekkinghose mit Oberschenkelzipper oder der militärgrüne Regenponcho, das sind praktische Kleidungsstücke. Die Wendejacke allerdings fällt zu Unrecht in diese Kategorie. Denn ihr allegorischer Wert ist bedeutend größer als ihr Nutzen.

Erfunden haben die Wendejacke wohl geografisch nicht genau verortbare Schäfer, die schon vor langer Zeit je nach Wetterlage und Temperatur die Fell- oder die Lederseite ihrer Kutten nach außen kehrten. Dieses Prinzip lebt bis heute fort, etwa bei Matratzen mit einer wolligen Winter- und einer kühlen Sommerseite.

Der modische Nutzen der modernen Wendejacke liegt auf der Hand: Sie zeigt die Vielseitigkeit ihres Trägers. Vom Alter Ego so einer Jacke ist ja nicht mehr zu sehen als ein Farbschimmer oder die Umrisse einer versteckten Tasche. Doch das ist gerade genug, um ein wenig Verwirrung zu stiften. In einer Wendejacke ist man stets mehr als nur das, was das Gegenüber auf den ersten Blick erfasst.

Reversible, umdrehbar, so lautet der aus dem Französischen stammende Fachbegriff für diese Art von Kleidungsstück. Er bezeichnet zugleich ein Paradox. Denn es ist die Kunst guter Schneider, dem Körper eine makellose Stofffassade zu verleihen und alles, was den Entstehungsprozess eines Kleidungsstücks verrät, im Inneren zu verstecken. 

In den achtziger Jahren haben der Belgier Martin Margiela und die Japanerin Rei Kawakubo begonnen, die Fassade der Mode in Frage zu stellen. Sie drehten Blazer auf links, gaben Nähte und Säume als Ornamente aus und machten Futterstoffe zum Obermaterial. Plötzlich war Baumwollnessel Luxus und Seide passé.

Aus diesem Aufbruch heraus erlebte die Wendejacke ihre große Stunde. Sie wurde ein Kleidungsstück für die Konsumkritischen, für Grenzgänger zwischen Theater und Tresen, Audimax und Friedensdemo. Wirklich gewendet wurden die Jacken dabei so gut wie nie. Aber ihre Wandelbarkeit passte perfekt in die Zeit. Wer wusste damals am Abend schon, in welchem Gesellschaftssystem er am nächsten Morgen erwachte. Da schien man mit einer Wendejacke für alle Fälle gerüstet.

Doch mit der Wende begann das Verschwinden der Wendejacke. Der Wunsch nach Eindeutigkeit und eine gewisse Uniformität hatten sich breit gemacht in den Kleiderschränken. Heute ist die Wendejacke nur noch im Sortiment von Outdoormarken zu finden, innen flauschig, außen winddicht versauert sie dort im Allwetterregal. Niemand will in so einem Teil das Haus verlassen.   

Dabei passte eigentlich nichts besser in unsere mobilen Großstadtleben. Wenn der Jutebeutel samt Zahnbürste und frischer Wäsche mit zur Clubnacht darf, weil man nie weiß, was der Abend bringt, dann wäre eine Lederjacke, die am sonnigen nächsten Morgen Leinenblouson ist, die perfekte Begleitung. Diejenigen, die unter der Überästhetisierung des Alltags leiden, könnten mit grellen Innenjacken provozieren. Statt Facebook-Status könnte die jeweilige Jackenseite Ausdruck unserer Stimmung sein. In einer Zeit, in der zunehmend das Äußere das Innere bestimmt, könnten wir üben, regelmäßig unser Inneres nach außen zu kehren. In dieser Hinsicht wäre die Rückkehr der Wendejacke fast schon eine friedliche Revolution.

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